Frankfurt

»Die Bewohner geben uns Kraft«

Auf Distanz gedachten die Bewohner des Budge-Heims am Jom Haschoa der Opfer. Foto: pr

Eine Corona-Infektion im Altenheim – ein Szenario, das man sich nicht vorstellen mag. 300 Bewohner, was für Auswirkungen könnte das haben? »Keine«, sagt Andrew Steiman, der als Rabbiner die rund 60 jüdischen Bewohner des Budge-Heims in Frankfurt seelsorgerisch betreut. Die beiden Erkrankten wurden schnell ins Krankenhaus gebracht und alle anderen Bewohner und Mitarbeiter daraufhin getestet.

Negativ – Erleichterung. Unter den Getesteten waren auch Steiman selbst und seine Frau, die hier als Krankenschwester arbeitet. Nicht auszumalen, was alles hätte passieren können. Steiman ist erleichtert und lobt das Krisenmanagement des Heimleiters Thorsten Krick.

Dieser hatte nämlich beim Deutschen Roten Kreuz angefragt, ob sie nicht einen zum Testlabor umfunktionierten ehemaligen Blutspendebus vorbeischicken könnten. Und so wurden innerhalb von zwei Tagen 500 Menschen getestet. »Thorsten Krick organisiert es wirklich super«, sagt Steiman, der mit seinen drei Herzinfarkten und einem Herzschrittmacher auch noch zu den Risikogruppen zählt.

TROST Doch das mache ihm derzeit gar nichts aus, erzählt der 62-Jährige. »Unsere Bewohner geben uns Kraft, den Pflegern und Pflegerinnen, den Mitarbeitern und mir.« Die Welt scheint auf den Kopf gestellt. Nicht die Holocaust-Überlebenden sind diejenigen, die psychologisch betreut werden, nein, sie sind diejenigen, die Trost spenden. »Ein Heimbewohner, die Nummer auf seinem Unterarm ist deutlich zu sehen, sagt mir: ›Das ist alles nicht so schlimm. Wir haben ganz anderes erlebt. Jetzt sind wir frei, wir können im Innenhof spazieren gehen‹«, erzählt Steiman, und ein Kloß sitzt ihm im Hals.

Zum 100. Geburtstag hatte das Budge-Heim die unterschiedlichsten Veranstaltungen geplant.

Bei den meisten sehr alten Bewohnern könne von Retraumatisierung nicht die Rede sein. Anders sieht es bei dementen Patienten aus. Als von der Corona-Pandemie noch nicht die Rede war, gab es einmal eine kritische Situation: Ein Mann lief im Innenhof immer im Kreis. Als ihn jemand stoppen wollte, habe er diesen rüde weggestoßen. »Er war auf dem Todesmarsch«, erklärt Steiman. »Die anderen Schoa-Überlebenden sind im Gegenteil sehr entspannt.«

HOFGÄNGE Von seinem Bürofenster aus beobachtet der Rabbiner die »Hofgänge«: Alle gehen geordnet hintereinander – in gebührendem Abstand zueinander. Auch am Jom Haschoa durften sich immer nur sechs Menschen gleichzeitig mit mindestens fünf Metern Abstand im großen Saal aufhalten. Vieles habe man umstellen müssen: »Keine Mahlzeit darf mehr gemeinsam eingenommen werden. Die fertig zusammengestellten Menüs werden vor die Tür oder auf die Stühle im Gang gestellt, und jeder holt sie sich dann ins Zimmer.«

Die Pfleger und Mitarbeiter sind zwar im Dauerstress, aber ein Lächeln, ein Dankeschön zaubert wieder Gelassenheit auf ihre Gesichter. »Ich habe mich kaum jemals so gebraucht gefühlt«, bekennt der Rabbiner, der viel erlebt hat. Ein ähnliches Gefühl hatte er als Seelsorger im militärischen Dienst, als er im Sand von Saudi-Arabien bei einem Zwischenfall den ihm anvertrauten Soldaten in einer unmittelbaren Krisensituation beistehen wollte.

JUBILÄUM Und nun dieses »verflixte« Jahr 2020. Das Budge-Heim wollte eigentlich sein 100-jähriges Bestehen feiern. »Das ganze Jahr über mit vielen einzelnen Projekten«, erzählt Steiman, wiewohl der Stichtag erst im November ist. Gegründet wurde das Heim zum 80. Geburtstag des Stifters Henry Budge, am 20. November 1920.

Also fällt das 100. Jubiläum bereits in das jüdische Jahr 5781, und so könnte man vielleicht 2021 nachfeiern. Die Idee hat etwas – vor allem strahlt sie Zuversicht aus, dass die Umstände dann besser sein könnten. So wie es eine der bekanntesten Bewohnerinnen des Altenheims, Trude Simonsohn, zu ihrem »ausgefallenen« Geburtstag gesagt hat: »Hebt eure Geschenke einfach fürs nächste Jahr auf, dann werde ich 100.«

Zuversicht und Ideenreichtum beschreiben den Spirit des Budge-Heims.

Zuversicht und Ideenreichtum sind die beiden Begriffe, die den Spirit des Budge-Heims am besten beschreiben. Eine Enkelin wollte ihrer schwer kranken Oma mitteilen, dass ihre Abiturprüfung gut gelaufen ist, und stellte sich mit ihrer Geige im Garten vor dem Balkon ihrer Großmutter auf. Ihre beiden Geschwister mit Bratsche und Cello gesellten sich – mit Abstand – hinzu. Aus der Info für Oma wurde ein Konzert. Nachbarn wollten es auch hören, also rückten die drei ein paar Meter weiter. »In zwei Stunden sind sie auf diese Weise einmal um das gesamte Haus gezogen«, erzählt Steiman. Eine tolle Idee.

KONZERTE Roman Kuperschmidt, ein Musiker, der in den vergangenen Jahren auch im Rahmen des Kulturprogramms des Zentralrats der Juden Konzerte gab, kam und spielte Klezmer, was den Bewohnern so gut gefiel, dass sie wie früher als Dank Münzen in den Hof warfen. »Ich erinnere mich an die Erzählungen meiner Oma, die davon berichtete, wie früher die Klezmer-Musiker für ein paar Groschen von Hof zu Hof zogen. Und genau die Musik wird jetzt gespielt.«

Ein junger israelischer Konditor backt jetzt Mini-Challot für die Bewohner.

Das Budge-Heim hat dieses Konzert gesponsert sowie einen Zauberer, der im Hof seine Kunststücke zeigte. »Fast jeden zweiten Tag haben wir irgendetwas«, erzählt der jüdische Seelsorger. Das Wetter spielt ja mit. Steiman und Geschäftsführer Krick lassen sich immer etwas Neues einfallen, um die Zeit für ihre Bewohner so angenehm wie möglich zu gestalten.

CHALLE So muss während der Corona-Auszeit auch nicht auf Challe verzichtet werden. Mordechai »Moti« Barak, ein junger Konditor, der aufgrund der Pandemie sein kleines Café im Stadtteil Bornheim nicht öffnen kann, backt jetzt statt der großen Challot Minis für jeden Einzelnen.

»Wir legen immer los, wenn Andy uns Bescheid gibt. Heute Morgen habe ich wieder Challe für das Budge-Heim zubereitet«, erzählt Moti, gerade sei man damit durch und liefere aus. »Der Weg ist ja nicht weit.« Am 1. Mai waren es vier Jahre, seit er sein Café Morcolade eröffnete, jetzt hofft er, dass er den pandemiebedingten Lockdown übersteht. Er sei gesund – und seine Familie in Israel auch, fügt er hinzu.

»Zu den Challot gibt es Wein, sodass jeder am Schabbes Kiddusch machen kann«, erklärt Steiman. »Es ist für ihn und uns eine Win-win-Situation. Der Konditor ist auf solche Bestellungen jetzt angewiesen und unendlich dankbar. Und wir können Schabbat feiern, wie es sich gehört.«

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