Charlottenburg

Dem Vergessen entreißen

Rabbiner Jonah Sievers, Sara Nachama und Reinhard Naumann Foto: Blue Lights Heaven Production

Die Idee des Stolperstein-Putzens ist nicht neu, seit Jahren gibt es bundesweit entsprechende Initiativen. Das aber macht solche Aktivitäten ja nicht automatisch obsolet. Sinnvoll sind sie schon deshalb, weil das Messing der Stolpersteine nachdunkelt und die Namen der Opfer dann kaum noch zu lesen sind. Damit lässt zumindest optisch auch die Erinnerungskultur nach. So hat das Putzen sowohl eine pragmatische als auch eine metaphorische Funktion im Sinne des Imperativs »Nicht vergessen!«.

Es ist eine kleine Gruppe, die sich am vorvergangenen Sonntagvormittag vor dem Eingang zur Pestalozzistraße 14 in Charlottenburg getroffen hat, auf deren Hof sich die Synagoge befindet. Da das vordere Wohnhaus auch vor der Schoa bereits der Jüdischen Gemeinde gehörte, gab es entsprechend viele jüdische Bewohner, als im nahe gelegenen Grunewald die Deportationen begannen.

Da das vordere Wohnhaus auch vor der Schoa bereits der Jüdischen Gemeinde gehörte, gab es entsprechend viele jüdische Bewohner.

Nicht weniger als 40 Stolpersteine hat Gunter Demnig, Künstler und Initiator der deutschlandweiten Stolperstein-Aktionen, im Laufe der Jahre vor dem Gebäude verlegt. Auf Einladung des Filmdokumentaristen An­dré Poser hatten sich hier Rabbiner Jonah Sievers und Sara Nachama aus dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde mit dem Charlottenburger Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) verabredet.

RECHERCHE Poser, der bei Recherchen eine für ihn bislang nicht bekannte Verfolgungsgeschichte auch in der eigenen Familie recherchiert hat, trifft sich seit Jahren weltweit mit Schoa-Überlebenden. Sein Projekt ist nicht mit einem Budget ausgestattet, wie es etwa der Steven Spielberg Foundation zur Verfügung steht, dafür aber wirken seine Interviews viel intimer. Dazu trägt auch die ungewöhnliche Eingangsfrage bei: »Was war der schönste Moment in Ihrem Leben?«

Es ist das Wochenende, an dem 76 Jahre zuvor die einen von der Nazi-Herrschaft befreit wurden und für andere ihre Weltherrschaftsfantasien zusammenbrachen. Die Berliner SPD würde an diesem Jahrestag und an dem der Pogromnacht, also am 9. November, regelmäßig Stolpersteine putzen, erzählt Reinhard Naumann.

Diesmal ist der Lokalpolitiker allein gekommen, im Gepäck entsprechende Putzmittel, Schwämme, Wasser und Lappen. Und ein politisches Statement gibt es von Naumann gegenüber dieser Zeitung auch. Er spricht von der Wichtigkeit eines Dreiklangs von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: »Wir ehren mit dem Putzen der Stolpersteine das Andenken der Opfer der Nazi-Schergen. Das sind fast immer jüdische Menschen, aber man findet auch Stolpersteine für politische Widerständler, die hingerichtet wurden.«

BRÜCKE Gegenwart bedeute in diesem Zusammenhang, »sich klar gegen jede Form des Antisemitismus zu positionieren. Bestimmte psychische und auch politische Auffälligkeiten nehmen im Zuge der Pandemie zu, das erleben wir. Rassistische Übergriffe bis hin zu Gewalttaten nehmen zu und leider eben auch der Antisemitismus. Und dann der Brückenschlag zur Zukunft.«

Sara Nachama versteht die Aktion in der Pestalozzistraße als ein Beispiel für die Nachbarschaft.

Dabei verweist er auf verschiedene Städtepartnerschaften seines Bezirks mit Israel. Dafür sei der Karmiel-Platz vor dem Bahnhof Grunewald unweit des Gleises 17 ein sichtbarer Ausdruck. Dieser Brückenschlag werde schon seit Jahren vor allem durch den Jugendaustausch mit Israel realisiert. Dabei öffne sich »für beide Seiten eine andere, neue Welt«.

Sara Nachama versteht die Aktion in der Pestalozzistraße als ein Beispiel für die Nachbarschaft. »Ich wünschte mir, mehr nichtjüdische Menschen hier zu sehen«, sagt das Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde. Dafür aber müssen die Nachbarn über eine solche Aktion informiert und gegebenenfalls auch ermuntert werden, sich daran zu beteiligen. Für deren Mobilisierung stünden heutzutage diverse soziale Medien zur Verfügung.

Vorerst aber zog das ambitionierte Quartett an diesem Sonntag weiter zur Giese­brechtstraße 18. Vor dem späteren Wohnhaus der Volksschauspielerin Grethe Weiser warteten nicht weniger als 25 verdunkelte Stolpersteine darauf, die Namen der Schoa-Opfer wieder preiszugeben.

Tel Aviv

Irgendwie Alltag – bis zum Alarm

Eigentlich wollte Jacob Horowitz nur den Halbmarathon in Tel Aviv laufen. Doch dann begann der Krieg mit dem Iran. Wie sich die vergangenen Wochen zwischen Purim, Schutzraum und verschobener Evakuierung anfühlen, das hat er für uns aufgeschrieben

von Jacob Horowitz  12.03.2026

Sport

Vereint am Ball

Jüdische Hobby-Fußballer feiern ihre Gemeinschaft – und möchten in schwierigen Zeiten ein Zeichen setzen

von Christine Schmitt  12.03.2026

Berlin

Interaktives Projekt zur jüdischen Geschichte des Scheunenviertels

Im Scheunenviertel in Berlin-Mitte gibt es seit Mittwoch zehn Straßenmarkierungen auf Jiddisch, Deutsch und Englisch. Über ein interaktives Erinnerungsprojekt wird so an die jüdische Geschichte der Spandauer Vorstadt erinnert

von Markus Geiler  11.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026

Programm

Kakaniens Kinder, Jakobs Zelte und Israels Superfood: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. bis zum 19. März

 11.03.2026

Hilfe

Gestrandet in Deutschland

Viele Israelis wurden im Ausland vom Beginn des Krieges mit dem Iran überrascht. Sie finden Unterstützung bei der israelischen und jüdischen Gemeinschaft vor Ort

von Joshua Schultheis  11.03.2026

Meinung

Jüdisches Leben gehört zum Ländle

Nach der Wahl in Baden-Württemberg kann die jüdische Gemeinschaft darauf vertrauen, auch künftig einen zuverlässigen Partner in der Landesregierung zu haben. Einzig das gute Abschneiden der AfD bereitet Sorgen

von Barbara Traub  11.03.2026

Berlin-Neukölln

Wer ist dieser Mann?

Er lehrte arabische Schüler die Geschichte des Holocausts, organisierte einen Austausch mit Israelis und hielt Drohungen stand. Hudhaifa Al-Mashhadanis Geschichte faszinierte die Medien, begeisterte Politiker und schenkte ihm das Vertrauen jüdischer Organisationen. Aber ist alles daran wahr?

von Mascha Malburg  11.03.2026

Berlin

150 Rabbiner am Brandenburger Tor

Ein Fototermin setzt ein Zeichen: Rabbiner zeigen, wie jüdisches Leben heute Europa prägt. Was beim Treffen sonst noch auf dem Programm steht

 11.03.2026