Hamburg

Die Gemeinde ist für den Wiederaufbau

Bis zum 27. Januar läuft die Plakataktion für den Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge in Hamburg. Foto: Gesche Cordes

Hamburg

Die Gemeinde ist für den Wiederaufbau

Nach Kritik an Neuerrichtung der Bornplatzsynagoge soll das Votum bei den Mitgliedern liegen

von Heike Linde-Lembke  07.01.2021 11:43 Uhr

Die Jüdische Gemeinde in Hamburg hat der Kritik am Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge widersprochen. Einige Historiker und Vertreter der Kunst- und Kulturszene hatten in einer Stellungnahme das Engagement, die jüdische Gemeinschaft und ein vielfältiges jüdisches Leben sichtbar zu stärken, zwar begrüßt.

Diskurs »Der historisierende Wiederaufbau der Großen Bornplatzsynagoge scheint uns dagegen aus vielen Gründen nicht der richtige Weg zu sein«, heißt es in dem Schreiben jedoch weiter. Sie forderten einen öffentlichen Diskurs über den originalen Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge. Dabei kritisierten sie nicht die Tatsache, dass die Bornplatzsynagoge wiederaufgebaut wird. Sie kritisieren vielmehr die Rekonstruktion des historischen Gebäudes.

»Das Projekt wird mit öffentlichem Geld finanziert, also muss es auch eine öffentliche Diskussion geben«, sagt beispielsweise Miriam Rürup, Historikerin, seit Dezember Direktorin des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam und zuvor acht Jahre Leiterin des Hamburger Instituts für die Geschichte der deutschen Juden.

Das Bodenmosaik der Künstlerin Margrit Kahl, das Deckengewölbe und Grundriss der ehemaligen Synagoge als Mahnmal nachzeichnet, wird kaum beachtet.

Hingegen meint Hamburgs Landesrabbiner Shlomo Bistritzky: »Die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Hamburg sind die Einzigen, die entscheiden können, was dort auf dem heutigen Joseph-Carlebach-Platz entsteht, weil sie die Bornplatzsynagoge 1906 eingeweiht haben«, äußert er. Hier wurde 1936 Joseph Carlebach, Hamburgs letzter Rabbiner vor der Schoa, in sein Amt eingeführt.

Gespräche »Mir ist wichtig, was die Hamburger Juden wünschen, gleich, ob sie in der Synagoge Hohe Weide beten oder unserer liberalen Reformsynagoge angehören«, betont Gemeindevorsitzender Philipp Stricharz. »Unsere Mitglieder haben trotz aller Widrigkeiten für die Stadt Hamburg eine aufblühende jüdische Gemeinde geschaffen. Wir werden die Bornplatzsynagoge wiederaufbauen, und zwar so, dass sich alle zu Hause fühlen. Die heutigen Hamburger, jüdisch oder nichtjüdisch, sagten nicht: ›Wo die Nazis keine Synagoge sehen wollten, soll der Platz leer bleiben‹«, so Stricharz, sondern: »Die Bornplatzsynagoge wurde der Jüdischen Gemeinde vom NS-Regime genommen, wir ermöglichen ihren Wiederaufbau!« Man werde mit allen, die den Wiederaufbau unterstützen, über das Wie sprechen, betont der Gemeindevorsitzende.

Das Bodenmosaik der Künstlerin Margrit Kahl, das Deckengewölbe und Grundriss der ehemaligen Synagoge als Mahnmal nachzeichnet, werde leider kaum beachtet. »Wir werden aber beim Wiederaufbau zeigen, dass es einen Bruch gab, und die Nazis die Bornplatzsynagoge in der Pogromnacht schändeten und in Brand steckten«, sagt Stricharz.

Wunde Ruben Herzberg, von 2007 bis 2011 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, formulierte seinen Traum vom Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge bereits 2010 zur 50-Jahr-Feier der Synagoge Hohe Weide. Heute sagt der pensionierte Schulleiter: »Eine neue Synagoge mit Gemeindezentrum, einem Saal für Veranstaltungen und einem Ort der Erinnerung: So wünsche ich mir die Rückkehr an unseren alten Ort, denn der leere Platz ist eine Wunde in unserem Leben. Ein originalgetreuer Wiederaufbau ist damit nicht vereinbar. Einen Bau in der Architektur des wilhelminischen Kaiserreichs erneut entstehen zu lassen, als hätte es die Pogromnacht und die Schoa nicht gegeben, hielte ich für verfehlt.«

Die Schriftstellerin Peggy Parnass hat die alte Bornplatzsynagoge noch erlebt: »Das Gebäude ist mir zu groß, zu üppig und zu kalt. Aber der Platz ist nicht schlecht. Ich wünsche mir eine kleine, kuschelige Synagoge, in der man sich zu Hause fühlen kann«, sagt die Schoa-Überlebende.
»Was war, ist gewesen, und wir sollten nichts wieder hinstellen, als sei es nicht zerstört worden«, meint Viola Roggenkamp, Schriftstellerin und Tochter von Schoa-Überlebenden.

Die Hamburgische Bürgerschaft hatte sich im Februar für den Neubau eines jüdischen Gotteshauses an der Stelle der 1906 eröffneten Bornplatzsynagoge ausgesprochen. Unterstützt wird das Projekt unter anderem von Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) und Außenminister Heiko Maas (SPD). Und auch Daniel Sheffer, Gründer der Initiative »Nein zu Antisemitismus. Ja zur Bornplatzsynagoge«, deren Plakataktion am Montag startete, sagt: »Was die Frauenkirche für Dresden ist, kann die Bornplatzsynagoge für Hamburg werden. Zwar kann keine Synagoge den Antisemitismus bekämpfen, aber die Bornplatzsynagoge kann die Vergangenheit mit der Zukunft verbinden.«

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Gedenken

Vier Stolpersteine erinnern in Erfurt an Familie Rosenblüth

Ein Poesiealbum bewahrte die Erinnerung an eine jüdische Mitschülerin über Generationen. Am 9. November werden in Erfurt vier Stolpersteine für Sara Rosenblüth und ihre drei Töchter verlegt

 14.10.2026

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026

Meilenstein

Endlich Batmizwa

Unsere Autorin hatte vor Kurzem ihren großen Tag. Wie sie sich darauf vorbereitet hat, was ihr Dvar Tora war und wie das Motto ihrer Party lautete, das hat sie uns erzählt

von Madeleine Prinz  13.10.2026

München

Einstimmige Zwiesprache

Kunstexperte Konrad Bernheimer stellte seine Familiengeschichte zwischen Südamerika und Deutschland in Briefen an den Vater vor

von Vivian Rosen  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026

Berlin

Guy Katz mit Margot-Friedländer-Preis ausgezeichnet

Geehrt wurden neben dem Hochschullehrer, eine Europaschule und ein Projekt des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend

 13.10.2026

Frankfurt

Vielfalt an Stimmen

Erstmals wurde der Georg-Stefan-Troller-Preis vergeben - auch an zwei Journalisten der Jüdischen Allgemeinen

von Anja Baumgart-Pietsch  12.10.2026

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026