Hannover

»Der Turm kommt weg«

Erworben: In der ehemaligen Magdalenenkirche sollen bereits kommenden Winter Gottesdienste stattfinden. Foto: JA

Noch keine zwei Jahre ist es her, da feierte die Jüdisch‐Sefardisch‐Bucharische Gemeinde in Hannover die Eröffnung ihres ersten eigenen Gemeindezentrums. Ein ehemaliges koreanisches Restaurant an der Göttinger Chaussee im Stadtteil Ricklingen wurde zur Anlaufstelle für die damals rund 200 Gemeindemitglieder. Aber das ist nun bereits Geschichte und war wohl auch nicht für die Ewigkeit gedacht, denn heute gibt es bereits Platzprobleme.

»Das Zentrum an der Göttinger Chaussee war immer ein Provisorium, ein guter Start, aber nicht ausreichend, um eine Entwicklung nach vorn zu bringen, und es war auch nur gemietet«, sagt Michael Krebs, der Sprecher und Berater der Gemeinde. Inzwischen sei die Gemeinde um weitere rund 100 Mitglieder gewachsen, durch Familiengründungen und Geburten. Zwei Drittel der Mitglieder in Hannover und Umgebung sind unter 35 Jahren alt. Es wird also weitere Heiraten geben. »Und wir sind glücklich über jede Geburt.«

Urkunde Jetzt hat sich der Wunsch der Gemeinde nach Raum und Eigentum erfüllt. Nach einem Jahr »harter Verhandlungen« mit den vorherigen Eigentümern haben die Buchari eine ehemalige evangelische Kirche, im selben Stadtteil Ricklingen erworben. Gleich nach der Schlüsselübergabe lädt Gemeindevorsitzender Michael Davidov zur ersten Besichtigung ein.

Die Termine beim Notar und bei der Bank haben bereits stattgefunden. Die Tinte auf den Dokumenten ist noch ganz frisch, und Uhanu Motaev, der zweite Vorsitzende der Gemeinde, legt seine Hand auf den großen Umschlag mit den wichtigen Papieren, als wolle er sagen: »Das lassen wir uns jetzt nicht mehr wegnehmen.«

Die Maria‐Magdalenen‐Kirche wurde 1962 eröffnet. Im Juni 2009 fand hier der letzte Gottesdienst statt. Die Gemeinde wurde aufgelöst und seitdem stehen die Gebäude leer. An die Kirche grenzt ein mehrstöckiges Wohngebäude und ein Pfarrhaus, umgeben von einem großen Garten, dessen Bäume und Sträucher in den letzten Jahren mächtig gewuchert sind. Insgesamt 5.000 Quadratmeter Haus‐, Grund‐ und Gartenfläche mitten in der Großstadt – es ist schon ein stattliches Anwesen, das sich die kleine Gemeinde hier zugelegt hat.

Generationen Michael Krebs hakt gleich ein: »Dies ist kein eitles Objekt, sondern es geht uns immer um Religion. Wir haben uns hier für die nächsten zwei bis drei Generationen einen würdigen Raum geschaffen.« Mit der Umwidmung der Kirche gebe es keine Probleme, wird versichert. Drei Rabbiner seien vor dem Ankauf dazu befragt worden und hätten ihre Zustimmung gegeben.

Über den Kaufpreis will man erst nicht sprechen, aber dann erhält Krebs doch grünes Licht, Zahlen zu nennen: »Eine Million Euro müssen für den Kauf und die Sanierungsmaßnahmen aufgewendet werden. 250.000 Euro davon steuern unsere Familien als Eigenleistung bei. Und aus den Familien kommen auch die Bürgen. Die Grundsanierung wird drei Jahre dauern, aber das ist auch eine Frage der finanziellen Ausstattung.«

Schon Ende des Jahres soll der Einzug in das neue Gemeindezentrum stattfinden, zumindest soweit, dass Gottesdienste und Schabbatfeiern abgehalten werden können. Insgesamt sei es, so Krebs, ein Projekt, das eine Gemeinde, die 300 Mitglieder hat, finanzieren könne.

Natürlich hofft man auch auf die entsprechende Unterstützung des Landesverbandes. Dessen Vorsitzender Michael Fürst mag nun wirklich noch keine Zahlen nennen: »Jede Gemeinde ist autonom, und das ist sicherlich ein mutiger Schritt, den diese Gemeinde unternimmt. Wir unterstützen das durchaus, um für sie die nötigen Mittel bereitzustellen. In welcher Höhe das sein wird, kann ich überhaupt noch nicht sagen. Wir verhandeln derzeit mit dem Land Niedersachsen.«

Pläne Die neuen Hauseigentümer sind jedoch optimistisch und stecken voller Zukunftspläne. Das rund 1.000 Quadratmeter große Gemeindezentrum bietet ja nicht nur Platz für die Synagoge. Es ist voll unterkellert – dort wird ein Jugendzentrum eingerichtet. Im zweiten Obergeschoss soll ein Kindergarten entstehen. Eine Sonntagsschule ist geplant sowie das Angebot von Sprach‐ und Integrationskursen.

Darüber hinaus reicht der Platz noch locker für die Küche, für Sitzungs‐ und Besprechungsräume, einen koscheren Laden und eine Mikwe – »wenn wir Sponsoren finden«. Das angrenzende Wohnhaus soll an Gemeindemitglieder vermietet werden. Einen eigenen Rabbiner hat die Gemeinde noch nicht, aber da bietet das Pfarrgebäude ja nun Möglichkeiten.

Ein jüdisch‐sefardisch‐bucharisches Zentrum für ganz Deutschland wolle man in Hannover werden, betonen Michael Davidov und Uhanu Motaev. Michael Krebs fügt hinzu: »Durch die Größe des Grundstücks sind wir glücklich über innerjüdische Aktivitäten. Jeder Jude ist herzlich willkommen. Wir sind gute Gastgeber und werden hier herrliche Feste feiern können. Stellen Sie sich nur einmal vor: Eine Hochzeit in diesem schönen Garten!«

Dann folgt sein Blick dem von Vorstand Davidov, der gerade nach oben schaut, und trocken fügt er hinzu: »Der Kirchturm kommt natürlich weg.«

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