Frankfurt

Das Ende des Liberalismus

Schaut mit kritischem Blick auf die politischen Zustände in Europa: Richard Chaim Schneider Foto: dpa

Frankfurt

Das Ende des Liberalismus

Der Journalist Richard Chaim Schneider sprach bei der WIZO zur politischen Lage in Europa und zu der bevorstehenden Hessenwahl

von Barbara Goldberg  15.10.2018 13:44 Uhr

Er sprach über ein Buch, das es noch gar nicht gibt. Der Titel steht allerdings schon: Das Ende des jüdischen Zeitalters in Europa – ebenso das Erscheinungsjahr 2020. Und so eloquent, wie Richard Chaim Schneider das Ende des liberalen Zeitalters und das Erstarken des Rechtspopulismus in Europa am Montagabend beschrieb, erschien es, als sei das neue Buch längst geschrieben.

Schneider sprach frei, anderthalb Stunden lang, humorvoll und glasklar in seiner Analyse. Ein Vergnügen, auch wenn er aus jüdischer Sicht den Untergang des Abendlands heraufbeschwor.Der Fernsehjournalist und Publizist, der seit vielen Jahren für die ARD aus Israel berichtet, war am vergangenen Montag auf Einladung der WIZO nach Frankfurt gekommen. WIZO-Deutschland-Präsidentin Simone Graumann hatte ihn gebeten, einen Vortrag über die AfD und die anstehende hessische Landtagswahl am 28. Oktober zu halten.

Entscheidung Zunächst lehnte Schneider ab, zur AfD habe er nichts mitzuteilen außer seiner persönlichen Entscheidung, Deutschland zu verlassen und Alija zu machen. »Zehn Minuten später rief er mich zurück, um mir zu sagen, dass er die Einladung doch annehmen werde«, erzählte Simone Graumann den Zuhörern im Frankfurter Gemeinderatssaal. »Ich kann nicht alle anderen dazu auffordern, sich politisch zu engagieren, und dann selbst nichts tun und schweigen«, erklärte Schneider, wa­rum er sich doch umentschieden hatte.

Dabei stimmt seine zentrale These alles andere als optimistisch: So sieht er das Ende des Liberalismus, wie er in den meisten europäischen Gesellschaften nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vorgeherrscht hatte, am Horizont aufziehen. »Das war Luxus und eine Ausnahme«, ist der Journalist überzeugt. »Dieses 70 Jahre andauernde Schweigen nach der Schoa war nicht normal.« Jetzt kehre man zur »Normalität« zurück, auf diesem »rassistischen Kontinent«, der Europa für ihn immer schon war. Er sieht ein illiberales Zeitalter nationalistischer Ethno-Demokratien anbrechen. Diese kümmerten sich nur noch um Wohl und Wohlstand ihres jeweiligen Mehrheitsvolkes und gewährten Minderheiten nicht länger Schutz.

Bedrohung Daher seien die in Europa lebenden Juden gleich mehrfach bedroht: durch den in Ländern wie Polen, Ungarn, Österreich und Frankreich erstarkenden Rechtspopulismus, durch einen Linkspopulismus wie den der britischen Labour-Partei, durch den Islamismus, aber auch durch eine zerfallende bürgerliche Mitte. Noch gelten antisemitische Äußerungen zwar offiziell als Verstoß gegen die Political Correctness, aber gleichzeitig nimmt im Privaten kaum noch jemand Anstoß daran, wenn Juden diffamiert werden.

»Ich war auf einer Lesereise zwei Wochen lang mit dem ICE kreuz und quer durch Deutschland unterwegs. Dabei konnte ich mitanhören, worüber sich die Menschen unterhalten. Und es gab nur drei Themen: die Flüchtlinge, die Juden und Israel«, sagte der 61-Jährige. Er bleibt dennoch gelassen: »Wir befinden uns vermutlich in derselben Situation wie alle Juden in den vergangenen 2000 Jahren« – nie wirklich sicher, immer auf dem Sprung, bereit auszuwandern, um ein neues, besseres Exil zu finden. Und die sicherste und erfolgreichste Diaspora in der jüdischen Geschichte seien nun einmal die USA.

Schweigende Mehrheit So salopp Schneider kurzerhand das Ende des europäischen Zeitalters einläutete, wurde er ernst in seinem Appell an die »schweigende Mehrheit«, endlich aufzustehen und gemeinsam zu bekennen: »So nicht!« Denn in der Geschichte habe sich immer wieder bestätigt: »Immer dort, wo es gegen Juden geht, geht es gegen die gesamte Gesellschaft!«

Und dann sagte Schneider doch noch etwas über die AfD. Man solle es sich nicht so einfach machen und diese als »Nazi-Partei« denunzieren, warnte er. Gleichwohl ist auch er davon überzeugt, dass die meisten ihrer Mitglieder antisemitisch eingestellt seien, aller öffentlich zur Schau getragenen Sympathie für Israel zum Trotz. »Eine politische Partei, die das Schächten und die Beschneidung verbieten will, zeigt, wo sie steht.«

Thüringen

Achava-Festspiele: Dialog zwischen Religionen und Kulturen

Die Achava-Festspiele gehen mit mehr als 80 Veranstaltungen in ihre zwölfte Ausgabe. Neben Konzerten umfasst das Programm Ausstellungen, Filme, Vorträge, interreligiöse Begegnungen sowie Angebote für Familien und Schulen

 02.07.2026

Sport

Maccabiah Chai!

170 Athletinnen und Athleten sind in Israel beim größten jüdischen Sportevent – Wir stellen Ihnen sechs vor

von Katrin Richter, Helmut Kuhn  01.07.2026

Sachsen-Anhalt

»Eine offene Tür ist unsere Antwort«

Landesverbands-Geschäftsführerin Rimma Fil über wachsenden Antisemitismus, Sorgen vor der Landtagswahl und den festen Willen der jüdischen Gemeinden, sichtbar zu bleiben

von Christine Schmitt  01.07.2026

Verlegung

Magdeburg erhält 900. Stolperstein

Seit 2007 wird in Magdeburg mit Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die nunmehr 47. Verlegung wurde auf zwei Tage verteilt

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026