Corona

Die Verunsicherung nimmt zu

Mit Maske und Abstand: Rabbiner Avichai Apel beim Gebet in der Frankfurter Westend-Synagoge Foto: Rafael Herlich

Dynamisch: Mit diesem Wort lässt sich die derzeitige Entwicklung der Corona-Pandemie in Deutschland wohl am ehesten beschreiben. Der neuerliche rasante Anstieg der Infiziertenzahlen fordert auch die Gemeinden heraus. So gelten je nach Bundesland und Kommune mitunter unterschiedliche Regelungen zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im Gottesdienst. Hessen hat eine Maskenpflicht bei Stufe rot eingeführt. Je nach Sieben-Tage-Inzidenz werden die Konzepte laufend angepasst.

Im südhessischen Darmstadt galt bis zum vergangenen Freitag zwar Maskenpflicht im gesamten Gebäude der Gemeinde. Sobald man sich in der Synagoge am zugewiesenen Platz hinsetzte, durfte die Maske jedoch abgenommen werden. Das berichtet Daniel Neumann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, im Telefongespräch mit der Jüdischen Allgemeinen.

Am vergangenen Freitag habe die Stadt Darmstadt, so Neumann, wegen der über einen Grenzwert gestiegenen Sieben-Tage-Inzidenz beschlossen, die Maskenpflicht auf den gesamten Gottesdienst auszuweiten. Nun gelte sie auch am Platz.

Mitglieder der Gemeinden halten sich an die Regeln.

Die Infektionsschutzmaßnahmen, zu denen neben dem Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes auch die Einhaltung von Hygiene und Mindestabstand zählt, werden in Darmstadt laut Neumann eingehalten. »Die Leute sind sowohl diszipliniert als auch zufrieden mit dem Handling«, sagt er. Es gebe keine diesbezüglichen Beschwerden oder Protestbekundungen seitens der Mitglieder. Auch die neuerliche Verschärfung der Maskenpflicht sei »überhaupt kein Problem«.

Gleichwohl beobachtet Neumann, dass die Gemeindemitglieder angesichts steigender Corona-Ansteckungszahlen wieder nervöser werden: »Die derzeitige Situation ruft eine hohe Verunsicherung bei den Leuten hervor.« In der Darmstädter Synagoge sei unter den derzeitigen Bedingungen Platz für etwa 50 Beter. Diese Grenze sei an den Hohen Feiertagen erreicht worden, sagt Neumann.

Er befürchtet, dass die Gemeindemitglieder sich künftig wieder zurückhalten und auf den Synagogenbesuch verzichten könnten.

ROBERT-KOCH-INSTITUT Auf einer digitalen Deutschlandkarte des Robert-Koch-Instituts (RKI) erscheinen Hessens Städte und Landkreise zu Wochenbeginn rot oder dunkelrot eingefärbt, was durchgehend überhöhte Corona-Zahlen bedeutet. Als Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen kann Daniel Neumann auch über die Situation im gesamten Bundesland sprechen. »Es gibt keine Gemeinde, wo es keine Maskenpflicht im Gebäude gibt«, sagt er. Ob diese Pflicht durchgehend gelte, werde jeweils vor Ort entschieden. Wenn der erforderliche Mindestabstand jedoch nicht eingehalten werden könne, gelte die Maskenpflicht überall.

Man hofft, dass es nicht zu einem zweiten – religiösen – Lockdown kommt.

Bezüglich des Umgangs mit den steigenden Infiziertenzahlen gebe es in der einen oder anderen hessischen Gemeinde eine gewisse Unsicherheit. Neumann betont jedoch für seinen Landesverband: »Wir denken ganz klar nicht über eine erneute Schließung nach.« Denn man sei im Umgang mit den Hygieneregeln routinierter geworden. Und da die Besucherzahlen der Synagogen nicht so hoch seien, könne der Mindestabstand eingehalten werden.

Er berichtet indes auch von einer hessischen Gemeinde, die wegen gesunkener Besucherzahlen keine Präsenzgottesdienste mehr durchführe. Daniel Neumann resümiert, er hoffe, dass es nicht zu einem zweiten – auch religiösen – Lockdown kommt.

ZURÜCKHALTUNG Was die Corona-Erkrankung eines Mitglieds für eine kleine Gemeinde bedeuten kann, sagt Friedrich Thul, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Aachen, unverblümt: »Dann können wir den ganzen Laden dichtmachen.« Auch Aachen ist auf der RKI-Karte rot eingefärbt. Angesichts der steigenden Zahlen beobachtet Thul eine Zurückhaltung bei den Älteren und jenen, die Angst haben.

In der gesamten Gemeinde, auch im Gottesdienst, gelte Maskenpflicht, erläutert er im Telefongespräch. Bei der derzeit in Aachen gemessenen Sieben-Tage-Inzidenz gebe es keine andere Möglichkeit. In der Innenstadt sei das Tragen einer Maske ebenfalls vorgeschrieben, sagt Thul. Ohne Mund-Nasen-Schutz komme man nicht ins Gebäude der Gemeinde.

Thul betont ausdrücklich: »Wir haben keine Maskenverweigerer.« Die Beter hielten sich an die geltenden Hygienevorschriften. Insgesamt 80 Menschen dürften laut Thul derzeit in die Aachener Synagoge.
An den Hohen Feiertagen seien die Kapazitäten nicht bis auf den letzten Platz ausgereizt gewesen.

Die Zurückhaltung der Gemeindemitglieder betrifft nicht nur den Gottesdienst. Auch andere Aktivitäten hätten abgenommen, berichtet Friedrich Thul. Es gehe nun darum, »den Gemeindebetrieb auf kleiner Flamme aufrechtzuerhalten«.

MASKEN Was in Darmstadt, Aachen und andernorts noch als ferne, unbedingt zu vermeidende Entwicklung erscheinen mag, ist im vom RKI ebenfalls rot markierten brandenburgischen Cottbus Wirklichkeit: »Wir haben Quarantäne«, teilt Max Solomonik, Pressesprecher der Jüdischen Gemeinde Cottbus, per E-Mail mit. Auf die Frage, was dies konkret bedeute, ob auch Gottesdienste und Veranstaltungen ausfielen, antwortet Solomonik knapp: »Ja. Wir haben alle Feste abgesagt und nehmen an keinen Veranstaltungen am 9. November teil.« Man werde allein den Kranz an der Gedenktafel niederlegen.

Eine Maskenpflicht habe in der Gemeinde nicht gegolten, so Solomonik. Man habe das Maskentragen lediglich empfohlen. »Die Leute verstehen alle Maßnahmen«, schreibt Solomonik zur Stimmung in der Cottbusser Gemeinde in Anbetracht der aktuellen Corona-Situation.

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