New Life Festival

»Die Musik hat überlebt«

Eigentlich hätte man für drei Tage alle Termine absagen, Urlaub nehmen und die Wochenendplanung nach den Konzertterminen ausrichten müssen. Denn beim New Life Festival, das in der vergangenen Woche von Freitag bis Sonntag in der Villa Elisabeth in Berlin‐Mitte stattfand, wurde außergewöhnliche Musik gespielt – Stücke europäischer jüdischer Komponisten, die in der Schoa ermordet wurden oder vor den Nazis flüchteten, entweder nach Israel oder in die USA. Von einigen gibt es keine Aufnahmen, von anderen noch nicht einmal gedruckte Noten.

Jahrzehntelang warteten die Kompositionen in Archiven darauf, wiederentdeckt und gespielt zu werden. Es ist das Verdienst von Festivaldirektorin Mimi Sheffer und Musikern wie der in New York lebenden israelischen Pianistin Gila Goldstein, dass diese Musik nun erstmals an drei aufeinanderfolgenden Konzerttagen erklang – zum Teil mit unerwarteten Neuinterpretationen.

bruch Einer der geflüchteten jüdischen Komponisten ist Paul Ben‐Haim. Er ist gewissermaßen Namensgeber des Festivals: Geboren als Paul Frankenburger in München, komponierte er bereits als Jugendlicher. Er schaffte es, 1933 nach Palästina zu emigrieren, wo er sich den Nachnamen Ben‐Haim gab – »Sohn des Lebens«. Von seinem Streichquartett aus dem Jahr 1937 gibt es immerhin einige wenige Einspielungen.

In diesen Tagen wäre Paul Ben‐Haim 120 Jahre alt geworden – Grund genug, ihn und andere zur Flucht gezwungene Komponisten mit einem Festival zu würdigen, findet Mimi Sheffer, die Künstlerische Leiterin des Festivals. Denn der Bruch der Schoa drücke sich auch in der Musik aus. »Es gibt ein Davor und Danach – und dazwischen mitunter jahrelanges Schweigen.«

»Für mich ist das ganz neu«, sagt Tamar Ben‐Avraham begeistert im Pausengespräch mit Gila Goldstein und Isaac Sheffer, Kantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Die Enkelin des Komponisten war extra aus Israel angereist, um die Interpretionen der Musik ihres Großvaters zu hören.

schwung Sie erinnert sich noch gut an ihn: Fünf Jahre alt sei sie gewesen, als Ben‐Haim aufgrund eines Unfalls für den Rest seines Lebens auf den Rollstuhl angewiesen war. Ausgerechnet in München, der Stadt, die ihn zu Ehren seines 75. Geburtstages eingeladen hatte, war es zu dem Unfall gekommen. Der Schwung, mit dem das Quartett Mirage das Streichquartett von 1937 soeben interpretiert habe, sei für sie eine neue Erfahrung gewesen. Vor allem im Finale verarbeitete der Komponist jüdische Themen – auch zum Erstaunen von Kantor Isaac Sheffer.

»Ich wundere mich, dass er doch schon zu diesem Zeitpunkt folkloristische Elemente einbaute«, sagt Sheffer. Denn eigentlich sei er damals noch »ein europäisch geprägter Komponist« gewesen, stimmt Gila Goldstein zu. Die Pianistin hat eine CD mit seinen Werken aufgenommen – eines davon ist das Streichquartett, Ben‐Haims erstes nach der Emigration.

Goldstein spielte auch am Freitag zusammen mit den Berliner Symphonikern unter der Leitung von Lior Shambadal zum Auftakt des Festivals Ben‐Haims Klavierkonzert von 1949, das zwölf Jahre nach dem Streichquartett entstand und dem eine komplett neue, eher israelisch‐mediterrane Klangsprache zugrunde liegt.
symbol

symbol »Ben‐Haims Leben und Werk können heute aus verschiedenen Perspektiven symbolisch betrachtet werden«, sagte Yakov Hadas‐Handelsman, Botschafter des Staates Israel und Schirmherr des Festivals, bei der Eröffnung am Freitag. Einerseits stünden sie für die »schreckliche Geschichte, durch die Juden und Deutsche für immer miteinander verbunden sind, denn er wurde aus dem Land gejagt, weil er Jude war«.

Auf der anderen Seite symbolisierten beide – Lebensweg und Werk – Israel als Einwanderungsland samt seinem ganz speziellen kulturellen Mix. Indem sich das New Life Festival der Musik jüdischer Komponisten widmet, die vor den Nazis fliehen mussten, gebe es der Erinnerung ihren Raum, so Hadas‐Handelsman. Gleichzeitig erlangen die neu interpretierten Stücke der Komponisten ihre verdiente Aufmerksamkeit in der Gegenwart.«

Auch Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) ließ sich das Orchesterkonzert und die Deutschlandpremiere des Klavierkonzertes nicht entgehen und zeigte sich beeindruckt.

Die Komponisten wurden gekonnt präsentiert, was nicht zuletzt am hohen Niveau der international renommierten Musiker lag: Jeder von ihnen setzt sich seit Jahren mit den Werken ebendieser Komponisten auseinander. Doch es wurde nicht nur Musik gespielt – neben den Konzerten gab es Einführungen, Künstlergespräche und Präsentationen. Im Foyer konnte man sogar Noten von Ben‐Haim kaufen. Und es gab es die Möglichkeit, die Musiker nach den Konzerten intensiv zu befragen – beispielsweise Mimi Sheffer und Ofra Yitzhaki. Zusammen interpretierten sie frühe Lieder Ben‐Haims. Mimi Sheffer füllte mit ihrem voluminösen, klaren Sopran die Elisabeth‐Kirche und hatte in Yitzhaki eine souveräne Begleiterin am Klavier.

entdeckungen Nach seiner Emigration nach Israel musste sich Ben‐Haim erst einmal an das neue Land gewöhnen. »Er schrieb zunächst vier Jahre lang nicht eine Note«, berichtet Mimi Sheffer. Hinzu kam sein Wunsch, all seine Werke, die er in Deutschland komponiert hatte, zu vernichten. Später habe er seine Meinung jedoch geändert und dafür gesorgt, dass sie doch aufgeführt werden konnten.

»Ben‐Haim hat eine besonders interessante Geschichte«, findet die Festivalchefin. »Sie ist noch nicht zu Ende erzählt.« Sheffer entdeckte ihn, als ihr eine Kollegin »einen Stapel Noten« vermachte – frühe Stücke, was sie aus dem Geburtsnamen Frankenburger schloss. Niemand wusste, dass es diese Werke überhaupt gab, berichtet sie.

Als sie daraufhin den Ben‐Haim‐Biografen Jehoash Hirshberg traf und ihm davon erzählte, berichtete er ihr von weiteren 80 Liedern, die der kreative Komponist in Deutschland geschrieben hatte. »Sie waren im Archiv begraben – ihren Stil hätte ich nicht mit ihm verbunden«, bekennt Mimi Sheffer. Sie würden sie eher an Richard Strauss erinnern. »Er war Pianist, das merkt man«, ergänzt Ofra Yitzhaki. Deshalb seien die Lieder für den Begleiter stellenweise recht schwer. Beide Musikerinnen wollen weiter an den Werken arbeiten und eine CD aufnehmen.

Auch Juan Lucas Aisemberg, Bratschist des Mirage Quartetts, recherchiert gern selbst und arrangiert manche Stücke so, dass er sie mit dem Streichquartett aufführen kann. Bei Ben‐Haims Streichquartett hatte er Schwierigkeiten, an die Noten heranzukommen, die er schließlich über das Israel Music Institute ausfindig machte. Neben dem Werk von Ben‐Haim spielten Aisemberg und sein Ensemble jeweils ein Quartett von Leo Smit, der 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurde, und von Erwin Schulhoff, der 1942 in einem Internierungslager bei Würzburg ums Leben kam.

doppelrolle Zum Abschluss am Sonntag interpretierte Erez Ofer, Konzertmeister des Rundfunk‐Sinfonieorchesters Berlin, das Violinkonzert von Josef Kaminski (1903–1972) – der polnisch‐jüdische Komponist floh 1937 von Warschau nach Tel Aviv und war Konzertmeister beim Israel Philharmonic Orchestra.

»Ich kannte es bis vor ein paar Jahren gar nicht«, sagt Ofer. »Es war eine richtige Entdeckung.« Die Noten fürs Orchester seien sogar noch handgeschrieben. »Es ist ein wunderschönes Werk und eignet sich sehr gut für Violine.«

Mimi Sheffer war in ihrer Doppelrolle als Direktorin und mehrmals auftretende Sopranistin stark im Einsatz. »Solch ein Festival zu organisieren, ist eine Herausforderung – auch wegen der Schicksale der ermordeten und geflüchteten Komponisten«, sagt sie. Die seien ihr immer wieder nahegegangen. Seitdem sie sich mit ihnen beschäftigt, habe sie sie unter einem Dach vereinen wollen – um zu zeigen, welche Vielfalt Europa verlorengegangen sei, vor allem aber, um die Künstler angemessen zu würdigen. »Denn ihre Musik hat überlebt«, so Sheffer.

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