Während ich gerade meine Outfits für die kommenden vier Tage zusammenlege, denke ich für einen Augenblick an meinen ersten Jugendkongress im Jahr 2024. Es war der erste nach dem Massaker am 7. Oktober 2023, und ich ahnte damals noch nicht, wie sehr mich diese Tage prägen sollten. Eigentlich, erinnere ich mich, hatte ich mich nur angemeldet, um ein paar Freunde von meiner Taglit-Reise vom vorherigen Sommer wiederzusehen. Ein Wiedersehen, ein paar Workshops, ein schönes Wochenende – mehr hatte ich nicht erwartet.
Doch schon die Ankunft in Berlin fühlte sich anders an. Wir hatten unsere Züge so gebucht, dass wir ungefähr gleichzeitig am Hauptbahnhof eintrafen – das klappte sogar. Von dort aus machten wir uns auf den Weg in den Prenzlauer Berg.
Aber das eigentliche Erlebnis sind die Menschen, die ich dabei kennengelernt habe.
Und je näher wir dem Hotel kamen, desto deutlicher wurde das Bild: Streifenwagen reihten sich entlang der Straße, Sicherheitskräfte mit wachsamen Blicken standen vor dem Eingang. Es war einschüchternd, ja – aber gleichzeitig hatte ich auch dieses seltsam-gute Gefühl von Schutz. Wir alle haben ein Bewusstsein dafür, wie verletzlich jüdisches Leben in Deutschland ist und wie viel Kraft es braucht, trotzdem sichtbar zu sein. Denn der Gedanke, dass mitten in Berlin rund 500 junge Jüdinnen und Juden alle an einem Ort versammelt waren, wäre mit weniger Sicherheit sehr beunruhigend gewesen.
Sobald wir jedoch das Hotel betraten, war die Stimmung eine ganz andere. Es war, als würden wir in eine andere Welt eintauchen, eine Welt voller junger, aufgeregter und interessanter Menschen, die alle eine Gemeinsamkeit haben – das Jüdischsein. Was uns noch vereinte, das fanden wir in den Tagen heraus, die vor uns lagen. Es war atemberaubend, wenn auch zugleich etwas überfordernd, so viele neue Menschen kennenzulernen.
Das Vertraute am Jugendkongress ist die Struktur. Zum Auftakt gibt es ein Festmahl. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich davon war: Mehrere Gänge, alle koscher und hübsch angerichtet. Zwischen den Tellern und Gesprächen wurden wir offiziell begrüßt. Ich spürte die Größe dieser Veranstaltung, die so viele junge Menschen zusammenbringt und jedem auch gerecht werden möchte.
Wir haben ein Bewusstsein dafür, wie verletzbar jüdisches Leben sein kann.
Ich freute mich auf den Freitag, an dem ich eine Veranstaltung besuchte, die ich mir eine Woche vorher ausgesucht hatte. Vor zwei Jahren war ich bei einem Graffiti-Stadtrundgang, im vergangenen Jahr auf einer Segway-Tour durch Hamburgs Speicherstadt. Und auch dieses Jahr gibt es wieder eine gute Mischung – von Fahrradtouren über Museumsbesuche bis hin zu einer Airbus-Werkstour. Jede Aktivität auf dem JuKo ist auch immer ein kleines Abenteuer.
Aber das eigentliche Erlebnis sind die Menschen, die ich dabei kennengelernt habe. Meine Freundinnen und ich haben schon vor ein paar Wochen gespannt auf die Veröffentlichung des Programms gewartet, um unsere Ausflüge zu planen. Obwohl es für uns verlockend war, uns gemeinsam zu denselben Workshops anzumelden, haben wir schnell gemerkt, dass wir zum Teil an verschiedenen Angeboten interessiert sind. Der tolle Nebeneffekt? Wir können auch andere Freundeskreise und neue Leute treffen.
Das ist es, was ich am JuKo auch liebe: Vor zwei Jahren kannte ich weniger als zehn Menschen vor Ort. Dieses Jahr werde ich deutlich mehr bekannte Gesichter sehen, die ich an diesen vier Tagen kennengelernt habe.
Das Gemeinsame ist das Schöne. Und noch etwas ist es, was ich vom Jugendkongress mit in meinen Alltag nehme: die Stimmung am Freitag – das Gefühl von Erew Schabbat. Wenn sich nach dem Gebet der Saal mit allen Teilnehmern füllt, die festlich gekleidet sind, wenn eine heitere Spiritualität in der Luft liegt, dann ist Schabbat beim JuKo. Ein Abend voller Gespräche, voller Lachen und einer Freude, die sich für mich schwer in Worte fassen lässt. Vielleicht ein Geborgensein, ein Sich-fallen-lassen-Können.
Und das nicht nur am Schabbat, sondern auch in den vielen Workshops. Ich erinnere mich so gern an den mit dem Schauspieler Daniel Donskoy oder den mit dem arabisch-israelischen Journalisten Yoseph Haddad – Persönlichkeiten, die unsere jüdische Identität auch in den sozialen Medien prägen.
Wir wissen, wie nah Freude und Leid beieinander liegen.
Es sind nicht immer die leichten Themen, die uns beschäftigen. Klar denke ich gern an die Begegnung mit Aleeza Ben Shalom, die bei einem der vergangenen JuKos über jüdisches Matchmaking sprach und uns einen Einblick in ihre Arbeit gab, oder auch an die Comedyshow von den »Two Jews«.
Allerdings wissen wir, wie nah Freude und Leid beieinander liegen. Besonders in den vergangenen Jahren seit dem 7. Oktober 2023. Bei jedem Jugendkongress gab es Räume für das gemeinsame Trauern, das gegenseitige Stärken. Wir hatten Zeit, uns darüber auszutauschen, was uns in dieser Zeit geprägt hat, was uns verbindet und welche Folgen dieser Tag für uns junge Juden in Deutschland hatte und auch immer noch hat.
Trauern, bestärken und trotzdem das Leben feiern.
Wer schon einmal auf dem Jugendkongress war, wird mir vielleicht zustimmen: Die Party am Samstag nach Schabbat ist ein Highlight. Gutes Essen, Feiern im Freien, auch wenn es Ende Februar, Anfang März noch immer etwas frisch ist, Livemusik, zu der wir tanzen, ohne einen Gedanken an den Abschied zu verschwenden. Wir tanzen auf das Leben, auf uns, auf das Freisein, auf den Moment.
Es sind so intensive Tage, die ich persönlich jeder jungen Jüdin und jedem jungen Juden ans Herz legen möchte. Und wenn ich jetzt, da ich meine Sachen schon fast herausgesucht habe, daran denke, merke ich, wie viel mir diese Tage bedeuten – und ganz sicher nicht nur mir.Nicht nur wegen der Programmpunkte, sondern auch wegen allem, was dazwischenlag: den Gesprächen auf dem Hotelflur, den spontanen Begegnungen beim Frühstück und den Momenten, in denen man sich sicher und verstanden fühlt, weil man von Menschen umgeben ist, die verstehen, ohne dass man erklären muss.
Ganz abgesehen davon ist der JuKo ein Safe Space, den es in Deutschland in solch einem Ausmaß selten zu erleben gibt und den wir gerade in diesen Zeiten dringend brauchen. Auch deswegen empfinde ich das Motto dieses Jahr als besonders treffend. Es ist wichtig, dass wir Juden uns selbst, aber auch der Außenwelt bewusst machen, dass wir Teil der Gesellschaft waren, sind und sein werden.
Wir sind Teil der Gesellschaft – zeigen wir es also!
Den Jugendkongress in Großstädten wie Berlin und Hamburg zu veranstalten, ist eine Art Versprechen, dass wir sichtbar, laut und präsent bleiben. Denn wir sind tatsächlich stark, jüdisch und hier – präsent. Ich habe meine Badges noch immer. Sie liegen in einer Schublade, und jedes Mal, wenn ich sie sehe, spüre ich wieder ein Stück dieser besonderen Atmosphäre. Sie erinnern mich an die Menschen, die ich getroffen habe, an die Gespräche, an die Momente, die mich geprägt haben. Und sie lassen die Vorfreude auf den nächsten Kongress jedes Mal ein Stück größer werden.
Es ist ein Privileg, so etwas erleben zu dürfen. Wir sind stark. Wir sind jüdisch. Wir sind hier.
Die Autorin ist 20 Jahre alt und studiert Zahnmedizin.