Meerbusch

Das Gute wird gewinnen

Schüler fragen den Zeitzeugen Herbert Rubinstein, was in der Ukraine während der Schoa geschah. Foto: Stefan Laurin

Meerbusch

Das Gute wird gewinnen

Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf gestaltet einen Projekttag gegen Antisemitismus

von Stefan Laurin  25.07.2019 09:57 Uhr

In der letzten Unterrichtswoche vor den großen Ferien gab es für das Meerbuscher Mataré-Gymnasium einen nicht ganz alltäglichen Besuch. Die Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit – Beratung bei Rassismus und Antisemitismus, kurz SABRA, und die Initiative »Erinnerung lernen« der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf gestalteten gemeinsam mit Lehrkräften der Europaschule eine Ausstellung und einen Projekttag gegen Antisemitismus und für die Erinnerung an die Schoa.

»Seit nunmehr drei Jahren reist unsere Erinnerungswerkstatt durch ukrainische Schulen, Universitäten und Bibliotheken, erstellt und übersetzt Materialien, entwickelt Formate für die Zeit, wenn die Zeitzeugen ihre Schicksale nicht mehr persönlich an die Jugend weitergeben können«, erklärt Olga Rosow, Leiterin der Sozialabteilung der Düsseldorfer Gemeinde.

Die Auswirkungen der Schoa, die in der letzten Zeit verstärkt auch im Erleben von Jugendlichen wieder eine Rolle spielen, bestimmte eine Woche lang nun auch ihren Schulalltag. Schulleiter Christian Gutjahr-Dölls betonte bei seiner Begrüßung eindringlich, wie wichtig es gerade in diesen Zeiten ist, gemeinsam mit einem Partner wie der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf auch im Unterricht gegen das Vergessen und für konkrete Handhabungen bei Rassismus und Antisemitismus zu arbeiten.

Erinnerung »Wir wollen praktisch etwas mit der Jugend tun, nicht warten, bis es wieder zu spät ist«, sagte Herbert Rubinstein, Mitglied der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Er überlebte 1941 gemeinsam mit seiner Mutter die Schoa in der heutigen Ukraine. In den 50er-Jahren waren er und sein Freund Paul Spiegel, der spätere Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, selbst häufig im jüdischen Jugendzentrum. Seit dieser Zeit fühlt sich Herbert Rubinstein auch dem Dialog, damals zunächst mit katholischen jungen Erwachsenen, verbunden.

Vorgestellt werden den Schülern der Europaschule unter anderem die Geschichten von zwölf Zeitzeugen, ein Schulbuch im Stile einer Graphic Novel, das die Biografien von fünf jüdischen Kindern im Holocaust erzählt, und ein elektronisches »Memory« zur Erklärung jüdischer Symbole. Ein Audiospaziergang durch den Gedenkpark von Babi Jar bei Kiew und ein Dokumentarfilm über das Leben und die gestohlene Kindheit von Herbert Rubinstein, der ganz wesentlich an der Gestaltung der Veranstaltung mitgewirkt hatte, brachte die Stätten des Nazi-Mordens ins Bewusstsein der Schüler.

Anne-Frank-Comic Der Austausch zwischen deutschen Gemeinden und der Ukraine läuft in beide Richtungen. Zuletzt wurde der Comic Das Leben von Anne Frank ins Ukrainische übersetzt und soll ab September in ukrainischen Schulen verteilt werden. Werkausstellungen fanden zuletzt in Charkiw, Krefeld, Lwiw, Tscherkasy, Gelsenkirchen, Krementschuk, Düsseldorf und Chernivsti statt. Bei der letzten Reise Ende April begleitete Oberbürgermeister Thomas Geisel die Mitglieder der Düsseldorfer Gemeinde in das heutige Czernowitz, aus dem viele von ihnen stammen.

Das Projekt wird vom Auswärtigen Amt gefördert.

Alle lokalen Aktivitäten dort haben einen Bezug zu Menschen aus der Düsseldorfer Gemeinde oder aus dem Landesverband Nordrhein, die meisten haben die Schoa zum Thema, »wofür das Menschheitsverbrechen Babi Jar nur stellvertretend steht«, sagt der Historiker und Projektkoordinator Matthias Richter.

Begonnen habe alles »in der Seniorenabteilung der Gemeinde als kleines Zeitzeugeninterview«, ergänzt Rosow, die selbst aus Kiew stammt. »Dass nun die Ergebnisse aus der Ukraine hier in Deutschland eingesetzt werden, war so nicht geplant, macht uns aber auch ein wenig stolz und zeigt, wie nötig zeitgemäße Konzepte für dieses Arbeitsfeld sind.«

Das Projekt wird vom Auswärtigen Amt im Rahmen des »Ausbaus der Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft in den Ländern der Östlichen Partnerschaft und Russland« gefördert. Partner des Projektes sind unter anderem das Zentrum Judaikum Kiew, das Museum für die Geschichte und Kultur der Juden der Bukowina sowie das Anne-Frank-Haus Amsterdam und

SABRA-Düsseldorf. SABRA wurde vor etwas mehr als einem Jahr gegründet und ist nach RIAS in Berlin die zweite Einrichtung dieser Art bundesweit. Das Wortspiel mit dem hebräischen Begriff für Kaktus ist beabsichtigt. Kleine Kakteen zieren auch das Logo und das Büro.

Die Servicestelle will durchaus ein unbequemer Stachel sein, wenn es um Diskriminierung von Menschen geht. Neben der Rechtsberatung steht die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Vordergrund. »Mit Workshops für Schülerinnen und Schüler ab der dritten Klasse wollen wir für den alltäglichen Antisemitismus sensibilisieren«, sagt die Theaterpädagogin Sophie Brüss von SABRA.

Für rund 100 Schüler der Stufe zehn wurde ein Welt-Café veranstaltet, bei dem reihum die Themen Antisemitismus im Alltag, Medienkompetenz, »Stereotype im Netz«, ein Dokumentarfilm mit anschließendem Zeitzeugengespräch und der Besuch der Ausstellung organisiert werden.

»Die junge Generation muss aufpassen, dass sie nicht schuldig wird.« Herbert Rubinstein

»Wir verzeihen der Generation der Täter nicht, aber die junge Generation ist nicht schuldig, sie soll aber aufpassen, dass sie nicht schuldig wird« ist eine der Aussagen, die Herbert Rubinstein in dem Film Ich war hier der ukrainischen Filmemacherin Ksenyia Marchenko gegenüber Schülern in Czernowitz macht. »Ich fand den Zeitzeugen beeindruckend«, sagt ein Schüler nach dem Treffen, »besonders, dass er so offen mit uns gesprochen hat, obwohl wir uns ja zum ersten Mal gesehen haben.«

»Das Gute wird gewinnen«, zieht Rubinstein ein Resümee im Film, ein tröstlicher Ansatz für viele Schüler, die sich vom Erlebten und Erlernten dieses Projekttages und von den traumatischen Erlebnissen der Zeitzeugen sichtlich beeindruckt zeigten.

Zusammenarbeit Bereits im Januar hatte ein Geschichts-Leistungskurs des Mataré-Gymnasiums die Ausstellung besucht und einen Workshop mit SABRA absolviert. Nun – nach dem erfolgreichen Projekttag in der Europaschule – haben Gymnasium und die Sozialabteilung der Düsseldorfer Gemeinde eine längerfristige Zusammenarbeit vereinbart.

»Gerade angesichts des aktuellen Erstarkens von antisemitischen Strömungen in Deutschland wollen wir hier an unserer Schule ein deutliches Zeichen setzen und das jetzt jährlich durchführen«, sagen die beiden Geschichtslehrer Frank Bachmann und Oliver Tauke. Auch die neue Antisemitismusbeauftragte von Nordrhein-Westfalen, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, wird sich über eine so vorbildliche zivilgesellschaftliche Eigeninitiative freuen.

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