Chemnitz

»Davon lasse ich mir nicht den Gefilte Fisch vermiesen«

Uwe Dziuballa Foto: Andre Koch

Herr Dziuballa, Sie geben Ihr Restaurant an der Carolastraße auf und ziehen in die Heinrich‐Zille‐Straße. In der Bild‐Zeitung war zu lesen, dass Neonazis Sie von Ihrem Standort vertrieben haben. Ist das so?
Ich lasse mich nicht vertreiben, ich sehe doch nicht aus wie jemand, der vor irgendwelchen Idioten wegläuft. Die Geschichte ist komplexer: Der Hauptgrund für den Umzug ist, dass wir in einer neuen Location unser Konzept erweitern werden. Wir steigen in das Mittagsgeschäft ein, wollen unser Mazze‐Angebot erweitern und selbst gebackene Bagel anbieten. Die Übergriffe auf unser Restaurant spielen aber auch eine Rolle. Die Sachbeschädigungen finden zwischen Mitternacht und dem frühen Morgen statt. In dieser Zeit ist die Gegend um unser Lokal menschenleer. Jeder kann dann seine destruktive Phase ausleben, ohne dass das jemand mitbekommt.

Am neuen Standort sind die Bedingungen besser?
Dort wohnen Menschen, es entstehen kleine Geschäfte. Wer eine Fensterscheibe einwirft, muss damit rechnen, dass Leute aufwachen, zum Hörer greifen und die Polizei rufen.
In der Nähe Ihres neuen Standortes soll ein Thor‐Steinar‐Laden aufmachen, der die rechte Szene bedient. Stört Sie das nicht?
Davon lasse ich mir nicht den Gefilte Fisch vermiesen. In der Bevölkerung regt sich gerade massiver Widerstand gegen den Laden. Als Unternehmer finde ich das nicht gut, politisch gesehen ist das natürlich vollkommen richtig. Es kann ja auch ganz eklig für den Szene‐Laden sein, dass sich in ihrer Nachbarschaft die Juden niederlassen.

Seit Sie vor zwölf Jahren Ihr Restaurant Schalom in Chemnitz eröffneten, kam es immer wieder zu Vandalismus, es wurde Ihnen sogar ein Schweinekopf vor die Tür gelegt. Wie viele Übergriffe haben Sie verzeichnet?
Es gab etwa 240 Fälle von Sachbeschädigung, antisemitische Anrufe und Briefe nicht mitgezählt. Bis jetzt sind wir auf mehr als 40.000 Euro Schaden sitzen geblieben.

Und davon wurde kein einziger Fall aufgeklärt?
Mir ist kein Fall bekannt. Die Polizei sagt, dass die Taten eben zu ungünstigen Zeiten stattfinden, wenn keine Zeugen da sind.
Haben Sie es schon mal mit Überwachungskameras probiert?
Ja, aber das Problem ist, dass die Kameras immer auch ein Stück öffentlichen Raum erfassen. Und dann dürfen die Aufnahmen nicht verwendet werden. In warmen Nächten habe ich mich mit meinem Bruder auch schon bis früh um fünf vors Geschäft gesetzt und aufgepasst. Das kann man bloß nicht allzu oft machen, wenn man drei Stunden später wieder arbeiten muss.

Wie reagiert die Lokalpolitik auf das Problem?
Manchmal mit Betroffenheit, ich wurde aber auch schon als Nestbeschmutzer dargestellt. So schlimm sei Chemnitz doch nicht. Natürlich ist es das nicht, ich würde nicht in Chemnitz leben, wenn ich das hier unerträglich fände.

Haben Sie trotzdem schon mal ans Weggehen gedacht?
Ja. Aber durch unseren Verein Schalom, der auf dem Gebiet Bildung, Soziales und Kultur tätig ist, bin ich mit der Gesellschaft hier so verflochten, dass es ein fatales Signal wäre, sich zurückzuziehen. Das würde irgendwelchen Schwachköpfen signalisieren, dass sie ihr Ziel erreicht haben. Bei manchen Mitbürgern könnten sich dadurch Ängste entwickeln, die nicht angebracht sind. Es ist also ein Stück weit gesellschaftliche Verantwortung, dass wir hier bleiben.

Frustriert es Sie nicht, dass Ihre Anwesenheit in Chemnitz nicht als normal empfunden wird?
Als ich 1993 aus den USA nach Chemnitz zurückkam, hatte ich die Vorstellung, nach drei bis vier Jahren in der Gesellschaft aufzugehen. Aber diese Illusion von Normalität ist absolut zerbrochen. Bis Normalität eintritt, wird es vermutlich noch Generationen dauern. Was ich mir aber wünsche, ist Gelassenheit, Unverkrampftheit. Es gibt antisemitische Angriffe, aber dieser Philosemitismus ist auch nicht angenehm: Die Leute wollen mal einen Juden anfassen oder umarmen. Manche Gäste trauen sich nicht, das Essen zu kritisieren, wenn es ihnen nicht geschmeckt hat. Dabei ist das doch ganz in Ordnung. Aber wir haben auch kleine Erfolge zu verzeichnen. Manche Besucher, die erst Ressentiments hatten, sind heute unsere Stammgäste.

Mit dem Betreiber des Chemnitzer Restaurants »Schalom« sprach Karin Schuld‐Vogelsberg.

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