Porträt der Woche

Die Mittlerin

Tsipi Lev entwirft Schmuck und kümmert sich um den Jugendaustausch mit Israel

von Steffen Reichert  14.02.2011 17:00 Uhr

Lebt seit acht Jahren in einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt: Tsipi Lev (51)

Tsipi Lev entwirft Schmuck und kümmert sich um den Jugendaustausch mit Israel

von Steffen Reichert  14.02.2011 17:00 Uhr

Mein Mann hat das damals geschickt angestellt: Erst hat er mir Dresden gezeigt – ich war natürlich begeistert – und danach Leipzig. Anschließend sind wir nach Naumburg gefahren und schließlich nach Laucha, diese kleine ostdeutsche Stadt, die umgeben ist von wunderschönen Burgen und den eindrucksvollen Weinhängen im Saale-Unstrut-Tal.

Ich gebe zu: Wenn man wie ich aus Petach Tikva, einer 200.000-Einwohner-Stadt bei Tel Aviv stammt, wo das Leben pulsiert und die Nacht zum Tag werden kann, bedeutet das Leben in Laucha eine mächtige Umstellung. Hier wohnen rund 3.000 Menschen, es gibt eine Handvoll Läden, und das kulturelle Angebot ist sehr überschaubar. Ich habe längst gelernt, dass die Feuerwehr, der Fußballverein und der Karnevalsclub die wichtigsten Institutionen sind. Dort wird Kultur, aber auch Meinung gemacht.

Inzwischen lebe ich mit meiner Familie schon acht Jahre hier, und eigentlich mögen wir diesen Ort. Wir haben ein Haus direkt hinter dem Gymnasium. Da ist es still, ich kann dort mein tägliches Power-Walking beginnen. Wenn möglich, bin ich jeden Tag unterwegs, das ist gut für meinen Rücken. Auf diese Weise habe ich auch die Gegend kennengelernt.

Dass meine Söhne Shahak und Lahav mit mir und meinem neuen Mann Olaf heute im Süden von Sachsen-Anhalt leben, das liegt am Zufall der Liebe, der diesen Weg bestimmt hat. Ich hätte nie gedacht, dass ich Israel einmal dauerhaft verlassen würde. Ich bin Jahrgang 1960 und gehöre zur ersten Generation derer, die in diesem Land geboren und deshalb natürlich sehr, sehr stolz auf ihre Heimat sind.

Mein Vater stammte aus Polen. Er kam als Kind nur deshalb nicht nach Auschwitz, weil er gerade einkaufen war, als die Familie abgeholt wurde. Er überlebte, weil ihn ein Bauer in einer Hundehütte vor der Gestapo versteckte und er sich später als Zigarettenkind in Warschau durchschlagen konnte. Meine Mutter stammte aus dem Irak. Sie war dort als junges Mädchen 18 Monate inhaftiert wegen zionistischer Aktivitäten. Obwohl mein Vater immer zu Hause gescherzt hat, dass er als Europäer die Kulturwerte des Westens vertritt, war es eigentlich meine Mutter. Sie stammte aus der Hocharistokratie und hat mir viel an Herzensbildung mit auf den Weg gegeben.

Kunst Für mich war immer klar, dass ich mich später beruflich mit Kunst beschäftigen wollte. Nach meiner Armeezeit begann ich zu studieren, habe den Bachelor in Sport gemacht und anschließend den Master in Choreografie. Diese Verbindung war toll. Ich habe in Israel unheimlich viele Events gestaltet, sei es für die Olympische Bewegung, die Makkabiade oder für Vereine. Ich kam herum und sah was von der Welt. In jener Zeit, 1986, habe ich auch meinen ersten Mann geheiratet. Mit ihm war ich schon seit dem 13. Lebensjahr befreundet. Dass wir uns 1998 getrennt haben – nun ja, das Leben ist halt so.

Durch meine internationalen Kontakte hatte ich mich schon immer im deutsch-israelischen Jugendaustausch engagiert. Ich glaube – und das sehe ich auch an meinen Söhnen –, dass Begegnungen zwischen jungen Menschen sehr prägend sind. Zuzuhören und einander kennenzulernen, ist so unendlich wichtig. Bei einer dieser Reisen habe ich schließlich Olaf Osterroth kennen- und später lieben gelernt. Wir sind dann eine ganze Weile hin- und hergeflogen, aber das war natürlich kein Zustand auf Dauer. Schließlich standen wir vor der Entscheidung: Deutschland oder Israel? Wir sind nach Deutschland gegangen.

Olaf betreibt ein Ballonfahrtunternehmen, so etwas lässt sich in Israel schlecht ausüben. Durch seine Arbeit auf dem Flugplatz in Laucha hatte es ihn ohnehin von Hamburg nach Sachsen-Anhalt verschlagen. Meine Söhne, die beide in Israel geboren sind, waren zunächst äußerst skeptisch. Und auch mein erster Mann, dessen Vater als Trainer der israelischen Olympiamannschaft bei dem Attentat 1972 in München ums Leben kam, konnte sich nicht vorstellen, dass ich und unsere Söhne nun ausgerechnet in Deutschland leben wollten. Doch inzwischen, glaube ich, haben sich die Jungs gut integriert, sie wollen sogar die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen.

Söhne Shahak ist 22, er studiert in Berlin Kunst und macht gerade ein Praktikum in Colorado. Lahav, der 17-Jährige, wird dieses Jahr die Realschule abschließen und will dann Hotelfachmann werden. Wir sind gerade dabei, uns eine Reihe möglicher Hotels anzuschauen. Für Lahav, den ich trotz seiner Körpergröße immer »meinen Kleinen« nenne, war natürlich der Überfall im vergangenen Jahr eine verheerende Erfahrung.

Er wurde auf offener Straße angegriffen und als »Judenschwein« beschimpft. Der Fall hat seinerzeit für große Aufregung gesorgt. Mich beschäftigt das auch heute noch, weil ich an der Schule in Laucha eigentlich recht erfolgreich den Austausch zwischen Jugendlichen beider Länder organisierte und mir nicht vorstellen konnte, dass in unserer Stadt so etwas überhaupt möglich ist.

Für mich ist das ganze Thema Rechtsextremismus ein sehr schwieriges. In den meisten Fällen, da bin ich mir ziemlich sicher, handelt es sich bei diesen jungen Menschen nicht um organisierte, ideologische Rechte, sondern um Leute, die aus sozialer Unzufriedenheit heraus agieren. Aber es gibt natürlich auch in Laucha solche, die im Hintergrund die Strippen ziehen, der NPD nahestehen und dieses unangenehme Klima schüren.

Das bedrückt mich umso mehr, wenn man weiß, dass die NPD im März bei der Landtagswahl antritt. Ich hoffe, die Rechtsextremen bleiben chancenlos. Ich glaube an das tolerante, das bunte Deutschland. Deshalb überrascht es mich, wenn mir selbst kluge Leute raten, ich solle doch nicht so viel zu diesem Thema sagen, das schade nur dem Image der Stadt. Und außerdem müsste ich dann vielleicht Angst vor diesen Nazis haben. Ich antworte ihnen dann immer: Ich habe vor niemandem Angst. Höchstens vor Gott.

Tradition Was die Religion angeht, so lebe ich relativ liberal. Wir haben keinen Kontakt zu einer Gemeinde. Mein Motto lautet: Zuallererst bin ich Israelin und erst dann Jüdin. Aber ich möchte schon, dass meine Familie etwas von dieser Tradition mitbekommt. Die Feiertage begehen wir mit Freunden bei uns zu Haus, wir kochen dann traditionell und sitzen alle festlich zusammen. Und zu Pessach reise ich immer nach Israel.

Überhaupt bin ich mehrmals im Jahr dort. Mein künstlerisches Arbeiten bringt es mit sich, dass ich viel Schmuck aus sehr unterschiedlichen Materialien – Weiß- und Rotgold, aber auch Sterlingsilber – designe. Ich lasse ihn in Israel herstellen. Jedes Stück ist ein Unikat. In Deutschland fahre ich dann mit meinem Mann auf die großen Künstlermärkte und präsentiere meine Kollektion: sei es beim Luther-Markt in Wittenberg oder dem Elbhangfest in Dresden. Wir sind ab dem Frühjahr jedes Wochenende zwischen Ostsee und Schwarzwald unterwegs.

Zuletzt hatten wir Stände in Weimar und Erfurt auf den Weihnachtsmärkten. Der frühe Wintereinbruch hat viele Kunden ferngehalten. Das war enttäuschend. Aber bald geht es wieder los. Bei aller Anstrengung mag ich diesen direkten Kontakt mit den Menschen. Aber so gern ich in Deutschland lebe – meine Heimat bleibt Israel. Mit meinem iPhone bin ich praktisch rund um die Uhr mit dem Land verbunden und kann sämtliche Medien dort live verfolgen. Wer weiß, wie lange ich in Laucha leben werde? Aber sterben möchte ich in Israel.

Aufgezeichnet von Steffen Reichert

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