Buch

Der Mann, der sich treu bleibt

Der ehemalige Landesrabbiner Joel Berger erzählt sein Leben. Eine Journalistin hat mitgeschrieben

von Gabriela Fenyes  19.02.2013 12:41 Uhr

Erzählt aus seinem Leben: Der Mann mit dem Hut, Landesrabbiner a.D. Joel Berger

Der ehemalige Landesrabbiner Joel Berger erzählt sein Leben. Eine Journalistin hat mitgeschrieben

von Gabriela Fenyes  19.02.2013 12:41 Uhr

Joel Berger ist ein wortgewaltiger und temperamentvoller Mann. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und bleibt sich immer treu. Seine Klugheit, sein Witz und die Freude am Leben, auch in den schlimmsten Situationen, ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Vita. Der Mann mit dem Hut – Geschichte meines Lebens ist der Titel seiner Lebenserinnerungen, die die Rundfunkredakteurin Heidi-Barbara Kloos jetzt aufgezeichnet hat.

»Widerspenstig und heiter! Und da der Stil, wie Stendhal sagte, selbst der Mensch ist, können wir in dieser leichten, genussvollen Erinnerungsprosa die besondere menschliche Kraft des Autors erkennen – nämlich seine selbst dem jüdischen Schicksal trotzende Heiterkeit«, schreibt der ungarische Schriftsteller und Freund Bergers György Dalos im Vorwort.

Orthodox Berger, 1937 in Budapest geboren, war nach seiner Flucht aus Ungarn im Jahr 1968 Rabbiner in Regensburg, Düsseldorf, Bremen. Göteborg und von 1985 bis zu seiner Pensionierung 2002 Landesrabbiner von Baden-Württemberg. Liebevoll erzählt das einzige Kind von Aurelia und Eugen Berger Geschichten über seine Familie im jüdisch-orthodox geprägten Haus, wo Lernen und Lesen, auch auf Deutsch, eine Selbstverständlichkeit sind.

Seine Mutter, »war sehr fleißig, und was sie in die Hand nahm, gelang ihr«. Ende der 20er-Jahre wurde sie in der Budapester Niederlassung von Mercedes-Benz als Büroleiterin des deutschen Direktors angestellt. »Stuttgart-Untertürkheim gehört zu den ersten deutschen Worten, die ich lernte.« Und bei seinem Vater, der sich Anfang der 30er-Jahre mit einem Salon für Damenzubehör selbstständig machte, lernte er schon als Kind »den Unterschied aus Hutstumpen, edlem Hasenhaar und den aus gewöhnlichem Filz«.

So sehr diese Details einen beim Lesen schmunzeln und die kurze, unbeschwerte Kindheit Revue passieren lassen, so sehr betrübt einen die politische Situation unter den faschistischen ungarischen Pfeilkreuzlern und die Ausrottung der ungarischen Juden. »Man muss sich bewusst machen, wie rasend schnell und in welch kurzer Zeit die Ereignisse der ›Endlösung‹ vonstatten gingen«, betont Berger.

Extreme Wehmütig beschreibt er das blühende jüdische Leben in Budapest vor dem Untergang. »In keiner Großstadt in Deutschland, nicht in Berlin, nicht in Hamburg, geschweige denn in Frankfurt, gab es ein so reiches jüdisches Leben wie damals in Budapest. Hier trafen Ost und West zusammen, und alle extremen Strömungen waren hier zu Hause, die Ultraorthodoxen genauso wie die Ultraliberalen.«

Eindrucksvoll berichtet er, wie das Wohnhaus in dem er mit seinen Eltern im St.-Stephans-Park Nr. 4 lebte, zu einem sogenannten Judenhaus wurde, wo die Menschen »eingepfercht« wurden. Auch in der Wohnung seiner Eltern mussten »von heute auf morgen mindestens 30 Personen aufgenommen werden«. Der größte Teil der Familie wurde umgebracht. Joel und seine Mutter überlebten in Budapest, sein Vater im Konzentrationslager.

Bergers Studienzeit ist geprägt von einem judenfeindlichen kommunistischen Regime in Ungarn. Es verwundert nicht, dass er lapidar feststellt, »die Befreiung 1945 währte nur fünf Minuten«, die Repressalien des kommunistischen Regimes hat er am eigenen Leibe erfahren.

Fairness Dennoch hat er sich nicht verbiegen lassen: Gradlinigkeit, Elan, Hingabe, Liebe zum Leben und Menschen, zu seiner Familie, seinen Freunden. Aber auch gegenüber denen, die er kritisch bewertet, bleibt Rabbiner Berger fair. Offen steht er als orthodoxer Rabbiner dazu, mit dem liberalen Judentum nicht viel anfangen zu können. Dennoch findet er große Anerkennung für den wohl bekanntesten liberalen Nachkriegsrabbiner und Leo Baeck-Schüler, Nathan Peter Levinson: »Obwohl uns Welten trennten, habe ich in ihm immer einen anständigen hilfsbereiten Kollegen gefunden, der in der Tat Großes geleistet hat.«

Bergers Lebensbericht, seine Geschichte und Geschichten rühren an, sie machen nachdenklich – aber man kann viel lachen, auch über ihn. Er ist in Deutschland wirklich angekommen, der Lehrer, Gelehrte, Fußballfan, der Widerspenstige und manchmal Bärbeißige, hier fühlt er sich zu Hause.

Dem Buch ist eine CD beigelegt: Erzähltes Leben. Joel Berger im Gespräch mit Jörg Vins vom Südwestrundfunk. Köstlich, feurig und seine Frau Noemi plaudert auch noch aus dem kulinarischen Nähkästchen.

Joel Berger: »Der Mann mit dem Hut. Geschichten meines Lebens«. Aufgezeichnet von Heidi-Barbara Kloos. Klöpfer&Meyer, Tübingen 2013, 384 S., 25 €

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