Moabit

Das Gestern wird präsent

Wenn Paul jeden Tag zur Arbeit geht, dann kommt er seit Kurzem an Berliner Vergangenheit vorbei: circa zwei Kilometer – von dem Mahnmal der ehemaligen Synagoge und dem zeitweiligen Sammellager an der Levetzowstraße bis zum Güterbahnhof Moabit –, die sein Bild von Moabit nun ändern. Das zumindest schreibt er als Kommentar auf die Seite von »Ihr letzter Weg«, einem Audiowalk, der sich mit den Deportationen der Berliner Juden befasst.

Mehr als eine Stunde kann so der Weg durch die Straßen dauern, durch die ab 1941 Tausende Juden gezwungen wurden und der für sie in der Deportation endete.

Widerstand Man erfährt, wie Juden während der NS-Zeit lebten, verraten und manchmal auch gerettet wurden. Außerdem werden einzelne jüdische Familien, die in diesem Kiez gelebt haben, und deren Schicksale vorgestellt, wie auch Widerstandskämpfer, die ehemalige Oberfinanzdirektion sowie das städtische Krankenhaus Moabit und die Bewegungen innerhalb der Kirchen.

Lea Streisand, Arndt Breitfeld oder Reinhard Mey lesen die Texte.

Zwar gibt es bisher an den einzelnen Adressen keine Kennzeichnung, sodass man vorher von dem Audiowalk erfahren haben muss. »Das soll sich natürlich noch ändern, doch dafür brauchen wir finanzielle Unterstützung«, sagt Aro Kuhrt, der der Initiative »Ihr letzter Weg« angehört, bei der Pressekonferenz am Mittwoch vergangener Woche.

Wege Der Moabiter Verein »Sie waren Nachbarn« und die Initiative »Ihr letzter Weg« möchten daran erinnern, dass ihr Kiez während des Holocaust eine zentrale Rolle gespielt hat, sagt Vereinsmitglied Mirjam Ekelmann. Gemeinsam setzen sie sich dafür ein, dass eine öffentliche Erinnerung an diese Wege geschaffen wird.

Nun haben sie den Audiowalk herausgebracht, den jeder kostenlos auf sein Smartphone herunterladen kann. Ebenso gibt es eine Lesefassung. Demnächst soll er auch auf Englisch erscheinen. Die etwa 7000 Euro, die die Produktion gekostet hat, stammten überwiegend von der Initiative »Demokratie in der Mitte«, betonte Kuhrt.

Derzeit findet der vom Bezirksamt Mitte ausgeschriebene und finanzierte künstlerische Ideenwettbewerb »Letzte Wege sichtbar machen« statt. Ein vom Bezirks-amt bei der Berliner Lottostiftung bereits zuvor gestellter Förderantrag für Realisierungsmittel des noch ausstehenden Wettbewerbsergebnisses wurde im September abgelehnt, sagt Aro Kuhrt, der diese Entscheidung angesichts der Entwicklung des Antisemitismus nicht nachvollziehen kann.

70.000 Euro wurden für den Ideenwettbewerb veranschlagt, die Realisierung schätzen die Mitglieder der Initiative auf 450.000 Euro. »Hoffentlich finden sich anhand eines ausgewählten Ideen-Entwurfs alsbald Finanzierungsquellen zur Umsetzung«, sagt Kuhrt.

Gedenkort Bei der Pressekonferenz betonte Ute Müller-Tischler, Leiterin des Fachbereichs Kunst, Kultur und Geschichte des Bezirksamts Mitte, sie sei froh, dass es diese Initiative gibt. Ebenso lobt sie den Audiowalk: »Der ist wunderbar.« Gleichzeitig teilte sie mit, dass das Bezirksamt Mitte die Gestalter des Gedenkortes Güterbahnhof Moabit, »raumlabor«, mit einer Installation eines »Lichtzeichens« an dem Gedenkort beauftragt hat, das an ausgewählten Daten im Jahr besondere Aufmerksamkeit auf den Gedenkort lenken und voraussichtlich im Frühjahr 2021 erstmals erstrahlen soll.

»Für den Audiowalk waren das Gedenkbuch Berlin sowie die Datenbank von Yad Vashem unsere Grundlagen, außerdem zahleiche Einzelquellen. Leider sind nur über sehr wenige deportierte Juden aus Moabit Informationen bekannt«, meint Kuhrt.

In Moabit lebten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Tausende Juden. Drei Synagogen gab es: die der orthodoxen Gemeinde Adass Jisroel im Siegmunds Hof, die des Synagogenvereins Moabit und Hansabezirk in der Flensburger Straße und schließlich die große Synagoge Levetzowstraße, die von dem Architekten Johann Hoeniger stammt, im April 1914 eingeweiht wurde und mit 2100 Plätzen eine der größten Berlins war.

Sie wurde zum Dreh- und Angelpunkt des jüdischen Lebens in Moabit und dem Hansaviertel. Es gab das Gemeindezentrum, eine Religionsschule und einige Gemeindewohnungen. Das Gotteshaus blieb bis 1941 in Betrieb. Vermutlich wurde es von den Nazis als Sammellager ausgewählt, weil es recht groß und nur wenig beschädigt war, vermutet Kuhrt.

Stolpersteine Von Oktober 1941 bis Oktober 1942 gingen von dort die sogenannten Osttransporte los. Durch das Sammellager Levetzowstraße wurden etwa 37.500 Menschen geschleust, sagt Thomas Schöndorfer von der Initiative.

Die Nazis trieben etwa 10.000 Berliner von der Synagoge über die Jagowstraße, Alt-Moabit, Turmstraße, Lübecker Straße, Birkenstraße, Havelberger Straße, Quitzowstraße zum Güterbahnhof – tagsüber, sodass es viele Menschen sehen konnten. 63 Transporte in Ghettos und Vernichtungslager soll es gegeben haben.

Im Krieg war die Synagoge bei Luftangriffen weiter beschädigt worden. Da die meisten Berliner Juden deportiert oder geflohen waren, konnte die Gemeinde das Gebäude nicht sanieren. Deshalb ließ sie es 1955 schließlich abreißen, das Grundstück verkaufte sie an das Land Berlin. An dessen Stelle steht heute ein Kinderspielplatz. Seit 1960 erinnerte man sich dann offiziell wieder an diesen Ort.

Stimmen Im Audiowalk erklärt RBB-Reporter Arndt Breitfeld die Strecke und führt die Zuhörer über den Deportationsweg. Erinnerungen von Zeitzeugen werden von dem Liedermacher Reinhardt Mey und der Berliner Autorin Lea Streisand gelesen. Die Berichte handeln von der schrecklichen Atmosphäre im Sammellager, vom Weg und der Situation auf dem Bahnhof und den applaudierenden Anwohnern.

Das Gedenkbuch Berlin und die Datenbank von Yad Vashem dienten als Grundlage.

»Ich bin gefragt worden, ob ich Texte einsprechen kann«, erzählt Lea Streisand. Ihr Großvater stammte aus einer jüdischen Familie und wurde damals in das Lager am Eichkamp deportiert – und nur durch die List seiner Frau kam er wieder frei. Sie hat die Geschichte in ihrem Buch Im Sommer wieder Fahrrad verarbeitet. Der Klarinettist Thorsten Müller spielt von ihm komponierte musikalische Stücke. Sprecher und Musiker wirkten alle ehrenamtlich mit.

Güterbahnhof Die Gedenkstätte Güterbahnhof ist auf den ersten Blick nicht zu finden. »Als ich den kleinen Weg sah, dachte ich erst, dass da jemand zwei Gleise liegengelassen hat«, sagt Lea Streisand. Oder dass es eine Auffahrt für den dahinterliegenden Baumarkt wäre. »Ich war total überrascht, denn ich kannte den Güterbahnhof wie wahrscheinlich alle anderen Berliner auch gar nicht. Aber dann ist es total toll, den Audiowalk zu haben, und plötzlich wird das Gestern wieder präsent. Die Gleichzeitigkeit von gestern und heute und der Ort wird mit Geschichte aufgeladen.«

Am Sonntagnachmittag waren trotz des Nieselregens drei Radfahrer am ehemaligen Güterbahnhof. Mit Kopfhörern lauschten sie den Ausführungen des Audiowalks. »Er ist super gemacht und führt uns zu Orten, die wir bisher gar nicht kannten«, lautet ihr Fazit.

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