Musik

Der Improvisator

Passend zur herbstlichen Stimmung draußen begann Leonid Chizhik sein Konzert am 6. Oktober im Hubert‐Burda‐Saal mit leisen, assoziativen Tonfolgen zum Songthema September in the Rain von Harry Warren. »Ich illustriere nicht. Ich interpretiere nichts. Ich bin kein Interpret. Ich bin Improvisator«, teilte der Jazzpianist gleich nach diesem Stück seinem Publikum mit.

Vorgegeben seien nur die Themen, alles andere »kommt ausschließlich von uns selbst«, weiß Chizhik. Sprich: von ihm und seinem Publikum, das jedes Konzert durch seine Präsenz beeinflusse. »Darum«, erklärt Chizhik, »wird das, was heute Abend hier passieren wird, auch das erste und letzte Mal so passieren«.

Weltrang Ganz sicher nicht zum letzten Mal wird Chizhik indes im Münchner Gemeindezentrum aufgetreten sein. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es der IKG gelungen war, einen Konzertflügel der Kategorie D zur Verfügung zu stellen. Ohne diesen wäre es dem Künstler von Weltrang nicht möglich gewesen, in der Kultusgemeinde aufzutreten.

Dies wäre mehr als schade gewesen: Chizhik zählte bereits in der Sowjetunion, die er im Jahr 1991 Richtung München verließ, zu den bedeutendsten Jazzpianisten. Zu Beginn der 70er‐Jahre, nach seinem Studium bei Theodor Gutman im Moskauer Gnessin‐Institut, trat er bereits mit seinem Trio und auch als Solo‐Jazzpianist auf. Chizhik war der erste professionelle Jazzmusiker, der in großen philharmonischen Konzertsälen Konzerte gab.

Er erhielt zahlreiche wichtige Auszeichnungen, ist Mitglied des Direktoriums der »International Jazz Federation« und Generaldirektor des »Moscow Art Center«. Er lehrt in München und Weimar als Professor für Jazzpiano, viele seiner früheren Schüler sind inzwischen selbst professionelle Jazzpianisten.

So erlebten die Zuhörer denn auch ein in jeder Hinsicht gelungenes Konzert, das den Jüdischen Kulturtagen am Jakobsplatz einen ganz besonderen Glanz verlieh. Derart virtuos und mit musikalischem Esprit dargebotenen Jazz hört man selbst im verwöhnten München nicht alle Tage. Erfreulich: Auf Anregung von Präsidentin Charlotte Knobloch wird die IKG von nun an jährlich jüdische Kulturtage veranstalten.

Abhandlung Über den »Einfluss jüdischer Komponisten und Musiker auf den Jazz« hatte sich der Musikwissenschaftler und Chizhiks langjähriger Freund, Vladimir Freitag aus Sankt Petersburg, in einer Abhandlung Gedanken gemacht. Der Musikjournalist und Sprecher Armand Presser trug den Text zu Beginn des Konzerts vor.

Dadurch wurde die Entstehungsgeschichte der amerikanischen Musik deutlich. Zum einen brachten Einwanderer ihre musikalische Kultur aus Europa mit. Zum anderen wurden laut Freitag auch gezielt osteuropäische Musikpädagogen von Europa nach Amerika geholt, um den »Wettbewerb mit den führenden europäischen Kulturen zu gewinnen«.

Popsongs, Musicals und Dance Music waren und sind in den USA denn auch oft mit Musikern aus jüdischen Immigrantenkreisen verbunden, wie aus Freitags Abhandlung hervorging. Irving Berlin, Georg Gershwin und Leonard Bernstein gehörten da nur zu den bekanntesten Musikern mit einem derartigen biografischen Hintergrund. Später gelang diesen Künstlern der »Einstieg ins Herz des Showbusiness New York«. Die Tin Pan Alley, Sitz vieler Musikverlage, war dabei eine wichtige Adresse für jüdische Songschreiber. Hier begannen die Karrieren von Jerome Kern, Sigmund Romberg und Harold Arlen.

Stilbildend »Die Kompositionen von jüdischen Musikern sind auffallend optimistisch und klar, ihre Melodien sind eingängig und ihre Harmonien schön und edel, inspiriert vom Impressionismus«, schreibt Freitag. Von New York aus entwickelten die Songschreiber »eine melodische Sprache, mit der eine neue, prägnante musikalische Kunst aufkam: der Jazz.« Das unvoreingenommene Verhältnis jüdischer Komponisten zu diesem Genre half ihnen, eine »kosmopolitisch‐musikalische Sprache« zu finden, die nicht nur zur Grundlage des Jazz wurde, sondern ganz allgemein die populäre Musik stilprägend beeinflusste.

Meister wie Duke Ellington und andere jüdische Musiker komponierten gleichzeitig coupletartige Lieder und Jazz‐Standards. Legendäre Jazzgrößen wie Charlie Parker und Dizzy Gillespie bedienten sich bei ihren Melodien aus populären Liedern.

Wie Freitag ist auch Chizhik davon überzeugt, dass der Einfluss jüdischer Komponisten auf den Jazz immens war. Sein Programm belegte diese Einschätzung eindrücklich. Viele der von ihm gespielten Stücke stammen von jüdischen Musikern. Für Chizhik erfreulich und »problematisch« zugleich: Es gibt einfachere Aufgaben, als sich »aus dem Ozean schöner Melodien« mit Blick auf das Konzert in der IKG für einige wenige entscheiden zu müssen.

Programm Die Stücke, die der Pianist schließlich auswählte, reichten von Irving Berlins The best thing for you is me über Over the Rainbow von Marold Arlens bis hin zu Emily von Johnny Mandel. Letzteres widmete Leonid Chizhik seiner gleichnamigen Enkelin, die auch im Konzertsaal anwesend war. Er spielte aber auch viele Klassiker wie Like Someone in Love von Jimmy van Heusen, Softly as in a morning Sunrise von Sigmund Romberg und mehrere Kompositionen von David Kern, Arthur Schwarz, Harold Arlen und natürlich George Gershwin.

Chizhiks Improvisationen, seine Art, in Musik zu denken, sich zwischen Klassik und Jazz zu bewegen und die vielfältige Sprache des Jazz in allen Nuancen erlebbar zu machen, begeisterten das Publikum im Hubert‐Burda‐Saal immer wieder aufs Neue. Der Musiker aus Chisinau kreierte mit seinen Songs und Melodien jüdischer Komponisten sowie durch seine Improvisationskunst unvergessliche Klangwelten. Kurz: Dieser Abend war ein ganz und gar einmaliges Erlebnis.

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