Janusz Korczak Akademie

Der Hund, der fliegen kann

Vipo hat lange Ohren. Wenn er sie aufstellt, sieht er ein bisschen aus wie ein Hase. Breitet Vipo seine Hasenohren aus und bringt sie zum Schwingen, dann erinnert er eher an Dumbo, den fliegenden Elefanten.

Vipo ist aber ein Hund – ein fliegender Hund, der es beizeiten schafft, aus seiner Zeichentrickserie auszubrechen und als knuddeliges Stofftier bei einer Schar von Kindern zu landen. Man kann sich vorstellen, was dann passiert. Alle wollen ihn haben.

Alle haben ihn bekommen, und das bedeutete für die 50 Kinder vielleicht so etwas wie Glück, das ziemlich überraschend vom Himmel gefallen ist, einem strahlenden Sommerhimmel mitten im Juli, mitten in Deutschland.

Denn die Kinder kommen aus Syrien, dem Irak, dem Iran, Äthiopien und Eritrea und leben in der Flüchtlingseinrichtung am Alten Flughafen in Frankfurt Bonames, die von der Diakonie Frankfurt/Main unter Pfarrer Michael Frase betrieben wird.

PilotprojekT
In einem Pilotprojekt hat die Europäische Janusz Korczak Akademie (EJKA) zusammen mit dem Generalkonsulat des Staates Israel für Süddeutschland vergangenen Mittwoch besagten Vipo in die Frankfurter Flüchtlingsstätte einfliegen und für viel kindgerechten Wirbel sorgen lassen.

»Vipo – der fliegende Hund« ist eine israelische Zeichentrickserie des Vermarktungsunternehmens Globe Edutainment. Vipo reist in Episoden von etwa zehn Minuten Länge um die Welt, landet mal in dieser, mal in jener Stadt, erlebt mit seinen Freunden, Betty, einer Spielzeugkatze, und Henry, einem Storch, kleine Abenteuer.

Letztendlich zeigt Vipo eine Welt, so wie sie sein sollte – doch wenn sie wirklich so wäre, gäbe es keine Flüchtlingskinder mehr. In mehr als 100 Ländern, in rund 40 verschiedenen Sprachen sind die Vipo-Filmchen schon gelaufen. In der Flüchtlingsunterkunft am Alten Flughafen besuchte Vipo vor den Augen der Kinder Hamburg und London und wechselte dabei mühelos in die Sprachen Arabisch, Farsi und Deutsch.

Ehrenamtliche Helfer aus dem Jugendzentrum »Amichai« der Jüdischen Gemeinde Frankfurt sowie Mitarbeiter der Europäischen Janusz Korczak Akademie haben viel Material zum Basteln, Malen und Spielen mitgebracht. Die Mannschaft, die da in den Flüchtlingsalltag einbricht, baut für die Kinder ein improvisiertes Spielzimmer auf, mit einem Spielteppich auf dem Boden und einem Fernseher in der Ecke – alles ermöglicht, gespendet und finanziert durch die EJKA und das israelische Generalkonsulat.

Und weil draußen das schönste Wetter ist, zieht man zusammen in den Schatten, setzt sich gemeinsam auf den Boden und an Tische. Doch bei dem Kindernachmittag geht es um mehr als die nette Darbietung eines Filmchens, auch um mehr als um einen netten, fliegenden Hund.

Eva Haller, Präsidentin der EJKA, freut sich über den gelungenen Auftakt des Projekts. Für sie gehört der Einsatz für Kinder zum Selbstverständnis einer jüdischen Bildungseinrichtung: »Dabei werden wir immer auch von Janusz Korczak erzählen, werden versuchen, mit Janusz Korczak Türen zu öffnen. Denn Janusz Korczak ist mehr als ein Jude, er ist der Vater der Kinderrechte«, sagt die ausgebildete Journalistin und Lingustin.

Vielfalt Der EJKA sei es wichtig, »gelebte Vielfalt in der Praxis gemeinsam zu gestalten und somit den neuen zugewanderten Flüchtlingen unsere Heimat und unsere Werte zu vermitteln und Hass, Antisemitismus und Ausgrenzung von Anfang an entgegenzutreten«, so Haller weiter.

Helge Eikelmann, Frankfurter Vertreter des Generalkonsulats des Staates Israel für Süddeutschland, der zum Projektauftakt Generalkonsul Dan Shaham vertreten hat, weist darauf hin, dass bei der für Deutschland anstehenden Integrationsarbeit die Möglichkeit bestehe, die »deutsch-israelischen Beziehungen« weiter zu vertiefen. Denn Israel sei ein Staat, der große Erfolge bei der Integration von Zuwanderern aus den verschiedensten Kulturkreisen vorweisen könne. Das Generalkonsulat sei, was dies anbelange, stets bereit, mit Projekten und Impulsen zu unterstützen, so Eikelmann.

Und Boris Rhein (CDU), hessischer Minister für Wissenschaft und Kunst, sagt, er sei »der Janusz Korczak Akademie und dem Generalkonsulat sehr dankbar, dass sie mit der Einrichtung des Spielzimmers für geflüchtete Kinder Verantwortung übernehmen und einen aktiven Beitrag zur Integration hier bei uns in Hessen leisten«.

In der Frankfurter Flüchtlingsunterkunft beobachten die Eltern der Kinder vom Hintergrund aus das ausgelassene Treiben – schüchtern und etwas verwundert. Später müssen einige mitlachen, einige drücken den neuen Besuchern einfach mal dankbar und kurz die Hand, während Sylvia Berlit, die Leiterin der Einrichtung, die Räumlichkeiten zeigt und erklärt, wie Kinder und Erwachsene hier leben.

Am Ende verabschiedet man sich. Doch die Erinnerungen an einen bunten Tag und ein ebenso buntes Spielzimmer mit einem Fernseher an der Wand werden bleiben – und der Einblick in eine Welt, die vielen Flüchtlingskindern bisher völlig fremd war.

information Der Nachmittag in Frankfurt, der auch vom dortigen Diakonischen Werk sowie dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst unterstützt wurde, ist erst der Anfang. Weitere Städte in Hessen, Baden-Württemberg, später auch in Bayern, sollen folgen. Dann wird Vipo hoffentlich viele weitere Flüchtlingskinder in seinen Bann ziehen. Und nicht nur das: Der fliegende Hund kann die jungen Menschen indirekt mit dem Staat Israel vertraut machen, über den sie in ihrer Heimat vermutlich wenig gehört haben – und falls doch, dann eher wenig Gutes.

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