Interview

»Das hat es noch nie gegeben«

Zentralratspräsident Dieter Graumann Foto: Marco Limberg

Herr Graumann, vom 21. bis 24. November findet der Gemeindetag in Berlin statt. Warum in Berlin?
Wir versuchen dieses Jahr etwas ganz Neues, indem wir den neuen Jüdischen Gemeindetag erstmals in großem Maßstab und einer neuen Dimension begründen. Nach meiner Überzeugung passt das nach Berlin. Ob wir die Veranstaltung dann künftig immer dort abhalten werden oder ob wir sie wandern lassen, wird sich zu einem späteren Zeitpunkt ergeben. Aber der erste große Ansatz gehört nach Berlin, das ist die Hauptstadt des Landes, hier ist die größte jüdische Gemeinde beheimatet, hier hat auch der Zentralrat seinen Sitz.

Wird es im Programm bestimmte Bezüge zum Veranstaltungsort geben?
Es war uns eine Herzenssache, dass wir den ersten Programmtag mit einem Gedenken am »Gleis 17« beginnen. Das ist jüdische Tradition und jüdischer Geist, wenn wir einerseits proklamieren, dass dieser Gemeindetag für Neues, Zuversicht, Optimismus, Aufbruch und Zukunft steht, wir aber andererseits unsere Zukunft immer auf unserer kollektiven jüdischen Erinnerung begründen. Daher ist es mir ganz wichtig, dass wir an den Anfang dieses Gemeindetages gemeinsam ein Zeichen der Erinnerung setzen.

Stichwort Programm: Ganz zu Beginn steht zum ersten Mal die Verleihung des Leo‐Baeck‐Preises. Warum kombinieren Sie diese beiden Ereignisse miteinander?
Nun, der ganze Gemeindetag ist doch eine einzige Première. Und dann eröffnen wir ihn noch mit diesem ganz besonderen Höhepunkt. Ich glaube, es ist ein schöner und würdiger Beginn. Der EKD‐Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider hat aus unserer Sicht diese Auszeichnung verdient. Er setzt sich seit vielen Jahrzehnten für die Aussöhnung zwischen Juden und Christen ein. Erst im vergangenen Jahr haben wir das Engagement des Ratsvorsitzenden besonders während der schrecklichen und verletzenden Beschneidungsdebatte spüren können. Er war einer der Ersten, die sich an unsere Seite gestellt haben. Und er hat dieses Engagement über die ganze Debatte hinweg aufrechterhalten. Das gilt übrigens für beide Kirchen in Deutschland. Und diese besondere Preisverleihung nun mit allen Gemeindetagsgästen feiern zu können, ist noch mal ein ganz besonderes Zeichen.

Ist die Eröffnung des Gemeindetages mit einer Art interkonfessioneller Begegnung auch symbolisch zu verstehen?
Ich würde eher von einem politischen Zeichen sprechen. Es ist auch eine Geste der ausgestreckten Hand. Ich glaube, die Aussöhnung und die neue Vertrautheit zwischen Juden und Christen ist das Gebot der Stunde. Und die Preisverleihung an Nikolaus Schneider ist eine gute Gelegenheit, diese neue Freundschaft voranzutreiben und zu fördern.

Inwiefern?
Ich glaube, dass die Kirchen in Deutschland die neuen Allianzpartner des Zentralrats der Juden sein können. Und das ist keine Selbstverständlichkeit. Wer hätte das vor einigen Jahren oder Jahrzehnten zu träumen gewagt? Diese Entwicklung ist doch ganz wunderbar. Wir Juden haben zwar Erfahrung mit Wundern. Aber das ist etwas, was wir nicht nur dankbar entgegennehmen, sondern auch vorantreiben und verstärken sollten. Ein Preis soll den Preisträger würdigen, er soll das Anliegen des Preisträgers verstärken, aber auch andere Menschen inspirieren, es dem Geehrten gleichzutun. Und ich glaube, auch in den Kirchen gibt es noch viele Möglichkeiten, sich hier noch weiter zu verbessern und sich vermehrt zu engagieren.

Beim Gemeindetag wird es ein umfangreiches Programm aus Workshops und Seminaren geben. Was ist thematisch besonders hervorzuheben?
Die zahlreichen, hochkarätig besetzten Workshops sind inhaltlich sehr breit angelegt. Sie behandeln die gesamte Palette jüdischen Lebens und jüdischer Interessen in Deutschland. Jenseits aller Spezialgebiete ist es mir aber wichtig, dass wir unser Wir‐Gefühl beim Gemeindetag stärken. Wir wollen zeigen, dass der Zentralrat der Juden keine bloße abstrakte Größe ist, sondern dass wir alle ein Teil davon sind. Das Wohl unserer Menschen liegt uns immer am Herzen – dafür steht der Zentralrat: Wir sind alle füreinander verantwortlich. Das ist eine zutiefst jüdische Erkenntnis und Lehre. Mir geht es darum, dass wir unseren jüdischen Spirit in Deutschland leben und ausleben, weiter verstärken und intensivieren. Und dazu haben wir in Berlin Gelegenheit.

Auch ein großes Unterhaltungsprogramm mit namhaften Künstlern ist in Vorbereitung. Was ist besonders erwähnenswert?
Shiri Maimon wird bei uns auftreten, eine der bekanntesten israelischen Sängerinnen. Sonya Kraus moderiert den Galaabend. Dabei wollen wir Freude und Spaß haben. Wir dürfen aber bei so viel Unterhaltung nicht vergessen, dass die Kommunikation ein ganz wichtiges Thema beim Gemeindetag ist. Sie steht über allem und ist sozusagen Herzstück der Veranstaltung. In der Vergangenheit gab es häufig Kritik, dass genau dafür keine Zeit blieb. Man traf sich, etwa bei der Ratsversammlung, hatte ein straffes Programm abzuarbeiten und ging dann wieder auseinander. Diesmal ist Kommunikation pur angesagt. Wir sind da, um uns auszutauschen, und deshalb liegt es an uns selbst, was wir daraus machen. Machen wir also etwas Gutes daraus. Wir haben die Gelegenheit, miteinander zu diskutieren und zu debattieren, freundschaftlich zu streiten, Wünsche zu äußern und uns auch zusammen über das bereits Erreichte zu freuen.

Woran denken Sie dabei konkret?
Es gibt vieles, was wir im Zentralrat in den vergangenen Jahren für unsere jüdische Gemeinschaft erreicht haben. Zum Thema »Neuer Zentralrat« ist zu sagen, dass wir unsere Versprechen gehalten haben. Es sind zu nennen: Rabbinerinnen und Rabbiner made in Germany, eine ganz neue Bildungsabteilung, nachhaltige Kulturarbeit, Kompetenz und Präsenz in den Neuen Medien, die neue Online‐Plattform »Zentralkol« mit der Vernetzung zu den NGOs, die Intensivierung der Jugendarbeit. Und viel mehr Service für unsere Gemeinden. Wir ermöglichen auch das Taglit‐Programm, mit dem mehr als 400 jüdische Jugendliche zum ersten Mal die Möglichkeit erhalten haben, nach Israel zu reisen. Und dann ist da der Zentralrat selbst, der vor Energie sprüht, trotz der heftigen politischen Debatten der vergangenen Jahre. Und in den Gemeinden selbst ist doch auch so viel Aufbauarbeit geleistet worden! All diese Erfolge wollen wir auf dem Gemeindetag kommunizieren. Aber auch miteinander ins Gespräch kommen darüber, was wir noch besser machen können. Wir wollen gemeinsam gestalten und an einer positiven jüdischen Zukunft arbeiten. Ganz nach unserem diesjährigen Motto: »One People –One Community«: Unsere jüdische Zukunft ist jetzt!

In Hamburg fand im vergangenen Jahr bereits ein Gemeindetag in neuem Stil statt. War das die Generalprobe für Berlin?
Hamburg war in der Tat eine erste, aber auch gelungene Übung. Das war der Auftakt, da haben wir gesehen, was wir noch besser machen können, in der Vorbereitung, im Programm. Jetzt geht es erst richtig los. Denn Berlin hat jetzt nochmals eine ganz andere Dimension. In Hamburg hatten wir rund 200 Teilnehmer, dieses Jahr werden es 600 sein. Das ist für den Zentralrat eine enorme Herausforderung. Seit Monaten steht eine doch relativ kleine Zahl von Mitarbeitern vor der Aufgabe, diese umfangreiche und komplexe Veranstaltung vorzubereiten. Die Herausforderung ist groß, doch noch viel größer ist die Vorfreude!

Im vergangenen Jahr war Bundeskanzlerin Merkel Gast der Ratstagung. In diesem Jahr wird es der Bundespräsident sein. Wie bewerten Sie es, dass die politische Spitze des Staates das oberste Entscheidungsgremium des Zentralrats besucht?
Dass im vergangenen Jahr die Kanzlerin zu uns kam, kann man gar nicht hoch genug bewerten. Denn wir hatten eine besondere Situation in Deutschland, waren geprägt, gezeichnet und auch verletzt von der Beschneidungsdebatte. Sie hat Wunden hinterlassen, die bis heute nachwirken. In dieser Situation war der Besuch von Angela Merkel ein ganz wichtiges Symbol, zumal noch niemals zuvor ein Kanzler bei uns gewesen war. Es war wie Balsam auf unseren Wunden. In diesem Jahr sind wir nun mit dem Gemeindetag in Berlin, und ich habe umgehend den Bundespräsidenten eingeladen, der sehr schnell zugesagt hat. Ich glaube, dass das auch wieder ein ganz wichtiges Zeichen ist. Und wieder eine Première: Noch nie war in der Geschichte des Zentralrats ein Bundespräsident bei uns. Jetzt wird also Joachim Gauck zu Gast sein. Und zu diesem Zusammentreffen sind ausdrücklich alle Teilnehmer des Gemeindetags eingeladen. Darüber freuen wir uns sehr. Schon bei seiner Israelreise im vergangenen Jahr hatte der Bundespräsident gezeigt, wie wichtig ihm Israel und die jüdische Gemeinschaft sind. Sein Besuch ist ein Zeichen von Solidarität, von politischer und persönlicher Nähe. Ich bin der festen Überzeugung, dass das die jüdische Gemeinschaft in Deutschland noch einmal in besonderem Maße stärkt.

»One People – One Community«: Das ist das Motto des Gemeindetags. Werden hier die unterschiedlichsten jüdischen Gruppen und Gruppierungen vertreten sein?
Aber selbstverständlich. Dafür steht ja der Zentralrat und der neue Zentralrat allemal. Wir sagen: Die Pluralität ist die neue jüdische Normalität. Und davon wollen wir nicht immer nur sprechen, sondern dieses Motto auch leben und mit Substanz füllen. Jeder soll unter dem Dach des Zentralrats nach seiner Fasson glücklich und jüdisch sein. Der Zentralrat lebt die Pluralität. Es bereichert uns doch, sagen zu können: Es gibt viele Arten, wie Juden ihr Judentum leben wollen. Unter dem Dach des Zentralrats soll jeder seinen Platz finden. Wer jüdisch ist, wird vom Zentralrat politisch vertreten. Von wem denn auch sonst?

Bei der Ratsversammlung in Weimar vor zwei Jahren war auch der Jugendkongress mit eingebunden. Das ist jetzt nicht der Fall. Inwieweit ist die Jugend hier in Berlin mit dabei?
In Weimar fand die erste Ratstagung in der neuen Legislaturperiode statt. Es war mir ganz wichtig, hier ein neues Zeichen zu setzen, indem wir erstmals nach Ostdeutschland gegangen sind. Zum anderen war es die erste Tagung, die wir mit dem Jugendkongress gekoppelt haben. Wir wollten unseren jungen Menschen zeigen: Wir reden nicht nur über euch, sondern wir wollen euch dabeihaben. Macht mit! Aber wir haben gleichzeitig deutlich gemacht: So etwas machen wir nicht jedes Jahr. Denn der Jugendkongress findet zwar alljährlich statt, aber er steht in der Verantwortung der ZWST. Sie hat in diesem Jahr in Berlin einen wunderbaren Jugendkongress veranstaltet. Dennoch wollen wir auf dem Gemeindetag natürlich auch unsere Jugend dabeihaben. Wir bieten beispielsweise ein spezielles Programm für Young Professionals an. Es haben sich bereits viele unserer jungen Menschen angemeldet, was mich sehr glücklich macht. Im Übrigen haben wir diesmal auch eine Betreuung für unsere kleinsten Teilnehmer, um jungen Eltern die Möglichkeit zu geben, den Gemeindetag zu besuchen. Soweit ich weiß, sind bereits 50 Kinder angemeldet. Und es werden sicherlich noch mehr.

Wird es internationale Beteiligung geben?
Ja, und darüber freuen wir uns sehr. Roger Cukierman, der Vorsitzende der jüdischen Dachorganisation CRIF, kommt aus Frankreich. Vom Schweizer SIG ist Herbert Winter mit dabei. Yuri Kanner repräsentiert den Russischen Jüdischen Kongress. Auch Vertreter anderer Organisationen werden teilnehmen. Wir arbeiten eng zusammen mit dem European Jewish Congress und dem World Jewish Congress. Das ist eine schöne Gelegenheit, um zu zeigen: Wir sind nicht allein, und wir haben auch ein gemeinsames Anliegen. Gleichzeitig demonstriert deren Beteiligung am Gemeindetag, wie stark das internationale Prestige der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ist. Uns wird inzwischen sehr viel Vertrauen und Respekt entgegengebracht.

Zum Schluss noch der Versuch einer Definition: Was genau ist der Gemeindetag?
Nun ja, der Gemeindetag ist auch so etwas wie ein Mini‐Machane für uns große Kinder, freilich mit dem ernsthaften Anspruch von lebendiger Kommunikation und von profunder Wissensvermittlung. Wir wollen aber auch Spaß und Freude haben. Und das ist ja im Judentum nicht verboten – ganz im Gegenteil. Ich ziehe gleichzeitig die Parallele zum Kirchen‐ oder Katholikentag. Auf diese Idee hat mich Bundespräsident Joachim Gauck gebracht, der mir sagte: »Ich komme gerne zu Ihnen. Schließlich gehe ich ja auch zum Kirchen‐ und Katholikentag.« Die Kirchen sind zwar doch ein klein wenig größer als wir. Aber warum sollten wir als jüdische Gemeinschaft nicht auch eine ähnliche Zusammenkunft haben? Wer schon einmal bei einem Kirchentag gewesen ist, der hat sicherlich gespürt, wie viel Kraft, Substanz und Lebensfreude dort transportiert werden. Da kann man schon ein wenig neidisch werden. Aber wir wollen eben nicht nur neidisch sein, sondern mitmachen und so etwas selbst erleben. Und ich bin fest davon überzeugt: Das wird uns auch gelingen!

Mit dem Präsidenten des Zentralrats sprachen Heide Sobotka und Detlef David Kauschke.

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