Interview

»Gedenken an Jana und Kevin ist das Wichtigste«

Max Privorozki, Chef der Jüdischen Gemeinde Halle Foto: Ella Privorozki

Herr Privorozki, der Anschlag auf Ihre Synagoge, auf Ihre Gemeinde, jährt sich in diesen Tagen zum dritten Mal. Wie geht es Ihnen heute, drei Jahre danach?
In diesen drei Jahren gab es in unserem Land, in Europa und in der Welt so viele, meistens sehr negative und stressige Ereignisse, dass man sich an den allgemein herrschenden Pessimismus gewöhnt hat ...

Was meinen Sie genau?
Nur sechs Monate nach dem Anschlag fing die Pandemie an, mit Lockdowns, Absagen der Gottesdienste, der Kinder-Machanot und Seniorenschabbatot, mit Synagogenschließung. Und leider sind acht Gemeindemitglieder in Verbindung mit COVID-19 gestorben. Die Pandemie ist noch nicht zu Ende, und wir erleben noch einen Krieg in Europa. Ein Krieg, den viele fälschlicherweise als Krieg zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine bezeichnen. Dabei handelt es sich auch um einen Krieg zwischen aggressivem totalitären Nationalismus und der demokratischen Welt. Ein Krieg mit ungewissem Ende. Manchmal denke ich, dass der Anschlag an Jom Kippur vor drei Jahren in meinem Leben ein Ereignis gewesen ist, das eine Lawine verursacht hat. 

Der 9. Oktober 2019 war ein Einschnitt. Wo und wie zeigen sich die Nachwirkungen in Ihrer Gemeinde am deutlichsten?
Unmittelbar nach diesem Tag gab es sehr viel Stress – Medien, Politiker und selbstverständlich die unternommenen Anstrengungen, um die Gemeindearbeit nicht zu vernachlässigen. Das Schönste und Allerwichtigste und Allergrößte war die aufrichtige und offenherzige Solidaritätswelle, die wir damals erleben durften.

Wie erinnern Sie in diesem Jahr an den 9. Oktober 2019? Was ist geplant? Worauf liegt der Fokus?
Wir betrachten das Datum für die Jüdische Gemeinde Halle und insgesamt für die Stadt Halle als eine Zäsur. Es ist für unsere Stadt ein richtiger Gedenktag. In diesem Sinne findet um 12 Uhr eine von der Stadt und der Gemeinde organisierte Gedenkveranstaltung im Hof der Synagoge statt. Um 12.03 Uhr (die Zeit, als der Mörder seinen blutigen Weg vor drei Jahren begonnen hat) gibt es eine Schweigeminute. Die Glocken aller Kirchen werden läuten. Man erwartet in der Stadt zu dieser Zeit auch andere Merkmale der Trauer.

Welche sind das?
Nach der Gedenkveranstaltung organisieren wir einen freien Rundgang über den Synagogenhof. Und jeder, der sich das wünscht, erhält die Gelegenheit, das Denkmal für die Opfer des Anschlags zu betrachten. In der Stadt gibt es auch andere Veranstaltungen. Das absolut Wichtigste an diesem Tag für uns ist das Andenken an zwei Mordopfer – Jana und Kevin. Denn die offenen Wunden werden irgendwann und irgendwie geheilt, Jana und Kevin dagegen kehren niemals zurück.

Fühlen Sie sich als Gemeinde inzwischen ausreichend beschützt? 
Auf jeden Fall. Die Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden und insgesamt mit der Landesregierung und mit der Stadt hat inzwischen ein wesentlich höheres Niveau erreicht. Wenn ich beginne, zumindest im Ansatz die Veränderungen aufzuzählen, wird es den Rahmen unseres Gesprächs sprengen.

Der Anschlag auf Ihre Gemeinde zeigt, wie stark der Antisemitismus in Deutschland zugenommen hat und dass er immer aggressiver wird. Welche Forderungen stellen Sie an die Gesellschaft? Welche an die Politik?
Bei aller Brutalität des hasserfüllten antisemitischen Mörders und bei aller Resonanz dieses Jom-Kippur-Anschlags ist es nur die Spitze des Eisbergs. Ohne Mordopfer und ohne den darauffolgenden Strafprozess haben wir vor Kurzem die documenta fifteen in Kassel erleben müssen. Der israelbezogene Antisemitismus versteckt unter der Maske der legitimen Israelkritik, er gehört seit Langem zum Alltag. An die Gesellschaft stelle ich keine Forderungen: Die Gesellschaft hat sich unmittelbar nach dem Anschlag in Halle sehr ausgewogen und aufrichtig gezeigt. An die Politik stelle ich aber seit Langem eine Forderung.

Und zwar?
Derjenige, der sich entschieden hat, in die Politik oder noch mehr in die Regierung zu gehen, ist verpflichtet, strategisch denken und handeln zu können. Es ist nicht ausreichend und es ist keine gute Politik, wenn man nur auf die gegenwärtigen Ereignisse reagiert. Nachhaltigkeit und strategisches Denken sind die Merkmale für gute Politiker. Wir haben solche Politiker - aber leider zu wenige.       

Mit dem Vorsitzneden der Jüdischen Gemeinde Halle sprach Lilly Wolter.   

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026

Hamburg

Altona war schon immer toleranter

Ein Projektraum im Regionalmuseum zeigt 400 Jahre jüdische Geschichte der gesamten Hansestadt

von Heike Linde-Lembke  16.02.2026

München

Brauchtum zu Besuch

Der Tanz der Schäffler im Hof der Sinai-Grundschule verband auf besondere Weise Geschichte und gelebte Gemeinschaft

von Esther Martel  16.02.2026