Redezeit

»Dafür haben wir gekämpft«

Sigrun Marks Foto: Gregor Zielke

Redezeit

»Dafür haben wir gekämpft«

Sigrun Marks über eine Koodinierungsstelle für Stolpersteine, einen Preis und Mahnwachen

von Christine Schmitt  30.10.2014 14:26 Uhr

Frau Marks, die Stolperstein-Initiative Stierstraße hat gleich zwei Gründe, sich zu freuen: Über den Förderpreis des Bezirks Tempelhof-Schöneberg, den sie am 26. November erhält, und dass Sie es geschafft haben, die Koodinierungsstelle für Stolpersteine des Bezirks zu erhalten. Worüber freuen Sie sich mehr?
Natürlich darüber, dass die Koordinierungsstelle bleibt. Dafür haben wir ein Jahr lang gekämpft. Da ist sehr viel Herzblut geflossen, um das zu erreichen. Allerdings wird die Stelle auf eine halbe reduziert. Über den Förderpreis haben wir uns, wir sind etwa zwölf Aktive, aber auch sehr gefreut.

Was beinhaltet der Förderpreis?
Er ist eine Anerkennung des Bezirks für unser ehrenamtliches Engagement zu dem Gedenkprojekt Stolpersteine und ist mit 1000 Euro dotiert. Wahrscheinlich werden wir das Geld in weitere Stolpersteine investieren.

Wenn es keine Koodinierungsstelle mehr geben würde, wäre es schwer geworden, weitere Steine verlegen zu lassen?
Ja. Vor einem Jahr hatten wir erfahren, dass zum Ende 2014 diese Stelle gestrichen werden sollte, und zwar, weil die Fördermittel, mit denen diese drei Jahre lang finanziert wurde, zu Ende gingen. Das waren europäische Gelder. Die Stelle hätte angeblich auch nicht aus den Mitteln des Bezirks-Haushalts finanziert werden können.

Diese Nachricht war bestimmt ein Schock für Sie.
Wir dachten, dass ist das Ende des Stolperstein-Projektes in Tempelhof-Schöneberg. Wir fingen an zu trommeln, damit diese wichtige Gedenkarbeit in unserem Bezirk auch 2015 fortgesetzt werden könne. Uns wurde angeboten, dass wir diese Aufgabe ehrenamtlich übernehmen könnten.

Wie haben Sie reagiert?
Das haben wir abgelehnt, da wir es nicht richtig finden, dass diese Arbeit auch noch ehrenamtlich von den Paten und Initiatoren der Stolpersteinen geleistet wird. Unser Einsatz ist schon sehr umfangreich. Wir recherchieren in den Archiven, versuchen, die Kontakte zu den Angehörigen herzustellen, wir planen und organisieren die Gedenkfeiern und kümmern uns um Spendengelder zur Finanzierung der von uns initiierten Stolpersteine.

Um wie viele Stolpersteine handelt es sich?
Um etwa 150. Teils haben wir sie selbst bezahlt, für die meisten haben wir Spendengelder erhalten. Es ist sehr viel Arbeit. Die Stolpersteine sind ein Geschenk der Zivilbevölkerung an den Staat. Wir sind der Auffassung, dass der Bezirk mit diesem Geschenk sorgsam umgehen und die Arbeit der Paten und Initiatoren durch die Finanzierung einer Koordinierungsstelle begleiten muß.

Was haben Sie unternommen, damit Ihr Plan aufgehen konnte?
Wir haben im September 2013 das Netzwerk der Initiatoren und Paten von Stolpersteinen in unserem Bezirk angeschrieben mit der Bitte, unseren Aufruf gegen den Stopp von Stolpersteinen in Tempelhof-Schöneberg zu unterschreiben. Diesen Aufruf mit etwa 60 Namen haben wir dann an die Medien, Politiker und Parteien geschickt. Medien haben unseren Aufruf veröffentlicht, verschiedene Politiker, auch die Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD), antworteten uns, bestätigten uns, dass das Gedenkprojekt Stolpersteine und das ehrenamtliche Engagement der Zivilbevölkerung enorm wichtig seien. Frau Schöttler hat sogar in einem persönlichen Gespräch zugesichert, daß sie alles tun würde, um Finanztöpfe für die Koordinierungsstelle zu finden.

Kam so die Finanzierung zustande?
Nein, im Gegenteil, es kam heraus, dass kein Geld da ist, um die Stelle zu finanzieren. Uns wurde klar, dass wir uns ans Parlament des Bezirkes wenden mussten, denn das hat die Hoheit über den Finanzhaushalt. Wir mobilisierten wieder das Netzwerk Stolpersteine und hielten ab Mai dieses Jahres zu den Sitzungen Mahnwachen ab. Und zwar standen wir jeden Monat schon eine Stunde vor Beginn der BVV (Bezirksverordnetenversammlung) mit unseren Transparenten und Plakaten vor dem Rathaus Schöneberg, um mit den Verordneten ins Gespräch über unser Anliegen kommen zu können.

Half das?

Nein, zunächst nicht. Unser Anliegen kam noch nicht einmal auf die Tagesordnung. Daraufhin haben wir im Juli eine dringliche Mail an alle Abgeordnete geschickt, mit dem Inhalt, dass in fünf Monaten aufgrund des Wegfalls der Koordinierungsstelle keine Stolpersteine in unserem Bezirk mehr verlegt werden können und mit dem dringlichen Appell, in ihrer Verantwortung als demokratische Politiker für die Gedenkarbeit alles zu tun, um die Fortführung des Stolpersteinprojekts in unserem Bezirk finanziell abzusichern. Da bewegte sich etwas, verschiedene Abgeordnete nahmen Kontakt zu uns auf, bestätigten uns die auch von ihnen so gesehene hohe Wichtigkeit des Gedenkprojekts Stolpersteine und arbeiteten Lösungswege aus. Anfang Oktober beschloß der Finanzausschuss der BVV einen von den Fraktionsvorsitzenden der SPD und der Grünen eingebrachten Antrag zur Finanzierung der Koordinierungsstelle ab Januar 2015, der Mitte Oktober dann von der BVV insgesamt einstimmig von allen Parteien beschlossen wurde.

Auf welcher finanziellen Basis geschah das?
Grundlage war der Konsens, dass das ehrenamtliche Engagement der Zivilgesellschaft zu würdigen, bezirklich durch eine Koordinierungsstelle zu begleiten sei und dafür Geld zur Verfügung gestellt werden müsse. Der Beschluss beinhaltet, dass alle Töpfe ausfindig gemacht werden müssen, um die Stelle zu finanzieren. Wenn es keine Drittmittel geben sollte, dann wird der Bezirkshaushalt das Geld für eine halbe Stelle zur Verfügung stellen.

Das Projekt kann also weitergehen ...
Offen ist noch das Stellenprofil, das jetzt rasch erstellt werden muss. Und dann muss die Stelle ausgeschrieben werden. Wir wollen natürlich, dass sie so schnell wie möglich weiter besetzt wird und nicht erst Monate der bürokratischen Abwicklung vergehen. Deshalb werden wir der Bürgermeisterin Schöttler und der Stadträtin für Kultur, Jutta Kaddatz (CDU), auch die noch länger gewordene Namensliste von Initiatoren und Paten aus unserem Bezirk und 1000 Unterschriften aus der Zivilgesellschaft überreichen.

Wie lang ist in Tempelhof-Schöneberg die Warteliste bei den Stolpersteinen?
Die liegt etwa bei 200 – das ist sehr viel, es gibt einen Rückstau. Als klar wurde, dass die Stelle auslaufen werde, wurden keine Anmeldungen mehr angenommen, nur noch von Angehörigen. Die jetzt schon langen Wartezeiten, die noch länger werden können, wenn die Stelle nicht gleich weiter besetzt wird, sind eine Zumutung für die hoch betagten Angehörigen und für die Initiatoren, die all die Recherchearbeit gemacht haben. Wir sind erpicht drauf, dass alles zügig geht. Wir rufen deshalb am 19. November, 16 Uhr, noch mal zu einer Mahnwache während der BVV vor dem Rathaus Schöneberg auf, damit es voran geht.

Der Initiator des Stolperstein-Projektes, Günther Demnig, will nun mehr im Ausland agieren.
Die Wartezeiten werden dadurch natürlich noch länger, aber die Steine sind auch in den ehemals durch die Nazis besetzten Ländern wichtig. Weil die Steine alle per Hand und einzeln hergestellt werden, dauert es. In den letzten Jahren sind die Wartezeiten immer länger geworden, da es immer mehr Anmeldungen gab. Als wir vor sieben Jahren anfingen, ging es rucki zucki innerhalb eines halben Jahres. Jetzt dauert es eineinhalb bis zwei Jahre. Aber Hauptsache ist, dass der Rückstau durch die finanzielle Absicherung der bezirklichen Koordinierungsstelle ab Januar 2015 abgebaut werden kann.

Mit der Direktorin der Stolperstein-Initiative Stierstraße sprach Christine Schmitt.

Sigrun Marks war Lehrerin. Seit ihrer Jugend beschäftigt sie sich mit dem Gewaltregime der Nazis, der Schoa und all die anderen Verbrechen in Osteuropa während des Krieges.

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