Porträt der Woche

Die Kontaktfreudige

Anna Trojanowskaja arbeitet gern mit alten Menschen – auch ehrenamtlich

von Annette Kanis  10.01.2011 18:41 Uhr

»Durch meine Arbeit mit den Älteren bekomme ich viel Bestätigung«: Anna Trojanowskaja Foto: Moritz Piehler

Anna Trojanowskaja arbeitet gern mit alten Menschen – auch ehrenamtlich

von Annette Kanis  10.01.2011 18:41 Uhr

Ich bin 30 Stunden pro Woche in der jüdischen Gemeinde in Hamburg beschäftigt. Mir gefällt der Kontakt mit den Menschen. Durch meine Arbeit mit Älteren bekomme ich viel Bestätigung. Früher bin ich auch öfter mit dem Roten Kreuz, wo ich ebenfalls ältere Menschen betreue, als Begleitung auf Ausflüge gefahren. Wir waren an der Ostsee oder im Alten Land. Momentan mache ich das aber nicht mehr wegen meiner Arbeit in der Gemeinde.

Ich spiele sehr gerne, das haben mir die älteren Deutschen beigebracht. Seitdem haben wir jede Woche eine Spielrunde in der Gemeinde. Wir spielen immer Rommé, mit Karten oder Steinen, die Regeln sind in jeder Runde ein wenig anders. Das ist gut für die alten Menschen, das bewegt ihre Gedanken. Mir hilft es, alle Probleme für eine Weile zu vergessen. Das kann ich auch beim russischen Fernsehen. Lange hatten wir keins. Mein Mann meinte, dass es nicht gut wäre zum Deutschlernen. Aber dann hat er es mir doch geschenkt zum 8. März, zum Frauentag, der in Russland groß gefeiert wird. Und jetzt gucke ich manchmal russische Sendungen, Musik und Filme.

Die russische Kultur ist ein großer Teil von mir. Manchmal lerne ich jemanden kennen und frage mich: Warum kennt dieser nette Mensch nichts von der russischen Kultur? Tschechow, Puschkin, wundervolle Erzähler – bei manchen Texten meint man, sie seien heute geschrieben! Und was für schöne Worte es im Russischen gibt. Mein Mann wollte unsere Bücher vor einer Weile schon in den Keller bringen, aber ich war dagegen. Heute lese ich vor allem deutsche Autoren, oft kenne ich die russische Übersetzung, das macht das Verstehen leichter.

Neuanfang Wir leben seit 1992 in Hamburg. In unserer alten Heimat, der Ukraine, war die Zeit der Perestroika eine sehr unruhige Zeit. Das ganze Land war in Unordnung und unser Leben auch. Nach Deutschland zu gehen, war letztlich die Entscheidung unserer Kinder. Ich habe damals in der Hauptbaubehörde als Ingenieurin gearbeitet. Mit der Hilfe von Arbeits‐ und Sozialamt haben wir es geschafft, uns hier ein Leben aufzubauen. Ich habe sehr viel gelernt, unter anderem, mit Computern umzugehen, und natürlich die Sprache. Bei der Arbeitssuche hat mir aber auch meine gute Ausbildung aus der Ukraine geholfen, ganz besonders die Mathematikkenntnisse. Dadurch konnte ich hier im Rechnungswesen arbeiten.

Aber die Auswanderung war persönlich schon ein großer Umbruch, die Sitten hier sind einfach anders. In Deutschland gibt es viel mehr Ordnung und Pünktlichkeit. Wenn man einen Termin hat, dann findet der auch statt und ist gut vorbereitet. Die Kulturen sind sehr verschieden. Aber durch Integrationskurse und meine ehrenamtliche Tätigkeit beim Deutschen Roten Kreuz habe ich schnell Fuß gefasst. Dazu bin ich über eine Zeitungsanzeige gekommen. Ich habe dadurch, wie auch durch meine Arbeit in der Gemeinde, viel Kontakt zu alten Menschen. Sie sind oft sehr freundlich und geduldig. Ich fühle mich wohl in ihrer Gegenwart. Diese Begegnungen helfen mir auch für meine Sprachkenntnisse, besonders jetzt, wo ich in der Gemeinde wieder viel mehr Russisch und weniger Deutsch spreche. Ich verstehe alles, nur mit der Grammatik habe ich oft noch Probleme. Gerade besuche ich wieder einen Sprachkurs, um mich zu verbessern.

Barrieren Unsere Gemeindemitglieder unterscheiden sich sehr von den älteren Deutschen, mit denen ich zu tun habe. Die Zuwanderer sind hilfloser, die Barrieren sind ziemlich hoch. Die Deutschen fühlen sich sicherer, sie sind eben hier zu Hause. Oft haben unsere Leute schwierige Zeiten hinter sich. Wenn sie dann im Alter in ein anderes Land auswandern, fällt es ihnen schwer, sich dem neuen Umfeld anzupassen. Sie können sich nicht mehr so einfach ändern. Viele haben auch gesundheitliche Probleme, mit denen gehen wir dann zum Arzt oder unterstützen sie beim Umgang mit Krankenkassen und Behörden.

Wir helfen auch bei den Vorbereitungen für Feiertage und in der Synagoge. In Kiew gab es wenig Gemeindeleben, als ich noch dort lebte. Die Gemeinde hatte auch kaum Geld. Aber das ist schon lange her, mittlerweile ist eine neue Synagoge entstanden, und viele Menschen aus den USA spenden Geld und unterstützen die Gemeinde. Eine Cousine von mir wohnt noch in Kiew, die besuche ich gelegentlich. Die meisten meiner ehemaligen Kollegen sind inzwischen im Ruhestand. Ich selbst habe nie daran gedacht zurückzugehen. Als ich das letzte Mal zu Besuch in der Ukraine war, hat es mir sehr gefallen, aber ich merkte auch, dass Hamburg inzwischen meine Heimatstadt geworden ist.

Ich habe hier Wohnung, Familie, Kontakt mit vielen Menschen – was soll ich mir mehr wünschen? Für mich ist Glück im Leben nicht, Geld zu haben. Menschen zu treffen ist mir wichtig, und mein Glück ist es, dass ich immer auf nette Menschen gestoßen bin, ob hier in der Gemeinde oder selbst beim Arbeitsamt. Dort hatte ich einen sehr freundlichen und hilfsbereiten Sachbearbeiter.

Was mir allerdings auffällt: Man kommt nur schwer in deutsche Kreise. Ich denke trotzdem, dass ich gut integriert bin. Warum sollte ich mich auch weigern, etwas zu übernehmen, das sich als gut herausgestellt hat? Als Zuwanderer muss man annehmen, was im neuen Land üblich ist. Sonst entstehen Probleme, die letztlich auf einen selbst zurückfallen.

Badminton Ich war lange aktiv im Turn‐ und Sportverein Makkabi. Der war fast am Ende zu der Zeit, als ich nach Hamburg zog. Mit einem anderen Gemeindemitglied habe ich das dann neu organisiert. Inzwischen gibt es wieder viele Angebote für Erwachsene. Wir haben eine Sporthalle und einen Termin für Schwimmkurse. Kindergymnastik, Basketball und Fußball für Jugendliche werden auch wieder angeboten. Ich bin nicht mehr im Vereinsvorstand, aber ich treibe noch gerne Sport, gehe schwimmen, spiele Badminton oder mache Gymnastik.

Meine Enkelin ist ebenfalls sehr sportlich, sie ist 20 Jahre alt und studiert hier in Hamburg. Sie hat sogar schon an der Makkabiade in Israel teilgenommen. Sie spielt Tennis, und das seit ihrem achten Lebensjahr. Mein Sohn und meine Schwiegertochter haben zwei Monate, nachdem sie sich kennengelernt hatten, geheiratet. Das ist aber schon über 20 Jahre her. Mein Mann und ich, wir sind seit 40 Jahren verheiratet, das traue ich mich fast gar nicht zu erzählen.

Ich wurde 1947 in Kiew geboren. Meine Eltern waren beide schon älter bei meiner Geburt, meine Mutter hat immer gesagt, sie hätte extra lange auf mich gewartet, deswegen sei ich etwas Besonderes. Sie ist mit uns nach Deutschland gekommen, da war sie schon 82. Eigentlich wollte sie in der Ukraine bleiben, aber die Liebe zu mir hat sie dann überzeugt. Allein hätte sie mich nicht gehen lassen.

Für sie war Deutschland eng mit Angstgefühlen verbunden, mit Verfolgung und Abtransporten. Mein Vater war schwer kriegsversehrt. Er hat sehr viel durchgemacht, beide Beine mussten amputiert werden. Ich erinnere mich noch genau, dass ich als Kind beim Kuscheln immer das tiefe Loch an seinem Oberarm gespürt habe, wo eine Kugel ausgetreten ist.

Vor über einem Jahr habe ich eine von der Gemeinde organisierte Reise nach Israel gemacht. Zwei Wochen waren wir unterwegs, eine davon habe ich bei meiner Cousine in Haifa verbracht und eine alte Schulkameradin wiedergetroffen. Wir haben festgestellt, dass unsere Leben sich halbiert haben: Es gab die alte Hälfte in der Ukraine, und es gibt die neue Hälfte – unterschiedliche Ebenen eines Lebens.

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