Porträt der Woche

Der Vorleser

»Ich finde es auch schön, wenn es in Büchern mal eine Sexszene gibt«: Eldad Stobetzki Foto: Judith König

Gerade komme ich zurück von einer Veranstaltung, bei der ich Bücher zum Thema Israel und Juden vorgestellt habe. Romane, Erinnerungsbücher, Sachbücher, Kinder‐ und Jugendbücher, Krimis – alle haben sie irgendetwas mit der Geschichte zu tun, die Israel und Deutschland verbindet. Bei einer solchen Buchvorstellung geht es nicht nur um die Liebe zur Literatur, sondern um ein Stück Leben, um Geschichte und die gemeinsame Vergangenheit. Es ist kommunikativ, ich halte keinen Vortrag. Ich lese nur drei, vier Seiten am Anfang. Ich selbst schlafe immer ein, wenn jemand vorliest. Egal, wie gut es ist.

Schon länger mache ich Gutachten für verschiedene Verlage. Wenn ein deutscher Verleger ein Angebot bekommt, einen Roman aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzen zu lassen, dann braucht er jemanden, der den Roman liest, eine Inhaltsangabe macht und eine Prognose abgibt, ob das Buch für den deutschen Markt geeignet ist. Das heißt, sehr viele Bücher, die später in Deutsch erscheinen, kenne ich schon. So kam mir die Idee, die Bücher vorzustellen – in der Stadtbücherei, einem privaten literarischen Salon oder einem Literaturhaus. Vergangenes Jahr war ich sogar bis Rendsburg in Schleswig‐Holstein im jüdischen Museum. Ich mache Appetit und Lust auf Bücher.

Europa Ich komme aus Tel Aviv. Dort habe ich Anglistik studiert und zwei Jahre lang als Übersetzer gearbeitet. Als ich dann israelische Freunde besuchte, die damals in Wiesbaden lebten, erinnerte ich mich an meinen deutschen Pass. Ich wollte immer mal in Europa leben. Auch wenn sich das jetzt unglaubwürdig anhört, war Deutschland naheliegend, weil ich damals schon ganz gut Deutsch sprechen konnte und weil ich auch deutsche Papiere hatte.

Meine Großeltern sind 1933 noch rechtzeitig aus Deutschland nach Palästina ausgewandert. 1965 hat Deutschland diplomatische Beziehungen mit Israel aufgenommen, und jeder, der früher deutscher Staatsbürger war, konnte das auch wieder werden und ebenso seine Nachfahren. Mein Vater hat damals die Papiere erneuert, für die Schublade, wie er sagte. Er selbst wollte nie mehr das Land betreten, aus dem er ausgestoßen worden war. Wir wohnten etwas außerhalb von Tel Aviv, in einer Gegend, wo fast ausschließlich deutsche Juden lebten. Dort redete man viel Deutsch. Das war die Sprache meiner Mutter. Aber meine Muttersprache ist Hebräisch.

1979 bin ich mit 27 Jahren nach Frankfurt am Main gezogen. Zuerst arbeitete ich bei einer israelischen Import‐Export‐Firma. Da das Unternehmen in der ganzen Welt Filialen hatte, suchten sie jemanden für die Korrespondenz auf Englisch. Ich wurde eingestellt und blieb fünf Jahre.

Hier in Deutschland ist der zwischenmenschliche Umgang nicht so direkt wie in Israel. Aber ich denke, einen Teil habe ich mir bewahrt. Nach 31 Jahren kann ich nicht mehr sagen, dass ich im Ausland lebe, doch ich habe das Gefühl, man bleibt immer irgendwie ein Fremder. Ich habe nach wie vor einen Akzent, mache gelegentlich noch sprachliche Fehler, kenne nicht alle Gepflogenheiten. Manchmal geben mir die Leute auch zu verstehen, dass ich nicht ganz dazugehöre. Aber darauf pfeife ich. Ich denke, es ist viel interessanter, wenn man mindestens in zwei Kulturen zu Hause ist.

Übersetzungen Meine Beziehungen zu Israel sind sehr stark. Ich bin jedes Jahr ein‐, zweimal dort. Bis 2009 lebten noch meine Eltern, das war ein wichtiger Grund für Besuche. Jetzt fahre ich, weil ich in Israel Verleger, Autoren und Lektoren treffe. Man kann nicht alles nur über das Internet und am Telefon erledigen. Mir liegt auch sehr viel daran, dass mein Hebräisch nicht veraltet und dass ich die Entwicklungen der Sprache mitkriege, denn ich mache häufig Übersetzungen.

Im Frühling war ich auf der Internationalen Jerusalemer Buchmesse. Ich habe am deutschen Gemeinschaftsstand gearbeitet. Verlage stellen dort ihre Neuerscheinungen vor. Ich finde, der deutsche ist der schönste Stand auf der ganzen Messe: vom Design und Aufbau alles sehr elegant und großzügig, optisch sehr schön. Und wir hatten viele Besucher.

Deutsche Verlage sind froh, wenn ihre Bücher in Israel erscheinen. Ich scoute für einen israelischen Verlag und versuche immer mal wieder, einen deutschen Titel unterzubringen. Man sucht in Israel Romane, die zeigen, wie das Leben heutzutage in Deutschland ist.

Man könnte sagen: Ich bin ein Israeli mit starker deutscher Färbung. Aber ich bin froh, dass ich als Jude in den 50er‐Jahren in Israel groß geworden bin und nicht in Deutschland. Ich denke, das war schöner und einfacher. Und jetzt bin ich sehr froh, in Deutschland zu leben. Das Leben hier ist gut für mich. Ich kann schon sagen: Deutschland gefällt mir.

Schreibtisch Ich lese fast überall: am Schreibtisch, in der Bahn, auf dem Sofa, im Urlaub, im Flugzeug. Beim Essen nicht so gerne, und auch nicht im Bett, weil ich dabei einschlafe. Aber das beste Lesen, ganz konzentriert, ist am Schreibtisch. Zehn, fünfzehn Stunden in der Woche werden es schon sein.

Mein Leben ist Literatur, und die Literatur ist das Leben. Natürlich gibt es im Leben noch ganz andere Sachen. Literatur ist irgendwie auch Luxus. Man könnte zwar ohne Lesen leben, aber das wäre nicht leben, das wäre nur existieren. Ich kann es mir ohne Bücher nicht vorstellen. Schon als Kind habe ich viel gelesen. Das Haus meiner Eltern war voller Bücher.

Außer der Literatur gibt es gewisse Dinge, die für mich einen besoneren Stellenwert haben. Musik zum Beispiel. Ich habe jahrelang Klavier gespielt. Mein Vater kannte sich sehr gut aus mit der deutschen Klassik. Meine Kindheit war voll damit. Ich glaube, ich war der einzige junge Mann, der sich nicht für die Beatles interessiert hat. Mittlerweile mag ich sie.

Aber ich bin auch jemand, der sehr gerne kocht und isst und einen Wein trinkt. Genüsse sind mir nicht fern. Deshalb finde ich es auch sehr schön, wenn es in der Literatur mal eine Sexszene gibt, wenn die Liebe beschrieben wird, klug, schön, witzig, originell oder ganz behutsam und vorsichtig.

Mein Büro ist bei mir in der Wohnung. In der Regel bin ich diszipliniert, sitze um neun Uhr am Schreibtisch. Wenn ich einen Roman übersetze, kann ich das nicht acht Stunden am Stück. Dann brauche ich auch mal Abwechslung, ein Telefonat, E‐Mails. Mittags versuche ich, kurz rauszugehen und etwas zu erledigen.

Als Ausgleich gibt es wenig Sport, dafür immer wieder Einladungen. Wir kochen sehr gerne zu Hause oder bei Freunden. Dann vergisst man die Zeit. Aber es hat fast immer auch mit der Arbeit zu tun. Freunde und Arbeit, das ist bei mir stark miteinander verquickt.

Ich lebe mit einem Mann zusammen. Er ist kein Jude, ist aus der Kirche ausgetreten. Ich bin auch aus der Gemeinde ausgetreten, aber bin trotzdem Jude. Ich gehe nicht zur Synagoge. Deshalb bin ich meiner Meinung nach kein schlechterer Jude, aber auch kein besserer.

Ich versuche, ganz normal ethisch zu leben. Ich denke, Gott interessiert sich nicht dafür, ob ich Schinken esse oder am Samstag Auto fahre. Ich frage mich, wo er denn überhaupt war, als man ihn hätte brauchen können. Von daher ist es ganz nett zu glauben, dass es irgendetwas oben gibt. Aber dass er ganz genau diese 613 Gebote von mir verlangt, daran glaube ich nicht.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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