Berlin

»Bunter und sichtbarer«

Für Abraham Lehrer haben die Zugewanderten die jüdischen Gemeinden bereichert. Foto: Deutsche Gesellschaft e. V.

In den Jahren 1991 bis 2005 kamen etwa 200.000 Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Heute stellen sie und ihre Nachkommen den Großteil der Mitglieder in den jüdischen Gemeinden des Landes. Auf der heutigen Veranstaltung »Eine besondere Einwanderungsgeschichte« in der Neuen Synagoge Berlin, organisiert von der »Deutschen Gesellschaft«, werden nun nach 30 Jahren die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der sogenannten Kontingentflüchtlinge umfassend beleuchtet.

Deutschland »Die jüdische Gemeinde heute ist von Zuwanderung geprägt«, sagte Abraham Lehrer, Vorstandsvorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, in seinem einleitenden Grußwort. Immer wieder seien in der Geschichte der Bundesrepublik Juden aus verschiedenen Ländern zugewandert. Sie alle seien »irgendwie hängengeblieben« im Land der Täter, kaum jemand habe zuerst wirklich in Deutschland bleiben wollen.

Für Abraham Lehrer, Vorstandsvorsitzender der ZWST, ist die Integration der Kontingentflüchtlinge »eine Erfolgsgeschichte«.

Das habe sich mit der »großen Zuwanderung« ab den frühen 1990er-Jahren verändert. »Das war nicht nur zahlenmäßig eine Wende für die jüdische Gemeinschaft, sondern auch kulturell«, erzählte Lehrer. Die neue Gruppe der russischsprachigen Juden stellte nun die Mehrheit und hatte sich zudem ganz bewusst für Deutschland entschieden. Für Lehrer ist die Integration der Kontingentflüchtlinge »eine Erfolgsgeschichte«. Sie besetzten heute wichtige Positionen in den jüdischen Gemeinden, welche insgesamt »bunter und sichtbarer« geworden sei.

»Sehr enttäuschend« sei dagegen der Umstand, dass die Berufsjahre der Zugewanderten in Deutschland nicht auf ihre Rente angerechnet werden. »Ein Lebensabend in Würde ist das Mindeste, das sie verdienen«, so Lehrer. Er hoffe sehr, dass die neue Bundesregierung für dieses Problem bald eine Lösung finden wird.

Leistung Auch Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdische Gemeinde zu Berlin, ging in seinem Grußwort auf diesen nach wie vor nicht behobenen Missstand ein. Er nannte die fehlende Anerkennung der Lebensleistung vieler Eingewanderter »das Haar in der Suppe« einer ansonsten gelungenen Einwanderungsgeschichte. »Wo es große Hoffnung gibt, gibt es auch große Enttäuschung«, fasste Joffe diese Ambivalenz zusammen.

Die Folgen des Ukrainekrieges werden die jüdische Gemeinschaft »in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen«, sagte Aron Schuster von der ZWST.

Der Geschäftsführer der ZWST, Aron Schuster, erläuterte in seinem Beitrag, worin die Herausforderung für die jüdischen Gemeinden bei der Aufnahme so vieler Neuankömmlinge bestand: »Den Zugewanderten, die die Gemeinschaft zahlenmäßig versechsfachten, einen Zugang in die deutsche Mehrheitsgesellschaft zu bieten, Strukturen sozialer Absicherung zu schaffen, Integration zu gewährleisten.« Mit dem Beginn des Ukrainekrieges stünde nun die nächste große Aufgabe vor der ZWST und den jüdischen Gemeinden. Die Folgen des Konflikts würden die jüdische Gemeinschaft »in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen.«

Neben den einzelnen Reden wird es bei der Veranstaltung insgesamt drei Podiumsdiskussionen geben, bei denen es um die Geschichte der Zuwanderung, die sozialen und politischen Fallstricke im Umgang mit der Migration sowie um die Perspektiven der nächsten Generation gehen wird. Noch bis 17 Uhr werden so die verschiedenen Facetten der Geschichte der jüdischen Kontingentflüchtlinge diskutiert.

Die Veranstaltung kann im Livestream verfolgt werden. Einen ausführlicheren Bericht finden Sie in der kommenden Woche in der Jüdischen Allgemeinen.

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