Porträt der Woche

Bühne und Heimweh

»Niemand aus meiner Familie konnte kommen, die Hochzeit fand über Zoom statt«: Emiliia Kivelevich (34) aus Düsseldorf Foto: Boris Aleksandrov

Porträt der Woche

Bühne und Heimweh

Emiliia Kivelevich inszeniert Theater zwischen Kunst, Glaube und Migration

von Christine Schmitt  16.11.2025 10:12 Uhr

Manchmal möchte ich einfach nur Tochter sein. Ich vermisse meine Eltern, die in Russland leben und die ich leider nicht besuchen kann. 2021 bin ich nach Deutschland gezogen und dachte damals, ich könnte gleichzeitig in meiner alten und der neuen Heimat leben und hin- und herreisen. Als ich der Liebe wegen das Land verließ, hatte ich viele großartige Pläne in Moskau: Ich arbeitete in einem kleinen, aber sehr prominenten Theater, der »Masterskaja Brusnikina«. Und wollte das auch weitermachen.

Am 23. Februar 2022 flog ich für einen Besuch nach Moskau, um mit dem berühmten Clown Slawa Polunin an der Ausstellung Sja zu arbeiten. Drei Tage später kehrte ich nach Deutschland zurück: Ich konnte nicht in Moskau bleiben – ich war schwanger, und mein Mann war in Deutschland. Da wurde mir klar, dass dies kein vorübergehender Umzug war. Die Emigration geschah augenblicklich, und ich war nicht darauf vorbereitet. Bis heute verspüre ich Heimweh.

Meine große Leidenschaft ist das Theater. Ich habe einen Großteil meiner Kindheit auf der Bühne und hinter den Kulissen verbracht. Mein Onkel war Leiter der Produktionsabteilung im »Haus des Schauspielers« in Moskau und lud mich oft zu Aufführungen ein. Nach der Schule träumte meine Mutter davon, dass ich Schauspielerin werde, aber ich begann, Kulturwissenschaften zu studieren. Ich machte einen Bachelor- und Masterabschluss, doch all meine Forschungen widmeten sich dem Theater.

Ich verliebte mich in seine Inszenierungen und bat ihn darum, seine Assistentin zu werden

Mein zweites Studium war Regie, diesen Weg ging ich bereits als »Erwachsene«. Als ich mich am Theaterinstitut einschrieb, lebte ich buchstäblich für das Theater: Fast jeden Tag ging ich zu Aufführungen und öffentlichen Vorlesungen. Unter den Regisseuren, die ich in dieser Zeit kennenlernte, war Maxim Didenko. Ich verliebte mich in seine Inszenierungen und bat ihn darum, seine Assistentin zu werden – nach einiger Zeit stimmte er zu. Das bescherte mir unschätzbare Erfahrungen.

Schließlich begann ich, offiziell als Ensembleleiterin im Theater zu arbeiten. Es war ein kleines, aber bedeutendes Haus, wir glaubten damals, dass alles möglich sei und uns alle Türen offenstünden. Mit der Zeit merkte ich, dass ich eine Pause brauchte, dass ich eine Weile aus Moskau weggehen musste, um mit neuen Kräften zurückzukehren und eigene Stücke zu inszenieren. Zensurbeschränkungen waren bereits spürbar, und mir wurde die Notwendigkeit bewusst, eine internationale Karriere aufzubauen.

Meine Arbeitsweise bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Forschung und Kunst.

Als ich ein Kind war, leitete mein Vater ein Pionierlager bei Moskau. Das Lager war riesig – bis zu 800 Kinder. Wenn sie alle im Sommer anreisten, fühlte ich mich wie die Tochter des Direktors, so ein bisschen wie eine Prinzessin. Das Judentum war in unserer Familie kein Thema, über das wir sprachen, obwohl mein Vater ein Nachfahre von Rabbi Levi Jizchak aus Berditschew ist. Die Mutter meines Vaters starb früh, deshalb kümmerte sich seine Tante, die Schwester seiner Mutter, um ihn.

Später wurde sie auch für mich wichtig, als ich von der Arbeit erschöpft war und eine Pause brauchte. Sie rief mich aus Jerusalem an und brachte mich auf die Idee, nach Israel zu reisen. So kam es, dass ich mich für das Masa-Programm bewarb, eine Zusage erhielt und nach Israel flog. Dort traf ich nicht nur meine Großtante, sondern lernte dank des Programms auch meinen zukünftigen Ehemann kennen.

In Israel arbeitete ich weiter im Theater, knüpfte Kontakte, wirkte bei einem Festival in Tel Aviv mit. Es war eine Zeit persönlicher Freiheit und Inspiration. Dann begann die Pandemie. Statt vier Monate blieb ich acht Monate in Israel und zog bald darauf nach Deutschland zu meinem Liebsten. 2022 heirateten wir. Die Pandemie war vorbei, die Welt tobte in eine neue Katastrophe. Niemand aus meiner Familie konnte kommen, die Hochzeit fand über Zoom statt.

Später begann ich, beim Projekt »Kibbuz Kollektiv« in Essen zu arbeiten

Natürlich war es für mich der schönste Tag in meinem Leben, aber ich wünschte mir sehnlichst, dass meine Familie auch in Präsenz hätte dabei sein können. Nach einem Jahr in Deutschland eröffnete ich in Berlin die Schule für kreative Praktiken »Gogol School Deutschland« (heute Metod.Berlin). Das gab mir die Möglichkeit, Künstlerinnen und Künstler zur Mitarbeit einzuladen, die ebenfalls zur Emigration gezwungen waren, und ihnen zu helfen.

Später begann ich, beim Projekt »Kibbuz Kollektiv« in Essen zu arbeiten – Stücke zu inszenieren und zu produzieren. Heute sind im Kollektiv über 50 freischaffende Künstler engagiert. Viele wirklich aufsehenerregende Projekte wurden realisiert.

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In den vergangenen vier Jahren habe ich insgesamt elf Stücke inszeniert. Einige wurden ins Kulturprogramm des Zentralrats der Juden aufgenommen, andere gastierten in verschiedenen Städten, bei manchen stehen internationale Tourneen bevor. Ich bin überzeugt, dass Theater ein Spiegel des Lebens ist. Meine Arbeitsweise bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Forschung und Kunst. Dabei greife ich konsequent auf dokumentarisches Material zurück, um authentische Erzählungen auf der Grundlage realer Erfahrungen zu vermitteln. Ich widme mich Themen wie Migration, der jüdischen Kultur sowie der Rolle der Frau in der Kunst und im Krieg.

Trotz dichtem Zeitplan versuche ich, jeden Tag Zeit mit meinem Sohn zu verbringen

Kein Tag gleicht dem anderen. Der Morgen kann mit Proben oder der Arbeit mit einem Künstler an der Bühnengestaltung beginnen. Wir haben unser Wohnzimmer in einen Probenraum umfunktioniert, manchmal probt bei uns ein kleines Orchester. Trotz dichtem Zeitplan versuche ich, jeden Tag Zeit mit meinem dreijährigen Sohn zu verbringen, ohne Handy und Zeichentrickfilme. Wir gehen spazieren, besuchen Museen, kochen zusammen. Von 20 Uhr bis Mitternacht arbeite ich dann am Computer weiter.

Neben dem Theater leite ich die Jüdische Volkshochschule in Düsseldorf und organisiere Vorträge und Kurse zu Judentum, jüdischer Kultur und Kunst. Mein Theaterkalender ist derzeit sehr voll. Diesen Monat haben wir Aufführungen in Helsinki und Magdeburg, darauf folgt die Teilnahme an einem Festival in München. Im Februar bringen wir unsere Oper Erschaffung der Welt oder Kabbalat Shabbat auf Hebräisch in die USA. Die Musik stammt von Alexander Manotskov. Zuvor werden wir sie in der Melanchthonkirche in Düsseldorf, der Alten Synagoge in Essen, im Stadtmuseum Düsseldorf und im Theater im Delphi in Berlin zeigen.

Ich habe eine besondere Verbindung zur Musik. Bereits im Alter von vier Jahren besuchte ich eine Musikschule. Das hilft mir bei meiner Arbeit – ich kann Opern dirigieren und Partituren lesen.

Sie verboten uns die Aufführung nicht, aber stellten Bedingungen, die sich wie eine Ohrfeige anfühlten.

2024 hatten wir mit der Oper ein Gastspiel in Amsterdam. Und dort stießen wir auf etwas, das mich aus der Bahn warf. Bei der Vorbereitung der Aufführung in Amsterdam – es war kurz nach dem Pogrom, das nach dem Maccabi-Spiel stattfand – wandten wir uns an die Polizei, um unsere Aufführung anzumelden und um Hilfe bei den Sicherheitsmaßnahmen zu bitten. Die Antwort war schockierend. Sie verboten uns die Aufführung nicht, aber stellten Bedingungen, die sich wie eine Ohrfeige anfühlten. Wir mussten den Titel ändern. Das »Kabbalat Shabbat« sollte verschwinden, übrig blieb nur »Erschaffung der Welt«. Öffentliche Werbung in größerem Umfang war im Grunde verboten, einige Veranstaltungsorte weigerten sich, unsere Flyer auszulegen. Und wir mussten auf eigene Kosten vier Sicherheitsleute engagieren.

Ich entschied, dass die Aufführung trotz allem stattfinden sollte. Gerade zu dieser Zeit und an diesem Ort war es wichtig, sie zu zeigen. Die Vorstellung war ein Erfolg, die Zuschauer blieben lange nach der Aufführung, unterhielten sich, aßen Challe, Granatäpfel und Trauben – Teil unserer lebendigen Bühnengestaltung. Da verstand ich: Das war nicht nur für uns wichtig, sondern auch für alle, die gekommen waren.

Ich denke ernsthaft wieder über die Emigration nach

Bis heute habe ich diese Geschichte nie öffentlich erzählt. Aber jetzt spüre ich starken gesellschaftlichen Druck – besonders nach dem offenen Brief von Kulturschaffenden an Bundeskanzler Merz – und bin zum ersten Mal unsicher über meine Zukunft in diesem Land. Insbesondere, weil ich Theaterregisseurin mit israelischem Pass bin. Das fühlt sich heute fast wie ein Vergehen an. Ich denke ernsthaft wieder über die Emigration nach. Diesmal weg aus Deutschland.

Die Religion ist mir wichtig geworden – obwohl ich ohne sie aufgewachsen bin. Ich versuche, koscher zu leben und religiöses Leben in den Alltag einzubringen. Ich bemühe mich, am Schabbat nicht zu arbeiten. Aber das Theater kennt keine Pausen: Ideen und Gedanken hören niemals auf.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

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