Duisburg

Das religiöse Jahr als Video

Video-Künstlerin Ruth Bamberg und der Duisburger Historiker Ludger Heid widmen sich gemeinsam dem Projekt. Foto: Andreas Köhring

Rabbiner David Geballe, mit Kippa und Tallit, hat Tefillin angelegt. Die Lederriemen mit den Kapseln sind vorschriftsmäßig um den linken Arm und die Stirn geschnürt: Bei der Vorbereitung des Gottesdienstes hat der Duisburger Rabbiner die Worte der Tora sinnbildlich direkt vor Augen (und die Maske vor Mund und Nase).

Die Duisburger Videokünstlerin Ruth Bamberg hat den Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinden Duisburg-Mülheim-Oberhausen in der Duisburger Synagoge in einer Totalen ins Bild gerückt. Mit Abstand und Videokamera hat sie ihn bei Vorbereitungen zu Gottesdiensten an verschiedenen Feiertagen dieses Mal zum Purimgottesdienst beobachtet und alle seine Handbewegungen verfolgt. »Wir sind, wenn auch unfreiwillig, dabei, ein zeithistorisches Dokument zu erstellen: jüdisches Gemeindeleben unter Pandemiebedingungen«, sagt Bamberg, die sich selbst lieber als »Bewegtbild-Künstlerin« bezeichnet.

Comicfiguren Geballes Kostüm ist durchaus purimwürdig, geschneidert aus einem Stoff, auf dem Szenen aus einem Spiderman-Comic knallbunt aufgedruckt sind.

Es soll eine Langzeitbeobachtung des jüdischen Lebens werden.

Eigentlich wollte Ruth Bamberg gemeinsam mit dem Duisburger Historiker Ludger Heid, der das Projekt wissenschaftlich begleitet und der selbst Mitglied der Duisburger Gemeinde ist, ein Jahr lang das Leben in der Ruhrgebietsgemeinde begleiten: ein Dokument von »Jüdischkeit«. »Wir wollten«, berichtet Ludger Heid, »eine Langzeitbeobachtung eines jüdischen Jahres in den Zyklen der Feiertage und Gemeindeleben mit dem Gemeinderabbiner im Mittelpunkt präsentieren.«

Vorbereitung Ursprünglich sollte die Dokumentation, die später in Form einer Videoinstallation gezeigt werden soll, so hatten es Bamberg und Heid konzipiert, schon am Jahreswechsel 5781 mit den Hohen Feiertagen Rosch Haschana und Jom Kippur beginnen und vor Erew Rosch Haschana 5782 enden. Monatelang hatten sich Bamberg und Heid vorbereitet, den Gemeinderabbiner und den Vorstand der Drei-Ruhrstädte-Gemeinde mit ihrem Konzept des Videoprojekts überzeugt. Dem Historiker und der Bildkünstlerin geht es dabei auch darum, wie Heid betont, die Gemeinde als kulturellen Kristallisationspunkt darzustellen, der »in die Gesamtgesellschaft hineinwirken möchte. Es muss deutlich sein, dass Juden integraler Teil der Gesamtgesellschaft sind«.

Alexander Drehmann, der Geschäftsführer der Gemeinde, hofft auf eine Wirkung für die Gemeindemitglieder und die Öffentlichkeit. »Ein aktuelles Zeugnis unseres Gemeindelebens, das wir unseren Nachkommen und unseren Synagogennachbarn zeigen können«, sagt Drehmann. »Eine tolle zeitgenössische Dokumentation jüdischen Gemeindelebens in Duisburg.«

Festjahr Das Videoprojekt »Lob-Preis« von Bamberg und Heid fand auch das Interesse der Organisatoren des Festjahres »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«, die die filmische Begleitung des religiösen und sozialen Lebens rund um die Duisburger Synagoge am Springwall finanziell fördern. Aber durch den Ausbruch der Corona-Pandemie drohte das Projekt noch vor seinem Beginn zu scheitern. Keine Gottesdienste zu den Hohen Feiertagen, kein Purimball, keine Laubhütte, und natürlich musste auch Simchat Tora, das Fest der Torafreude, aufgrund der Pandemie-Beschränkungen abgesagt oder für Besucher eingeschränkt werden.

»Wir haben uns nicht entmutigen lassen und die Herausforderung angenommen, auch in dieser Situation jüdisches Leben in Duisburg präsentieren zu wollen«, sagt Ludger Heid. »Kein leichtes Unterfangen in Corona-Zeiten, da das Gemeindeleben mehr oder weniger zum Erliegen gekommen ist.« Zwar habe sie sich die Dreharbeiten für »Lob-Preis« anders vorgestellt, betont Bamberg, jetzt seien die Videoaufnahmen aber ein Prozess geworden, der einen »historischen Moment« dokumentiere. »Wir haben Corona mit ins Bild genommen.«

Eine Video-Sequenz zeigt, wie Rabbiner Geballe vor Pessach per Zoom Chametz verkauft.

Entsprechend werden in dem »Lob-Preis«-Video Sequenzen mit Zoom-Konferenzen zu sehen sein, die Bamberg mitgeschnitten hat und in denen Gemeindemitglieder sich – mit Maske und auf Abstand – austauschen. Mit ihrer Kamera war Bamberg nicht nur nah am Rabbiner mit dem Purimkostüm dran, sondern konnte beim Video-Chat-Service durchs Objektiv beobachten, wie Geballe vor Pessach per Zoom Chametz, Ungesäuertes, verkaufte.

Infektionszahlen Und noch immer besteht die Hoffnung, dass sich mit sinkenden Infektionszahlen auch wieder mehr Möglichkeiten ergeben, das jüdische Gemeindeleben in Duisburg im Rahmen der noch verbleibenden jüdischen Feste zu zeigen und die Videokamera laufen zu lassen. Es könnten Szenen beim Religionsunterricht, bei einer Bar- oder Batmizwa, einer Hochzeit, einem Krankenhausbesuch oder einer Beerdigung sein.

Am Ende der Dreharbeiten wird dann eine Videoinstallation entstehen, sagt Bamberg, die das gesammelte Digitalmaterial in einer Dreiteilung unterschiedlicher Videosequenzen – das Jüdische »im Jahreslauf«, den »Rabbiner und das religiöse Leben« sowie die Synagoge als »Ort des Geschehens« – dokumentieren wird. Sie sollen wie verschiedene Stimmen innerhalb einer Partitur wirken, die, mit Musik unterlegt, endlos lang abspielbar sind. Jüdischkeit, geplant im Zyklus eines Jahres. Aber es wird auch ein Dokument über jüdisches Leben in Zeiten von Corona sein.

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