Beschneidungsdebatte

»Den Hilferuf gehört«

Im Dialog: Norbert und Gertrud Lammert mit IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch (r.) Foto: Miryam Gümbel

Für Präsidentin Charlotte Knobloch ist mit der Beschneidungsdebatte erstmals seit 1945 die jüdische Existenz in Deutschland wieder infrage gestellt worden. Unter dem Titel »Wollt ihr uns Juden noch?« hat sie am 5. September in der Süddeutschen Zeitung dazu einen viel diskutierten Artikel geschrieben.

Am Mittwoch vergangener Woche hat nun das Bundeskabinett den vom Justizministerium vorgelegten Entwurf für ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Charlotte Knobloch begrüßte das rasche Vorgehen der Regierung als »entschlossenes und deutliches Signal der Politik«. Sie hoffe darauf, »dass der Bundestag das Gesetz in dieser Form möglichst bald verabschiedet und das Thema somit endlich aus dem öffentlichen Diskurs verschwindet«.

BRIT MILA Welche Fragen noch offen sind, wurde in einem Gespräch deutlich, zu dem Bundestagspräsident Norbert Lammert am Tag der Deutschen Einheit in die Israelitische Kultusgemeinde München gekommen war. Gemeinsam mit seiner Gattin besichtigte er Synagoge und Gemeindezentrum, um anschließend in kleinem Kreis mit Charlotte Knobloch, dem Präsidium der Kultusgemeinde, Abi Pitum sowie Mitgliedern aus der Mitte der Gemeinde, Harry Habermann und Ron C. Jakubowicz, über die neue Situation für Juden in Deutschland nach dem Urteil des Kölner Gerichtes zur Beschneidung zu sprechen.

Lammert hatte zehn Tage nach Charlotte Knoblochs Artikel – ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung – auf diesen mit einem eigenen Beitrag reagiert. Seine Antwort unter dem Titel »Ihr seid wir« war ein eindeutiges »Ja«. Sein Besuch am 3. Oktober war auf eigene Initiative zurückgegangen.

»Die Motivation zu meinem Artikel war ein Anflug tiefer Verzweiflung«, sagte Charlotte Knobloch bei der Begrüßung. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich eine solche Situation jemals erlebe.« Sie habe die Entschlossenheit in der Gesellschaft vermisst, sich an die Seite der jüdischen Gemeinschaft zu stellen, bekannte sie. Wichtig sei für sie nun, »dass wir ein echtes Miteinander erreichen und auf dieser Basis des gegenseitigen Respekts möglichst bald zu Normalität gelangen. Wir müssen verstehen, dass der andere gar nicht so anders ist als wir selbst.«

Noch einmal fasste sie die Situation zusammen. Besonders unerträglich sei der Vorwurf gewesen, »dass wir unsere Kinder verletzen«. Auch aus der Politik sei anfangs nicht der nötige Rückhalt zu spüren gewesen, »wie ich mir das vorgestellt hätte«. Sie berichtete von verunsicherten Familien, die zu ihr kamen mit ihren Sorgen und der bangen Frage, ob sie ihre Kinder hier noch erziehen könnten. Sie selbst sei sehr betroffen gewesen, dass sie sich schon auf einer Linie mit der Äußerung von Ignatz Bubis sel. A. sah, »der am Ende seines Lebens sagte: ›Ich habe nichts erreicht!‹«.

Verzweiflung Lammert seinerseits dankte für die Möglichkeit, kurzfristig zu einem Gespräch zusammenzukommen, und betonte: »Ich habe zwischen den Zeilen genau die Verzweiflung empfunden, auch den Hilferuf in der Hoffnung, dass eine Antwort kommt.« Dies sei das wesentliche Motiv für seinen Artikel gewesen, er habe gespürt, dass Charlotte Knobloch nicht nur ihr eigenes Empfinden zum Ausdruck gebracht hatte, sondern die Gefühlslage vieler Juden. »Und weil das so ist, entspricht das meinem Verständnis, dass es im Blick auf unsere gemeinsame Geschichte einen Anspruch auf Antwort gibt.«

Er bedauerte die Irritationen, die er als besonders schmerzlich empfinde, »aber da, wo es tatsächliche Probleme gibt, dürfen wir nicht in Sprachlosigkeit verfallen«. Er sehe allerdings »keinerlei Gefahr, uns durch Kopflosigkeit oder Oberflächlichkeit ins Schwanken bringen zu lassen«. Der Deutsche Bundestag habe nach dem Kölner Urteil »zum frühestmöglichen Zeitpunkt reagiert«, um »keinen Zweifel zu lassen, das Thema aufzugreifen und nach einer Lösung zu suchen«. Als engagierter Katholik habe er gut verstanden, »dass es gelegentlich schwer erträglich ist, wenn Selbstverständlichkeiten des Glaubens von anderen infrage gestellt werden«.

Aber eine sorgfältige Untersuchung, was diese im Kontext des säkularen Lebens bedeuteten, sei notwendig. »Für Sie gebe es erst dann Grund zu ernster Besorgnis«, so Lammert, »wenn Sie den Eindruck haben müssten, hier würde eine vom Parlament bestellte Regierung zum Schluss kommen, machen wir da einen Strich drunter. Aber eine solche Neigung besteht nicht«, versicherte er.

Charlotte Knobloch hatte dennoch Bedenken. Bei der Brit Mila handle es sich um »eine konstitutive religiöse Grundlage, die bereits nach gegebener Gesetzeslage legal ist. Ich habe die historisch begründete Befürchtung, dass ein heute mit bestem Wissen und Gewissen verfasstes Gesetz in der Zukunft in negativem Sinne geändert werden kann.« Sie nannte die Vorlage des Justizministeriums dennoch sehr ausgewogen und lobenswert und brachte ihre Hoffnung zum Ausdruck, »dass das Gesetz den Bundestag bald passiert«.

Antisemitismus Im weiteren Verlauf griff die Gesprächsrunde eine andere Befürchtung Knoblochs auf, die sie in ihrem Artikel geäußert hatte. »Die Debatte hat eine neue Dimension von Antisemitismus zutage befördert.« Gerade für »junge Leute, die vielfach noch auf der Suche nach ihrer Heimat sind, ist es schon ein Problem, wenn immer wieder ihre freie Religionsausübung infrage gestellt wird«.

Ron C. Jakubowicz forderte deshalb »eine grundsätzlich tolerante Einstellung zu anderen Religionen«, und Abi Pitum untermauerte die Befürchtungen von Knobloch: Wenn jüdisches Leben auf Beschneidung und Schächten reduziert werde, könne »damit ein Antisemitismus ganz anderer Art wieder hervortreten«.

Gerade hier, zeigte sich Lammert überzeugt, sei eine öffentliche und ruhige Diskussion die beste Methode gegen antijüdische Ressentiments. »Wir müssen die Gelegenheit auch nutzen, eine exemplarische Diskussion mit einem exemplarischen Ergebnis zu haben.«

Risse Aaron Buck, Pressereferent der Kultusgemeinde, teilte Knoblochs Wahrnehmung, wonach der Rückhalt aus der Mitte der Gesellschaft zuletzt spürbar schwächer werde. Er warnte vor tiefer werdenden Rissen im gesellschaftlichen Konsens. Diese seien bereits in früheren Debatten wie etwa nach der Gaza-Flottille 2010 oder infolge des Grass-Textes im April dieses Jahres sichtbar geworden. Die aktuelle Beschneidungsdiskussion habe das Rad nur noch einen Zacken weitergedreht.

Harry Habermann schließlich brachte die Diskussion auf eine persönliche Ebene: »Wenn man sich hier wohlfühlen soll, bedarf es eines Fundaments, das einer Belastung standhalten muss. Hier ist die Frage, ob die Entwicklung dieses Fundaments erschüttert ist.« Beunruhigend nannte er es, dass große Teile der deutschen Bevölkerung Israel noch vor Iran und Nordkorea als Gefahr für den Weltfrieden betrachten. Seine Frage: »Wie geht man mit dem Hilfeschrei um? Die Koffer bleiben ausgepackt – aber welche Konzepte gibt es für die Zukunft?«

Daran knüpfte zum Abschluss Charlotte Knobloch an: »Ich sehe die Schuld nicht nur bei den anderen. Wir müssen auch an uns selbst Fragen stellen: Was kann man noch tun, haben wir vielleicht sogar zu viel getan, oder welche Fehler sind geschehen?« Fakt ist: Es besteht noch viel Bedarf für Gespräche – Bundestagspräsident Norbert Lammert will sie, wie er zum Abschied sagte, gerne fortsetzen.

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