Spurensuche

Der Fünf-Minuten-Jude

Seit 30 Jahren bekennt sich der Schauspieler zum Judentum, doch erst jetzt wagt er sich an sein Lebensthema heran. Foto: SWR/WDR

Kippa auf, Kippa ab. Ilja Richter, Jahrgang 1952, bekannt insbesondere als Moderator der Fernsehsendung Disco in den 70er‐ und frühen 80er‐Jahren, sitzt auf einer Berliner Parkbank und scheint zu zögern. Dann setzt er die Kippa wieder auf. »Doch, jetzt mache ich etwas, was ich noch nie gemacht habe«, ist Richters Stimme zu hören. Er wird »sein Judentum nach außen tragen«. Zumindest dieses eine Mal.

Gott und die Welt – Grenzgänge mit Ilja Richter, entstanden 2015 als Fernsehfilm für den WDR, dokumentiert die nicht immer ganz einfache Auseinandersetzung des Schauspielers, Filmemachers und Synchronsprechers mit seinen jüdischen Wurzeln. Es ist gleichzeitig fast ebenso sehr ein Heimatfilm über Berlin, eine Stadt, so Richter, die seine Seele streichle, »trotz aller Ruppigkeit«.

Das tolerante, multikulturelle Berlin, für Richter ist es eine Stadt, in der das Leben gesiegt hat. Hier ist er, der sich gerne als »unstet und flüchtig« bezeichnet, zu Hause. »In dieser Atmosphäre«, sagt Richter über seinen Geburts‐ und Wohnort, »sollte es doch möglich sein, sich als was auch immer zu bekennen. Auch als Jude. Oder nicht?«

schmerz Doch Richters Verhältnis zum Judentum ist offenbar komplizierter als das zu seiner Heimatstadt. Kein Wunder: Seine jüdische Mutter hatte die Nazi‐Herrschaft in Deutschland nur überlebt, weil sie ihre Herkunft versteckte. »Schon als ich ein kleiner Junge war, wurde fast alles Jüdische von mir ferngehalten«, erinnert sich Richter. Mit neun Jahren begann er, Theater zu spielen: »Meine Mutter hat mich sehr unterstützt und mir geraten, nicht zu sagen, dass ich Jude bin. Das schade der Karriere.«

Eine dunkle Station auf Ilja Richters persönlicher Berlin‐Landkarte ist der Weinbergsweg 3. Hier, so erfährt es der Zuschauer des von Ravi Karmalker und Yves Schurzmann einfühlsam gedrehten Films, wurde Richters Großmutter an den Haaren die Treppe heruntergezogen und auf einen Lastwagen geworfen, um wenig später in Auschwitz ermordet zu werden.

Den Schmerz trägt Ilja Richter nach eigenem Bekunden in sich, und doch will er nicht in der Familiengeschichte verweilen: »Die Suche nach jüdischer Identität auf der Basis von Schmerz und Nachempfinden, das kann doch nicht alles sein.«

Doch wo lässt sie sich finden, die positive jüdische Identität eines Mannes, der »so nicht erzogen worden« ist, der das Judentum aber dennoch als »sein Lebensthema« bezeichnet? Was kann das »Vakuum« füllen, von dem Richter im Gespräch mit der Berliner Rabbinerin Gesa Ederberg berichtet?

Der Schauspieler sucht die Antwort in der Begegnung mit Menschen: »Es gibt Momente – das kann fünf Minuten lang sein –, in diesen Momenten weiß ich ganz genau: Jetzt bin ich ein Jude.« Dieses Gefühl, so Richter, stelle sich in der Begegnung mit anderen Juden ein. Jedoch: »Nach diesen fünf Minuten«, Richter schnippt mit den Fingern, »ist das vorbei.« Er sei eben ein »Fünf‐Minuten‐Jude«.

bracha Zu seinem Markenzeichen hat Ilja Richter, der in seinen besten Zeiten Millionen Menschen vor die Bildschirme zog, das Judentum nie machen wollen. Seit nunmehr drei Jahrzehnten bekennt er sich öffentlich dazu, ist aber vorsichtig mit Einladungen in Talkshows umgegangen, um kein »Friedman für Arme« zu werden, der immer dann gefragt wird, wenn ein Asylbewerberheim brennt. Und so, verrät Richter den Zuschauern seines Films, der auf dem 22. Jüdischen Filmfestival Berlin & Brandenburg gezeigt wird, sei er ursprünglich auch alles andere als begeistert gewesen von der Idee, sich bei der Spurensuche von der Kamera begleiten zu lassen.

Es ist ein Glücksfall, dass Richter sich doch hat überzeugen lassen und Einblicke in sein Ringen um die eigene Identität gewährt. Zu den intimsten Momenten des Films gehören die Begegnungen mit der Rheinländerin Ilse Rübsteck, einer alten Dame, für Ilja Richter so etwas wie die jüdische Oma, die er nie kennenlernen durfte.

Liebevoll und streng mahnt sie Richter, doch wenigstens ein paar Zeilen auf Hebräisch zu lernen, eine Bracha, um sie am Freitagabend zum Kiddusch, dem Segen über den Wein, sprechen zu können. Wenn Richter das Gebet mit offensichtlicher Mühe liest, wirkt das auf den Zuschauer beinahe etwas theatralisch, als müsse jemand seine Distanz betonen.

synagoge Ernst wird es für Richter dann, als er in der Synagoge Münstersche Straße mit Rabbiner Yehuda Teichtal Tefillin legt und zur Tora aufgerufen wird. Oder vielleicht auch nicht so ernst, denn, so Richter, unter den Orthodoxen habe er sich besonders aufgenommen gefühlt, und gleichzeitig sei es erstaunlich lustig gewesen.

Vor der Toralesung habe er dennoch »großen Schiss« gehabt: »Wenn ich ein altes Buch lese, welches auch immer, und nun auch noch dieses, ist das für mich eine sehr aufregende Sache, und es war für mich heikel.« Geholfen habe die Wahl‐Oma: »Die einzige Beruhigungspille, die ich im Nachhinein hatte, war, dass ich weiß, dass es eine Menge Juden gibt, die oft auswendig Gelerntes sprechen, ohne immer dessen Bedeutung zu kennen. Ilse zum Beispiel hat ein Leben lang bestimmte Gebete eingehalten, und wenn ich sie frage: ›Was hast du da gesagt?‹, erwidert sie: ›Das weiß ich nicht, aber es ist schon so richtig, wie ich es jetzt gesagt habe.‹«

ambivalent »Unsere Tradition gehört Ihnen, greifen Sie zu«, sagt Rabbiner Daniel Alter zu Ilja Richter, als dieser sich mit ihm in der Jüdischen Buchhandlung verabredet, um sich in Sachen Kippa‐Mode von ihm beraten zu lassen. Es ist ein Satz, den Richter abgewandelt mehrere Male zu hören bekommt. »Das Judentum ist nicht ein ganzes Stück, also ›take it or leave it‹«, formuliert es Rabbinerin Ederberg. Man könne die Bücher aufmachen und sagen: »Das ist meins, hier klicke ich mich ein, das gehört zu mir, das spricht mich an, mit dem kann ich überhaupt nichts anfangen – und das ist in Ordnung.«

Was also hat Ilja Richter für sich aus der filmischen Wurzelsuche gewonnen? Die Antwort bleibt ambivalent, für Richter ist der Weg noch nicht zu Ende beschritten. Noch einmal betont er die speziellen Begegnungen mit anderen Juden, und überhaupt sei das Judentum »die einzige Religion, zu der ich einen Zugang habe«.

Richter betont aber auch: »Ich habe jetzt nicht angefangen, Rituale zu befolgen. Ich bleibe ein kosmopolitischer Mensch – aber einer mit jüdischen Wurzeln.«

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