Porträt der Woche

Deutsch und jüdisch zugleich

Hannah Veiler studiert Kunst und will heutiges Judentum sichtbarer machen

von Christian Ignatzi  23.08.2020 08:32 Uhr

»Das Gefühl, der andere sieht dich als etwas Fremdes, trägt man mit sich«: Hannah Veiler lebt in Stuttgart. Foto: Max Kovalenko

Hannah Veiler studiert Kunst und will heutiges Judentum sichtbarer machen

von Christian Ignatzi  23.08.2020 08:32 Uhr

Ich wurde in der Heimatstadt von Marc Chagall im Norden Weißrusslands geboren. Unsere Familien lebten Haus an Haus zusammen. Das war vor dem Ersten Weltkrieg. Auf diese Tatsache bin ich als Kunstgeschichtsstudierende stolz. Damals in Weißrussland besuchte ich einen jüdischen Kindergarten.

Meine Großmutter spielte in dieser Zeit eine wichtige Rolle für mich – wie auch generell. Sie erzählte mir, dass unsere Familie jüdisch ist, tat das aber im Zusammenhang mit der Schoa. Mein Großvater ist Überlebender. Über das Judentum zu sprechen, war deshalb bei uns immer negativ konnotiert.

Familie Meine Familie hat stark unter den Repressalien in der Sowjetunion gelitten. Als ich sieben war, kamen wir als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Baden-Baden. Dort lebte ich bis nach dem Abitur. Die jüdische Gemeinde war unser Anknüpfungspunkt.

Man traf dort Leute, die auch Russisch sprachen. Ein jüdisches Jugendzentrum gab es aber nicht. Ich habe es später, 2015, selbst aufgebaut. Bis auf die Kontakte zu den gleichsprachigen Menschen, Treffen auf Purim- und Chanukkafeiern gab es nicht viel Jüdisches in meinem Umfeld. Ich wusste zwar, dass ich jüdisch bin und dass mich das ausmacht. Aber ich war zum Beispiel nie bei einem Schabbatgottesdienst.

Ich hatte keine Ahnung von der Religion, weil sie für mich immer mit dem Trauma der Schoa verbunden war. Dabei war meine Familie bis zum Zweiten Weltkrieg die osteuropäisch-orthodoxe Familie wie aus dem Bilderbuch. Aber meine Eltern waren zu keinem Gottesdienst mehr in der Synagoge.

Meine Familie kommt aus der gleichen Stadt wie Marc Chagall.

Im Gegensatz dazu steht meine Großmutter. Sie ist eine Aktivistin. Diese typische jüdische Oma, die sich immer als Jüdin verstand und ihre Identität nicht über Religion, sondern über Kultur definiert. Immer, wenn ich sie besuche, bekomme ich einen Vortrag über Geschichte, Künstler und so weiter. Das ist bis heute so. Sie ist eine Leitfigur für mich. Ohne sie wäre alles nicht so gelaufen, wie es gelaufen ist.

JEWROVISION Mit 15 bin ich dann zufällig zum ersten Mal zur Jewrovision gefahren. Mein Vater war mit der Sozialarbeiterin der jüdischen Gemeinde befreundet, und sie riet ihm, mich doch mal nach Hamburg zu schicken. Dort würde ich selbstständiger werden.

Ich weiß noch, dass ich mich weigerte. Ich verstand den Sinn dahinter nicht. Junges jüdisches Leben? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich war ein Profi in Schoa und Antisemitismus, aber alles andere kannte ich nicht.

Dann war ich da. Ein Riesenkulturschock. Ich war das erste Mal bei einem Schabbatgottesdienst – und das gleich mit 1000 anderen. Ich bin sofort süchtig geworden und kam nicht mehr aus dieser Sache heraus. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich nicht mehr die einzige jüdische Jugendliche in einem Raum.

Hinzu kommt, dass ich musikalisch begeistert bin. Ich singe und tanze gern. Mein erster Gedanke war damals: Im kommenden Jahr will ich auch auf der Bühne stehen. Diese Euphorie hat mich in ihren Bann gezogen. Kurze Zeit später fuhr ich mit der Jüdischen Jugend Baden auf ein Ferienlager. Im nächsten Jahr absolvierte ich die Madrichim-Ausbildung. Und für mich war relativ schnell klar: Ich will nicht nur dabei sein, sondern mitgestalten.

JUGENDZENTRUM Kurze Zeit später gab es die Initiative in Baden-Baden, ein jüdisches Jugendzentrum aufzubauen. Ein Jahr lang war ich dort der einzige Madrich. Es war natürlich schon ein überwältigendes Gefühl. Plötzlich kamen diese Kinder, die ich von klein auf kannte, und Freunde von mir, die auch jüdisch waren, zusammen in dieses Zentrum. Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, es gibt junges, jüdisches Leben in Baden-Baden. Das gab es vorher nicht. Da war dann dieses Gefühl, ich konnte ihnen etwas geben, das ich damals nicht hatte.

Natürlich ist es so: Wenn man als Jüdin in Deutschland aufwächst, kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man sich fragt, wer man eigentlich ist. Ich hatte keinen Bezug zu Weißrussland. Ich würde nie sagen, dass ich Weißrussin bin. Ich wusste, ich bin Jüdin. Aber was bedeutet das? Ich habe mich nicht wirklich deutsch gefühlt. Ich war eben anders als meine deutschen Freunde. Also habe ich den deutsch-israelischen Freiwilligendienst absolviert.

Ich wünsche mir, dass sich Jugendliche die Fragen, wo sie hingehören und wer sie sind, nicht mehr auf die gleiche Art und Weise stellen müssen wie ich.

Sieben Monate verbrachte ich in einem Zentrum für Autisten. Ich wollte mich selbst finden. In Israel habe ich dann verstanden, wie deutsch ich bin. Ich sprach die Sprache nicht, ich war nicht in der Armee, ich war dort die Deutsche, so wie ich hier die Jüdin bin. Ich habe also den Schluss gezogen, dass ich nach Deutschland gehöre und daran arbeiten will, das jüdische Leben hier mitzugestalten.

Ich wünsche mir, dass sich Jugendliche die Fragen, wo sie hingehören und wer sie sind, nicht mehr auf die gleiche Art und Weise stellen müssen wie ich. Es muss selbstverständlich werden, deutsch und jüdisch zugleich zu sein.

JSUD 2018 begann ich in Tübingen ein Studium in Kunstgeschichte und Französisch. Dadurch engagierte ich mich auch als Studentin. Heute bin ich in der Jüdischen Studierendenunion und der Jewish-Women-Empowerment-Gruppe. Das ist bis heute eines meiner Hauptanliegen. Die Rolle der Frau im Judentum ist ja ganz unterschiedlich.

Meine Uroma war nicht jüdisch. Ich wusste von klein auf, dass ich jüdisch bin, aber weil eine Person in der Familie nicht jüdisch war, wären auch meine Kinder nicht jüdisch gewesen, und ich hätte nicht jüdisch heiraten dürfen. In Weißrussland hat das nie eine Rolle gespielt.

Vergangenes Jahr kam dann der Anruf, dass ich nicht mehr mit ins jüdische Ferienlager darf. Ich habe also beschlossen, zu Masorti nach Berlin zu gehen und dort einen Übertritt zu machen. Diese konservative Richtung ist die Mittelposition zwischen Orthodoxen und Liberalen: Der Schabbat wird eingehalten wie auch bei den Orthodoxen. Man isst koscher. Aber was sofort auffällt: Frauen sind gleichberechtigt. Die Neue Synagoge in Berlin würde ohne Frauen nicht laufen. Dort gibt es eine Rabbinerin, eine Kantorin. Das war für mich so neu und so ermutigend!

AUSTAUSCH Ich habe lange gedacht: Das ist mein Weg, ich weiß nicht, wie ich noch zu orthodoxen Veranstaltungen gehen soll, bei denen ich oben sitze und nichts vom Gebet mitbekomme. Heute habe ich aber wieder eine andere Meinung. Ich bin im Austausch mit orthodoxen Freundinnen. Manche sagen: Es ist ein Privileg, dass wir nicht jeder religiösen Pflicht nachgehen müssen. Dieser Austausch ist wichtig, und ich bin der JSUD sehr dankbar, dass sie diesen Austausch organisiert.

Es gibt aber noch viel Arbeit. Es fehlt an Aufklärung, das habe ich auch in jüdischen Ferienlagern erlebt. Dort passiert es, dass Mädchen ständig angemacht werden. Dass viele hinfahren und denken, Ziel sei es, einen jüdischen Partner zu finden, und deshalb könne man sich alles erlauben.

Wir jungen Jüdinnen und Juden sind wie ein Wörterbuch für die deutsche Gesellschaft.

Mittlerweile bin ich viel im Raum Stuttgart und Baden-Württemberg unterwegs. Ich gebe Interviews und organisiere Veranstaltungen mit. Im vergangenen Jahr war ich fast jedes Wochenende in Berlin. Mein Alltag neben dem Studieren besteht vor allem aus Networking. Im kommenden Jahr feiern wir 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Der Bund jüdischer Studierender Baden und das Staatsministerium Baden-Württemberg organisieren dazu im Herbst einen Science-Slam. Dann gibt es noch einen Poetry-Slam mit der Grünen Jugend.

Neulich war ich auf einer Tagung der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Dort saß ich mit Doktoren der Philosophie in einem Raum, um einen Vortrag zu halten, wie junges jüdisches Leben in Deutschland aussieht. Es ist mir ein Anliegen, es nicht auf Holocaust und Antisemitismus zu reduzieren.

Wir jungen Jüdinnen und Juden sind ja wie ein Wörterbuch für die deutsche Gesellschaft. Da kommen ständig Fragen wie: Hast du Familie, die im Holocaust umgekommen ist? Wie ist das mit dem Nahostkonflikt? Aber das ist nicht unsere Aufgabe. Dafür sollten wir nicht in erster Linie verantwortlich sein. Das ist etwas, worum sich die deutsche Gesellschaft kümmern muss.

HALLE Nach Halle wollten alle mit uns reden. Wir hatten zehn Interviewanfragen am Tag. Das ist eben diese Geschichte mit der Sichtbarkeit. Im Normalfall macht man als junge jüdische Frau oft die Erfahrung, dass man erst mal exotisiert wird. Dann heißt es: Wow, du bist die erste Jüdin, die ich kennenlerne. Ich wusste gar nicht, dass es euch noch gibt.

Das macht etwas mit einem. Aber man versteht nicht genau, was da passiert. Man kommt sehr schnell in diese Position, dass man das Gefühl hat, man müsse sich erklären und die anderen über das Judentum aufklären. Dabei gibt es Tausende Bücher oder Instagram-Channels. Wer sich informieren möchte, kann sich informieren.

Dieses Gefühl, der andere sieht dich als etwas Fremdes, das trägt man mit sich. Wenn man anderen das Judentum erklären will, ist das gar kein Problem, wenn man sich dazu imstande fühlt. Aber ich tat das sehr oft nicht. Mir hat die Reife gefehlt, die Reflektiertheit. Deshalb will ich jüdisches Leben sichtbar machen. Ich will nicht, dass meinen Kindern das passiert, was mir passiert ist. Ich will, dass meine Kinder erleben, dass es das Normalste auf der Welt ist, jüdisch und deutsch zu sein.

Aufgezeichnet von Christian Ignatzi

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