Porträt der Woche

Der Spieler

Jakov Kats betreut die Bridge‐Mannschaft von Makkabi Deutschland

von Matilda Jordanova-Duda  02.01.2012 17:33 Uhr

»Es ist kein Glück im Spiel. Nur das Denken bringt ein gutes Ergebnis«: Jakov Kats Foto: Jörn Neumann

Jakov Kats betreut die Bridge‐Mannschaft von Makkabi Deutschland

von Matilda Jordanova-Duda  02.01.2012 17:33 Uhr

Bridge ist, wie Schach, ein Denksport. Die Regeln könnte man in zehn Minuten lernen: Vier Leute spielen an einem Tisch mit einem Satz von 52 Karten. Jeder kriegt 13. Zuerst wird gereizt, dann abgespielt, dann notiert man das Ergebnis und vergleicht es mit den anderen. Nur das Denken bringt ein positives Endergebnis. Es ist kein Glück im Spiel, das ist das Wichtigste. Man spielt Paar gegen Paar. Es ist keine Einzelsportart, sondern Paar‐ oder sogar Teamsport.

Die Herausforderung dabei ist, Teams zu bilden, die sportlich und psychologisch zusammenpassen. Beim Fußball, wo eine Mannschaft aus elf Spielern besteht, kann schon mal einer nicht ganz in Form sein. Beim Bridge darf keiner unvorbereitet zum Turnier kommen. Gute Spieler trainieren vor Meisterschaften normalerweise sechs bis acht Stunden pro Tag. Ein Turnier dauert normalerweise gute vier Stunden. Da muss man die ganze Zeit voll konzentriert sein.

Lettland Ich habe Bridge an der Uni in Lettland kennengelernt, noch zu Sowjetzeiten. Es war verboten, denn es galt als Glücksspiel. Trotzdem war es ein beliebter Zeitvertreib, besonders unter Mathematikern und Naturwissenschaftlern. Es gab ja damals kein Internet und im Fernsehen wenig Spannendes. Also spielte man draußen Fußball und drinnen Schach oder Karten. Seitdem spiele ich ständig, aber das Problem ist die Partnerschaft.

Mein alter Bridgepartner aus Lettland lebt seit gut 14 Jahren in Amerika. Und ich bin seit 1998 in Köln. Jetzt spielen wir ab und zu online, aber wegen der verschiedenen Zeitzonen klappt es nicht immer. Deshalb bin ich seit Jahren Mitglied bei Makkabi Köln. Das ist bundesweit einer von zwei Vereinen, die Bridge als Leistungssport anbieten. Irgendwann wurde ich zum Sportwart gewählt und vor einem Jahr zum Vorsitzenden.

Aufstieg Bei Makkabi Köln haben wir eine Gruppe von rund 20 Bridgespielern. Unsere Mannschaft hat kürzlich die Dritte Bezirksliga gewonnen, jetzt sind wir in der Zweiten Bezirksliga. Leider sind nicht immer alle Spieler da, meist sind wir um die 14. Aus sportlicher Sicht ist das nicht optimal, aber für die Unterhaltung ist es okay.

Mit meinen 50 Jahren bin ich dort fast der Jüngste. Wie überall in Deutschland haben auch wir in Köln keinen Nachwuchs. Deshalb planen wir, an der jüdischen Schule eine AG einzurichten. Es ist ein allgemeines Phänomen, dass junge Leute sich nicht so gern mit Denksport beschäftigen. Sie bevorzugen Computer oder Ähnliches. Aber man kann Bridge auch online spielen. Manchen ist das lieber. Da können sie zu Hause ein paar Stunden Spiel dazwischenschieben und müssen nicht erst irgendwohin fahren.

In Polen, Israel oder den Niederlanden gibt es dieses Nachwuchsproblem nicht. Bei großen Turnieren sind manchmal 20 bis 30 Prozent der Teilnehmer aus diesen Ländern jünger als 30 Jahre. In Polen und Holland wird Bridge in der Schule unterrichtet. Es ist ein richtiges Fach wie Mathe.

MAkkabi‐Spiele Vor den Europäischen Makkabi‐Spielen vergangenen Sommer in Wien haben wir Ausscheidungsrunden durchgeführt. Es ging darum, wer Deutschland vertreten darf. Wir wollten nicht einfach vier Leute nach Wien schicken, denn es sollte ja um sportliche Erfolge gehen, nicht um Tourismus. Aber zu den Ausscheidungsspielen musste jeder auf eigene Kosten anreisen.

Im Unterschied zu anderen Sportarten wie Tennis, Volleyball oder sogar Schach bekommt der Deutsche Bridgeverband keine finanzielle Unterstützung vom Olympischen Komitee. Das heißt, bei Wettbewerben müssen die Spieler die Kosten für ihre Reise und Unterkunft selbst tragen. Theoretisch gäbe es Sponsoren, praktisch aber nicht. Man meint, Bridge sei eine Sportart für gestandene Leute, und diese könnten es sich leisten. Doch gut die Hälfte von denen, die hier auf einem hohen Niveau spielen, kommt aus der ehemaligen Sowjetunion und ist nicht mehr jung. Viele leben von staatlicher Unterstützung und können das Geld nicht aufbringen.

Qualifikation Immerhin ist es uns gelungen, fast 30 Leute für die Ausscheidungsrunde im Februar bei uns in Köln zu versammeln. Acht Personen kamen dann in die Auswahl. Allerdings konnten nur zwei von ihnen nach Wien fahren. Also mussten wir drei von den Schwächeren dazunehmen. Einen braucht man immer als Reserve, denn es ist sehr schwer, die ganze Zeit durchzustehen, acht Stunden am Tag, zehn Tage lang. Und wenn jemand krank wird, dann spielt das ganze Vierer‐Team nicht mehr.

Kurz vor der Abreise ist dann noch einer abgesprungen. Ich wollte als Betreuer eigentlich gar nicht spielen, aber so musste ich mit ran. Wir haben gekämpft und besser abgeschnitten, als ich erwartet hatte.

Tochter In meiner Familie spielt außer mir, Gott sei Dank, niemand Bridge. Sonst hätten wir überhaupt keine Zeit für etwas Anderes. Wenn ich zu Turnieren fahre, versuche ich immer, die Familie mitzunehmen, damit sie auch etwas davon hat. Meine Tochter kennt schon die Farben, sie versucht zumindest, die Karten zu sortieren. Für ihr Alter, fünf Jahre, ist es dennoch ein bisschen zu früh, mit Bridge anzufangen. Sie kann schon rechnen, das ist kein Problem. Aber zu verstehen, warum das und nicht jenes – das kommt später, wenn sie zur Schule geht. Und wenn nicht, dann ist es auch nicht schlimm. Es gibt noch andere interessante Hobbys.

Ich persönlich spiele meist im Internet, zwei bis drei Stunden am Tag, normalerweise spätabends bis in die Nacht. Zusätzlich spiele ich an zwei Tagen wöchentlich live. Das geht nur, weil ich zurzeit arbeitslos bin. Als ich noch Ingenieur bei Ford war, hatte ich überhaupt keine Zeit dafür. Vor allem konnte ich mich nicht etwa um 23 Uhr zum Spiel verabreden, weil ich sehr früh aufstehen musste. Und nach der Arbeit hatte ich keine große Lust mehr, auch nicht am Wochenende. Aber einmal gelernt, vergisst man es nicht wieder, man muss nur die Kenntnisse auffrischen.

Unterricht Ab und zu unterrichte ich auch: Leute, die Spezialwissen über Konventionen, Abspiel und ähnliches brauchen. Wenn mich jemand fragt, dann bin ich dabei. Wie gesagt, anfangen könnte man innerhalb von zehn Minuten, aber um gut zu spielen, muss man ständig dazulernen. Das tue ich auch selbst: Ich nehme einige Unterrichtsstunden online. Es gibt verschiedene Möglichkeiten: zum Beispiel das Weltmeister‐Training oder das Biet‐Training, bei dem man übt, was der Partner anzeigt und wie man es versteht.

Daneben spiele ich Volleyball und Tischtennis, wenn auch nicht mehr ganz so oft wie früher. Ich kümmere mich um die Belange von Makkabi Köln, die Verwaltungsangelegenheiten etwa, die Kommunikation mit den Trainern. Und ich habe ein kleines Kind, das ja auch zum Sport und verschiedenen anderen Aktivitäten gebracht werden will. Aber das Wichtigste ist: Ich suche Arbeit. Bridge ist nicht mein Beruf, sondern ein Hobby, wenn auch ein ziemlich aufwendiges.

Weltmeisterschaft Über die Hohen Feiertage im Herbst war ich in Israel. Danach haben wir allmählich wieder mit den Vorbereitungen für die kommenden Turniere angefangen. Die bedeutendste Sache ist Makkabia 2013 in Israel. An einer solchen Weltmeisterschaft haben wir noch nie teilgenommen.

Es werden rund 200 Makkabi‐Teams dabei sein, nicht wie vergangenes Jahr in Wien nur zehn bis zwölf. Aber das Problem ist wie immer die Finanzierung. Vielleicht gelingt es uns bis dahin, Unterstützung zu finden. Wir wollen gern eine sehr starke Mannschaft auf die Beine stellen – und mindestens Bronze holen.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova‐Duda

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