Porträt der Woche

Die Enkelin

Channah Trzebiner beschäftigt sich mit der dritten Generation nach der Schoa

von Igor Mitchnik  30.10.2012 07:43 Uhr

»Meine Großeltern geben mir den Anreiz, mein Leben mit Sinnhaftigkeit und Werten zu füllen«: Channah Trzebiner (31) Foto: Alexander Stein

Channah Trzebiner beschäftigt sich mit der dritten Generation nach der Schoa

von Igor Mitchnik  30.10.2012 07:43 Uhr

Als ich von dem Kölner Beschneidungsurteil hörte, war ich gerade auf dem Rückflug von einer Reise nach Israel. Ich schlug die Zeitung auf und sah einen Artikel darüber. Im ersten Moment dachte ich nur: Du fliegst in die falsche Richtung. Ich fühlte mich dermaßen verletzt. Aber ich war froh, dass mein Opa, der in Auschwitz war, das nicht mehr erleben musste.

Ich bin Juristin. Bei uns zu Hause stand immer außer Frage, dass ich entweder Medizin, BWL oder Jura studiere. Da ich gern mit Texten arbeite, entschied ich mich für Jura und studierte es in meiner Heimatstadt Frankfurt am Main. Dort wurde ich 1981 geboren, dort ging ich in einen jüdischen Kindergarten und machte Abitur.

Nun promoviere ich und arbeite am Lehrstuhl für Kriminologie und Strafrecht hier in Frankfurt. Vorher war ich ein Jahr Trainee-Studentin bei der Deutschen Bank. Obwohl ich in Frankfurt promoviere, bin ich mit meinem Freund in Düsseldorf zusammengezogen. Wir haben uns vor unserem ersten Staatsexamen kennengelernt, und er fand eine Stelle in Düsseldorf.

Ich liebe Frankfurt, es ist mein Zuhause und die Stadt, wo fast alle Menschen leben, die ich liebe. Doch für die Liebe fasste ich auch den Entschluss, nach Düsseldorf zu gehen. Es ist nett, es hat eine hohe Lebensqualität, aber es ist mir zu statusorientiert. Frankfurt wird das auch vorgeworfen, doch erlebe ich hier mehr Individualisten als in Düsseldorf.

jugendzentrum Ich habe mich schon früh ehrenamtlich im Jugendzentrum der Gemeinde engagiert. Jüdische Kinder und Jugendliche aus ganz Deutschland haben die Möglichkeit, in den Sommer- und Winterferien in Machanot, Ferienlager, zu fahren. Oft halten die Freundschaften, die dort entstehen, ein Leben lang. Als ich neu nach Düsseldorf zog, hat eine Bekannte aus Machane-Zeiten mich hier sehr herzlich aufgenommen. Sobald man 15 oder 16 ist, hat man die Möglichkeit, selbst Madrich zu werden, Betreuer der Kinder und Jugendlichen. Das habe ich gemacht.

In meiner Familie war der Schabbat immer besonders wichtig. Es ging weniger darum, dass wir nicht ausgehen, sondern wir ließen die Woche gemeinsam ausklingen. Die Familie versammelt sich an einem gut gedeckten Tisch mit zwei Challot, die Kerzen brennen, alle kommen zusammen. Es hat für mich etwas sehr Mystisches. Dieses Ritual versuche ich auch in meinem Düsseldorfer Alltag beizubehalten.

eltern Mein Vater war Mathematiker, Privatdozent an der Uni Gießen. Er hat sich als Systemanalytiker selbstständig gemacht und Statistikprogramme geschrieben. Meine Mutter hat ihm in der Selbstständigkeit geholfen, konnte die Firma nach Vaters Tod aber leider nicht halten. Als die Firma zugrunde ging, war ich elf. Heute arbeitet meine Mutter in der Verwaltung des jüdischen Altenzentrums in Frankfurt.

Meine Großeltern lernten sich, soweit ich weiß, nach dem Krieg in einem Displaced-Persons-Camp kennen. Sie haben viel durchgemacht: Meine Oma war erst im Lodzer Ghetto, dann in Ravensbrück und später in Bergen-Belsen. Mein Opa war in Auschwitz.

In Deutschland war eine Cousine für sie die erste Anlaufstelle. Angekommen sind sie hier aber nie wirklich. Sie haben immer wieder versucht, nach Israel auszuwandern, aber sowohl das Klima als auch Sprache und Mentalität machten ihnen zu schaffen. Und so pendelten sie ewig zwischen Deutschland und Israel. Einige Zeit lebten sie auch in Kanada und Schweden – sie waren Heimatlose.

Fehlende Bilder Das Schlimme ist, dass es für mich gar kein richtiges Bild von ihnen vor dem Krieg gibt. Ich versuche immer noch, es zusammenzusetzen, frage Leute, die sie von früher kannten, darüber aus, wie sie vor dem Krieg waren. Dass diese Menschen früher einmal unbelastet und unbeschwert gelebt haben, kann ich mir nur schwer vorstellen. Mein Großvater lebte in einem Schtetl: sehr bescheiden und sehr fromm. Meine Oma kam aus Lodz. Beide hatten vor dem Krieg Kinder, beide waren verheiratet, beide hatten Großfamilien, und beide überlebten quasi als Einzige die Katastrophe. Sie taten sich zusammen.

Durch die Familiengeschichte und mein Stipendium bei der Ernst-Ludwig-Ehrlich-Stiftung fing ich an, mich mit der dritten jüdischen Nachkriegsgeneration zu befassen. Ich bin sehr glücklich, unter den Stipendiaten ein geistiges Zuhause gefunden zu haben.

Auf einer Sommerakademie kam ich mit der amerikanischen Historikerin Atina Grossman ins Gespräch über einen Film über Displaced Persons. Sie lud mich nach New York ein und ermöglichte mir, am Leo-Baeck-Institut zu forschen. Dort arbeitete ich an einem Interviewbogen, den ich bereits in Frankfurt entwickelt hatte. Ich fragte mich unter anderem: Geht es allen in der dritten Generation nach dem Holocaust so wie mir? Wie stehen andere zur deutschen Polizei? Was bedeutet ihnen Israel? Wie gehen sie mit Uniformen um?

Prägung Ich habe das Gefühl, sehr vorgeprägt zu sein, sodass ich Deutschland in vielerlei Hinsicht sehr kritisch gegenüberstehe. Obwohl ich diese tolle Demokratie, diesen Rechtsstaat sehr schätze und ich mich hier sehr wohl fühle, behalte ich in mir ein Misstrauen, fühle eine gewisse Skepsis. Ich wollte wissen, wie es anderen damit geht. In Frankfurt hatte ich bereits zehn Leute interviewt, alles säkulare Juden und Freunde von mir.

Atina stellte mir orthodoxe, säkulare und liberale Juden aus der dritten Generation vor. Es war sehr interessant für mich. Vielen der Befragten ging es ähnlich wie mir. Es wurde deutlich, dass die Geschichte unsere Großeltern für uns zu absoluten Helden und Vorbildern hat werden lassen. Meine Großeltern geben mir den Anreiz, mein Leben mit Sinnhaftigkeit und mit Werten zu füllen. Familie steht bei mir an oberster Stelle.

freund So war es für mich von Anfang an wichtig, dass mein Freund – er ist katholisch, wenn auch nicht praktizierend – weiß, welche Bedeutung für mich die Familie hat. Auch Religion und Israel haben einen hohen Stellenwert für mich. Deswegen fuhr ich mit meinem Freund gleich zu Anfang unserer Beziehung nach Israel. Ich musste ihm das Land zeigen, damit er versteht, was es für mich bedeutet.

Das hat uns beide unheimlich bereichert. Ich war mit ihm das erste Mal sowohl im christlichen als auch im muslimischen Viertel. Mein Freund ist viel mutiger als ich, doch seit ich mit ihm neue Welten erschließe, färbt es auch auf mich ab. Das Beschneidungsurteil zeigt mir allerdings aufs Neue, dass mein Mut und mein Vertrauen Grenzen haben.

Ich hatte selbst mit guten nichtjüdischen Freunden das Gefühl, dass es kein Bewusstsein mehr dafür gibt, warum Juden in Deutschland über das Urteil empört sind. Das hat mich aufhorchen lassen. Man verstand nicht, dass wir uns das Symbol, aufgrund dessen Jungen und Männer ins Gas geschickt wurden, nicht nehmen lassen können. Es ist ein Bund zu unseren Großeltern, die auch für uns überlebt haben. Damit zu brechen, würde einen Identitätsbruch bedeuten.

Ich bin froh, dass führende jüdische Vertreter in Deutschland dem mutig entgegentreten. Wären diese Personen nicht gewesen, hätte ich mich in den vergangenen Monaten sehr einsam gefühlt.

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