Porträt der Woche

Der Sozialmanager

Sergej Aruin hilft straffällig gewordenen russischsprachigen Jugendlichen

von Matilda Jordanova-Duda  08.02.2011 09:48 Uhr

Koordiniert die Arbeit vom Schreibtisch aus: Sergej Aruin (39) in seinem Büro Foto: Alexandra Umbach

Sergej Aruin hilft straffällig gewordenen russischsprachigen Jugendlichen

von Matilda Jordanova-Duda  08.02.2011 09:48 Uhr

Ich bin ständig unterwegs. Einige Termine fangen schon um 7.30 Uhr an. Und vor 20 Uhr verlasse ich nie das Büro, oft wird es später. Manche Woche hat für mich sieben Arbeitstage. Im Jahr 2002 habe ich gemeinsam mit Freunden und Gleichgesinnten den Verein AVP (Akzeptanz, Vertrauen, Perspektive) gegründet. Zwei Jahre später bekamen wir die erste kleine Förderung von der Stadt Düsseldorf. Das reichte, um eine Anlaufstelle aufzubauen. Wir hatten nur zwei winzige Räume, aber waren überglücklich. Als wir endlich über Telefonanschlüsse und andere Kommunikationswege verfügten, habe ich mich an die Arbeit gemacht und unzählige Anträge geschrieben: an die Stadt, das Land, den Bund, überallhin. Es war erfolgreich: Die Hälfte wurde genehmigt. Heute sind wir im Verein neun Festangestellte und um die 50 Honorarkräfte.

Wir arbeiten in der Gewaltprävention, machen Streetwork mit schwierigen delinquenten russischsprachigen Jugendlichen. Jahrelang haben wir auch Straffällige in der Justizvollzugsanstalt betreut. Wir haben einen besseren Zugang: Wir beherrschen die Sprache, haben das kulturelle Know‐how, aber auch die entsprechende Qualifikation, weil wir hier ausgebildet sind.

Familienhilfe Inzwischen sind die Jugendlichen nicht mehr unser einziger Schwerpunkt. Vor ein paar Jahren ist die Einwanderungswelle abgeebbt, es kommen kaum mehr russischsprachige junge Menschen. Hätten wir weiterhin nur sie als Zielgruppe, müssten wir uns in 15 Jahren auflösen. Deshalb sind wir im Jahr 2006 in die Betreuung von Familien eingestiegen: vor allem Erziehungs‐ und Beziehungsprobleme. Zur Zeit betreuen wir 20 Familien in Düsseldorf und Umgebung.

Seit einem Jahr betreiben wir auch ein Bildungszentrum. Zu uns kommen etwa 130 Kinder im Alter von anderthalb bis 14 Jahren, und es werden immer mehr. Wir haben Wartelisten für unsere Kurse. Es wird Russisch, Englisch, Deutsch, Mathe, Kunst, Schachspiel, Musik, Computerdesign und vieles mehr unterrichtet. Bei den ganz Kleinen geht es um Motorik, emotionale Wahrnehmung und Zweisprachigkeit.

Für mich persönlich war das Erlernen der deutschen Sprache die größte Hürde, die ich nehmen musste. Ich war 19, als ich mit meinen Eltern nach Deutschland kam. Da lernt man eine Fremdsprache nicht mehr so leicht wie ein kleines Kind.

In Moskau hatte ich angefangen, Maschinenbau zu studieren. Das hatten aber eher meine Eltern ausgewählt. Mein Vater ist Ingenieur und meinte: »Ein Mann soll auch einen männlichen Beruf haben«. Während des Studiums habe ich jedoch begriffen, dass das überhaupt nicht mein Ding ist. Ich hatte eher Interesse für Geschichte, Soziologie und Psychologie.

Als ich mich an der Uni Essen für Sozialarbeit eingeschrieben hatte, sagten alle: »Sergej, du musst bescheuert sein! In diesem Beruf macht man keine Karriere, sondern wird arbeitslos.« Auch während des Studiums war die Perspektivlosigkeit immer wieder ein Thema. Aber für mich war klar: Ich habe in den ersten Jahren meines Aufenthalts hier sehr gelitten, weil ich kaum Kontakte hatte und mir vieles so fremd war. Gott sei Dank habe ich mich ins Deutschlernen hineingekniet und das Abitur gemacht. So hatte ich auch positive Erlebnisse. Wenn ich das nicht getan hätte, stünde ich heute dort, wo viele meiner Altersgenossen gelandet sind.

Streetwork Die ersten Berufserfahrungen habe ich bei der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf gesammelt. Es gab ein Übergangswohnheim für jüdische Zuwanderer, ein riesiges Haus mit mehr als 300 Familien. Man sagte zu mir: »Sergej, du bist jung und ein fast fertiger Sozialarbeiter, mach doch was! Wir hören, dass da traurige Zustände herrschen, die Jugendlichen hängen ab und sorgen für unangenehme Situationen.« Also ging ich in die Bibliothek. Dort habe ich interessante Ansätze gefunden: Streetwork und »aufsuchende Jugendarbeit«. Die Zielgruppe waren ursprünglich Drogenabhängige und Obdachlose. Mit Jugendlichen hatte man weniger auf diese Weise gearbeitet. Ich ging es an und wurde der erste russischsprachige Streetworker in Düsseldorf.

Mein Anerkennungsjahr habe ich beim Jugendamt der Stadtverwaltung gemacht. Als ich – für Sozialarbeiter untypisch – in Anzug und Krawatte zum Vorstellungsgespräch erschien, hatte ich die Klischees damit schon gebrochen. Der Abteilungsleiter sagte: »Ich habe von Ihnen gehört. Wir hätten eine Aufgabe für Sie. Wollen Sie ein Projekt leiten?« Da habe ich nicht lange überlegt.

So durfte ich in Düsseldorf‐Hassels, wo damals die meisten russischsprachigen Migranten lebten, ein Projekt von Null an aufbauen. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen besuchte unsere Freizeiteinrichtung. Das war aufregend. Wir haben das Leben dieser jungen Menschen mit Inhalten gefüllt und unzählige Projekte initiiert: Theater, Musik, Sport, Kunst.

Management Ursprünglich wollte ich gar nicht in die Jugendarbeit. Schon von Anfang an hat mich viel mehr die Organisation, Strategie und das Management im sozialen Bereich gereizt. Aber dafür braucht es eine gewisse Erfahrung. Jetzt bin ich da, wo ich hinwollte. Die Arbeit mit Klienten mache ich schon lange nicht mehr, dafür sehr viel Koordinierung. Zusätzlich zum hauptamtlichen Job als Geschäftsführer des Vereins bin ich ehrenamtlich im Vorstand des Bundesverbands für russischsprachige Eltern. Und dann bin ich auch Vorsitzender des Koordinierungskreises der russischsprachigen Landsleute und praktisch für ganz NRW zuständig. Deshalb habe ich auch sehr enge Kontakte zum russischen Konsulat, mit dem wir viele Veranstaltungen zusammen planen. Um alles voranzutreiben, braucht man sehr viel Lobbyarbeit. Wir haben Kontakte zu den Kommunen, Ministerien, zum Polizeipräsidium, zum Rotary‐Club: Die müssen frisch gehalten werden.

Auch die Beziehung zur jüdischen Gemeinde ist sehr eng. Ich habe dort jahrelang gearbeitet: beim Sicherheitsdienst, später in der Sozialabteilung. Viele Gemeindemitglieder sind meine Freunde. Gelegentlich bin ich auch zum Gottesdienst da. Ich war nie religiös, aber ich betrachte mich als traditionellen Juden. Ich bin stolz auf meine Wurzeln, weiß, wo ich hingehöre. Mein Sohn ist jetzt 13 Jahre alt, wahrscheinlich wird er dieses Jahr Barmizwa.

An meine Bürotür habe ich eine Mesusa angebracht. Alle wissen, dass ich jüdisch bin. Von unseren Mitarbeitern sind etwa die Hälfte Juden. Es gibt bei uns viele Tabus, wie zum Beispiel Rauchverbot. Aber eines der wichtigsten ist: Antisemitismus. Wenn ich da irgendetwas hören sollte, fliegt derjenige sofort raus aus unserem Team.

Demnächst wollen wir einen Kindergarten gründen – auch in Kooperation mit der Gemeinde. Das wird kein jüdischer sein, aber ein zweisprachiger. Wir möchten auch eine Grundschule. Es gibt ja noch keine, in der Deutsch und Russisch gleichberechtigt unterrichtet werden. Wir haben vor, eine Bibliothek zu gründen, die Kontakte nach Russland und Israel auszubauen und den Jugendaustausch voranzutreiben. Es wird zwar schon viel in dieser Richtung getan, aber es kann nie genug sein.

Freizeit habe ich kaum und daher auch keine Hobbys. Die Zeit, die übrig bleibt, verbringe ich mit meiner Familie. Zu meinem Sohn aus erster Ehe habe ich ein hervorragendes Verhältnis. Und seit Kurzem habe ich auch eine kleine Tochter. Ich bin ein glücklicher Mensch. Aber mehr Freizeit würde mir guttun. Und mehr Schlaf.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova‐Duda

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