Berlin

Das braune Areal

Das, was da gerade am nördlichen Teil des Flughafens Tempelhof passiert, nennt Beate Winzer »Spurenvernichtung«. Hinter einem Zaun graben sich schwere Bagger in den Betonboden. Die Erde wird aufgehäuft, mit LKW abtransportiert. Im Hintergrund, wie zur Kulisse, reckt sich der ehemalige Kontrollturm in die Höhe. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite des Columbiadamms, steht ein rostiges Denkmal. Es erinnert daran, dass auf dem Flugfeld einstmals ein KZ stand, neben einem Zwangsarbeitslager.

Das Flugfeld, die Baumaschinen, das rostige Denkmal auf der falschen Seite, die Lager: Das alles ist historisch sehr eng miteinander verknüpft. Und es macht die Diskussion um das, was hier in naher Zukunft einmal entstehen soll, nicht gerade einfacher. Beate Winzer vom »Förderverein zum Gedenken an Nazi-Verbrechen um und auf dem Tempelhofer Flugfeld« zum Beispiel möchte, dass die Spuren des Zwangsarbeitslagers wie des KZs »endlich und für alle wieder sichtbar werden«. Am besten mit einer eigenen Denkmallandschaft. Der Senat verfolgt andere Pläne. Er sucht eine Lösung, »die den historischen Ort würdigt, aber andere Konzeptionen des Geländes nicht kategorisch ausschließt«, erklärt Mathias Gille, Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Geschichte Beate Winzer streckt ihre Arme so weit aus, wie es gerade eben geht. Hinter dem Zaun, da, wo jetzt schwer umgegraben wird, begann das Zwangsarbeiterlager. Und in der Ferne, wo das Minarett der Moschee am Columbiadamm zu erkennen ist, endete es. Auf diesem Gelände waren von 1938 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs rund 2.000 Menschen in 40 Baracken untergebracht.

Zwei große Luftfahrtunternehmen produzierten an diesem Ort für Hitlers unersättliche Kriegmaschinerie. »Die Hälfte der deutschen Kriegsbomber stammt von hier«, berichtet die 43-jährige Politologin Winzer. »Von 1938 bis 1941 arbeiteten mindestens 500 Juden in den Arbeitsbaracken der Luft-Hansa«, erklärte Beate Winzer. »Zwangsbeschäftigte in geschlossenem Arbeitseinsatz«, so hieß das in der Naziterminologie. Überlebt hat niemand. Im Jahr 1941 wurden sie nach Auschwitz deportiert.

Zur Spurensicherung auf dem braunen Areal des Tempelhofer Flugfelds gehört auch das Columbiahaus. Es gilt als Berlins einziges KZ. Erich Honecker saß hier ein und der Rabbiner und Präsident der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Leo Baeck, ebenso. Zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin wurden aus dem Untergrund heraus Flugblätter in den Umlauf gebracht: »Besuchen Sie das Columbiahaus« stand darauf. Es half nichts, niemand kam dieser Aufforderung nach und interessierte sich so richtig dafür. Und irgendwie, so scheint es, ist das bis heute so geblieben.

Turm Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden die Baracken des Arbeitslagers ebenso wie das KZ Columbiahaus von dem Tempelhofer Flughafen. Die Barackengebäude wie das KZ wurden abgerissen. Seit 1948 steht an dieser Stelle der Funküberwachungsturm der Westalliierten. Auch nach der Schließung des Flugplatzes hat er noch einen gewissen Sinn. Die Bundeswehr bildet hier Funkoffiziere aus. Das Gelände wird derzeit erweitert.

Deshalb ist das schwere Baugerät angerückt und gräbt genau dort, wo einstmals die Baracken standen. »Nichts erinnert mehr an das, was hier einmal geschah. Keine Spur«, ärgert sich Winzer. Immerhin, im Jahr 1993 wurde auf der gegenüberliegenden Straßenseite das Mahnmal für die KZ-Insassen gesetzt »Es liegt auf der falschen Seite und sieht aus wie eine verlassene Bushaltestelle«, klagt Beate Winzer. Niemand hat ihr bisher widersprochen.

Das für viele Unfassbare von einst heute sichtbar zu machen, das gestaltet sich hier noch schwieriger als woanders in Berlin. Denn die Begehrlichkeiten für dieses innerstädtische »Filetstück« sind riesengroß. Die für die Nachnutzung des Geländes beauftrage Projektgesellschaft hält sich noch bedeckt. Deshalb kursieren die Gerüchte. Ein Wellnesszentrum, Baugruppen (»innovatives Bauen«) sollen auf dem Gelände ihren Platz bekommen. Der Förderverein will eine Neubebauung verhindern.

Gedenken »Mit einer festen Erinnerungsstätte wollen wir zudem vermeiden, dass dieser Teil der Flugplatzgeschichte in einem historischen Gemischtwarenladen untergeht«, betont Winzer. Genau das befürchtet die Wissenschaftlerin nämlich, wenn der Berliner Senat, wie angekündigt, mit Tafeln an die komplette Historie des Berliner Flughafens erinnert. Dazu gehört dann nicht nur das Zwangslager und das KZ, sondern eben auch die Rosinenbomber des Kalten Krieges, das monumentale Flughafengebäude und einiges mehr auf dem Areal.

»Wir wollen den historischen Ort Tempelhof in all seinen Bedeutungen erfassen«, argumentiert Mathias Gille, Sprecher des Stadtentwicklungssenators. Nun hat sich auch die Jüdische Gemeinde zu Berlin eingeschaltet. »Wir finden es wichtig, dass der historische Ort des ehemaligen KZs auf dem Tempelhofer Feld so lange geschützt wird, bis ein endgültiges Bebauungskonzept für das gesamte Gelände erstellt wird. Außerdem sollte auch an weitere Orte auf dem Feld erinnert werden, wo jüdische Zwangsarbeiter tätig waren«, erklärt die Gemeinde.

Der Senat hat an die Spezialistin für Gedenken im öffentlichen Raum, Stefanie Endlich, einen Konzeptionsauftrag vergeben. Im Mai sollen die Ideen präsentiert werden. Viel mehr will Gille noch nicht verraten. Nur das: »Hier wird kein historisches Erbe zubetoniert«.

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