Porträt der Woche

Die Aufklärerin

Esther Ellrodt-Freiman bringt sich in einem interkulturellen Frauennetzwerk ein

von Annette Kanis  31.08.2010 11:18 Uhr

»Ich freue mich, dass ich mein Wissen weitergeben darf«: Esther Ellrodt-Freiman bereitet eines ihrer Referate vor. Foto: Judith König

Esther Ellrodt-Freiman bringt sich in einem interkulturellen Frauennetzwerk ein

von Annette Kanis  31.08.2010 11:18 Uhr

Austausch und Networking, Information und Gespräche finde ich ganz wichtig. Nur durch Begegnungen können sich Religionen und Kulturen kennenlernen. Es gibt in Frankfurt ein interreligiöses und interkulturelles Frauennetzwerk, dem ich angehöre. Vor einigen Monaten waren wir zu einem Dinner beim amerikanischen Konsul eingeladen. Es waren viele Frauen dort, christliche, muslimische und jüdische. Ein bunter und sehr schöner Abend. Interessant finde ich gemeinsame Wurzeln, die man dann auch über das Essen entdeckt. Da gab es zum Beispiel Humus und Tabouleh. Eine syrische Frau sagte: »Ja, das ist von uns.« Und ich sagte dann: »Nein, das ist doch von uns.« Und dann lachten wir – kleine Verbindungen, die wir vorher nicht kannten.

Ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht mit Networking. Dass man Menschen kennenlernt, die anderen Religionen angehören, die erzählen, wie es bei ihnen ist. Und wir können erzählen, wie es bei uns ist. Das Frauennetzwerk hat auch schon in der jüdischen Gemeinde getagt. Wir treffen uns jedes Mal woanders. Vor einiger Zeit waren wir in der Landessportschule. Dort berichtete man uns unter anderem von einem Programm, das Muslimas durch Sport integrieren möchte. Es gibt ganz viele interessante Dinge, von denen ich vorher überhaupt nichts wusste.

Sich mitzuteilen und etwas von anderen zu erfahren – das ist der Sinn dieser vielen Netzwerke und natürlich auch der Sinn des Frankfurter Rates der Religionen. Dem gehöre ich seit seiner Gründung im April vergangenen Jahres an. Er ist bundesweit etwas Besonderes, zu ihm zählen neun Religionsgemeinschaften. Ziel ist es, den Dialog der Religionen zu fördern. Wir versuchen, in der Stadt Konflikte zu beobachten und zu lösen. Der Rat unterstützt den Aufbau von Kooperationen und Kommunikationsstrukturen zwischen den Religionsgemeinschaften und gegenüber der Stadt.

Wir laden uns auch gegenseitig zu religiösen Festen ein, um den anderen kennenzulernen. Kürzlich sind wir in der Sikh‐Gemeinde gewesen, und vor einigen Monaten waren wir im Tibethaus bei den Buddhisten.

Es gibt viele Aspekte beim Rat der Religionen. So haben wir zum Beispiel einen Arbeitskreis für Seelsorge in Krankenhäusern gegründet. Es besteht Informationsbedarf, auf welche religiösen Besonderheiten man achten muss, wenn Menschen ärztlich behandelt werden oder sterben.

diskriminierung Im Februar hatten wir eine Diskussion zum Thema Diskriminierung. Ich war auf dem Podium und habe von einigen Begebenheiten erzählt. Wie ich nach den Olympischen Spielen in München 1972 unter Polizeischutz gearbeitet habe. Diskriminierung erlebe ich immer wieder. Bei Synagogenführungen bin ich schon gefragt worden: »Wo ist denn der Altar, auf dem Sie opfern?« Oder: »Ihre Gemeinde ist doch sicher sehr wohlhabend …« Zu Pessach war eine Journalistin zum Seder eingeladen, die hat gesagt: »Hier sieht man ja noch die Blutstropfen auf der Mazze.« Oder als mein Sohn zu spät in die Schule kam, meinte der Lehrer: »Sag deiner Mutter, sie soll die Uhr auf Mitteleuropäische Zeit stellen.« Ignoranz gibt es immer noch. Deshalb mache ich so viel. Ich will über das Judentum erzählen, will informieren.

Vor Kurzem war ich bei einem Treffen der Soroptimisten. Das ist eine weltumspannende Frauen‐Loge, eine Service‐Organisation berufstätiger Frauen, die sich auch für wohltätige Zwecke einsetzen. Dort habe ich ein Referat über die Frauenrechtlerin Berta Pappenheim gehalten. Der Vortrag entstammt einer Reihe, die ich für die Jüdische Volkshochschule gestalte. Jedes Semester erarbeite ich einen Beitrag über eine interessante Persönlichkeit. Letztes Jahr hatte ich den israelischen Literaturnobelpreisträger Schmuel Josef Agnon. Aber meist sind es Frauen, so wie jetzt Regina Jonas, die erste Rabbinerin weltweit.

Schon während meiner Berufstätigkeit als Leiterin der Jüdischen Kindergärten in Frankfurt bin ich in dieser Hinsicht aktiv gewesen. In meinem ersten längeren Vortrag ging es um die Geschichte der spanischen Juden. Aber seit meiner Pensionierung 2003 wurde es noch mehr. Es hat sich weiterentwickelt und herumgesprochen. Ich freue mich, dass ich so interessante Themen bearbeiten kann. So habe ich zum Beispiel ein Referat über die Berliner Salons ausgarbeitet, war damit unter anderem in Erfurt in der Alten Synagoge oder in meiner Geburtsstadt Dresden.

Mein Arbeitszimmer ist sehr klein. Deswegen geht beim Vorbereiten alles auf den Esstisch: Bücher, Bücher, Bücher. Wenn ich arbeite, darf mich keiner stören. Dann wird geackert und an den Redewendungen gefeilt. Ich freue mich, dass ich das, was ich in mir habe, weitergeben kann. Das ist für mich ganz wichtig.

Kindergarten Ursprünglich bin ich Erzieherin. Dann kam noch eine Montessori‐Ausbildung dazu. Das ganze Wissen über das Judentum – außer dem eigenen Wissen durch mein Zuhause und den Religionsunterricht – habe ich der Zentralwohlfahrtsstelle zu verdanken. Es gab sehr, sehr viele Fortbildungen, erst für Erzieherinnen, später für die Leiterinnen. Man hat uns nach Israel geschickt, wir haben sehr gute Seminare gehabt.

Dann war ich jahrelang in einer Frauengruppe, in der gemeinsam mit dem Religionslehrer der Tanach studiert wurde. Das schärft den Geist. An der Jüdischen Volkshochschule gebe ich schon mehrere Jahre den Kurs »Jüdische Feste und Feiertage«. Das ist Judentum zum Anfassen, mit vielen Kultgegenständen.

Die Gemeinde ist für mich unverzichtbar, ohne sie würde ich mich total verloren fühlen. Aber es wird auch sehr viel geboten dort. Wir haben ja die Zuwanderung hautnah miterlebt, und wie die Gemeinde damit umgegangen ist. Da gibt es wirklich sehr viel Positives zu sagen. Ich streite mich auch über die Zuwanderung, weil viele nicht verstehen, dass sie für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland eine lebensrettende Maßnahme war. Wenn ich gefragt wurde, wie viele russische Kinder wir im Kindergarten haben, sagte ich: »Wir haben nur jüdische Kinder, wir haben keine russischen Kinder«. Es ist traurig, dass man sich als Minderheit in der Minderheit auch noch gegenseitig diskriminiert.

Seit ich pensioniert bin, habe ich einen richtig vollen Terminkalender. Das ist irgendwie bizarr, aber ich komme gut damit zurecht, denn ich kann auch Nein sagen. Ich möchte mich ja auch mit meinen Freundinnen treffen. Und dann ist da noch mein Sohn. Er ist in London verheiratet, hat ein kleines Baby, und ich fliege öfters hin.

Tradition Ich selbst fühle mich als traditionell‐konservativ. In Frankfurt haben wir auch einen egalitären Minjan. Das finde ich gut, aber ich selbst fühle mich da einfach nicht so wohl. Ich bin mehr in der Tradition zu Hause. Mein Mann – er ist Israeli – unterstützt mich sehr. Ich könnte das sonst nicht alles machen. Er fährt mich auch zu den auswärtigen Vorträgen.

Manchmal mache ich für die Jüdische Gemeinde Führungen durchs Gemeindezentrum und die Synagoge. Und seit über 20 Jahren wirke ich bei der Gemeindezeitung mit. In jeder Ausgabe berichte ich über Beschneidung, Namensgebung, Bar‐ und Batmizwa und Hochzeiten. Ich muss immer meinen Radar ausfahren, um zu wissen, wer eine Simche hatte. So lange habe ich den Kindergarten geleitet, dass ich sehr viele kenne. Etliche meiner ehemaligen Kindergartenkinder sind jetzt selbst Eltern. Und ich werde von manchen zur Hochzeit eingeladen. Das ist sehr schön.

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