Porträt der Woche

»Brandenburg fasziniert mich«

Maayan Meir ist Filmproduzentin und organisiert einen Kiddush Supper Club

von Philipp Fritz  13.06.2017 12:06 Uhr

»Mit unseren Veranstaltungen schaffen wir eine festliche und ausgelassene Atmosphäre«: Maayan Meir (36) lebt in Berlin. Foto: Gregor Zielke

Maayan Meir ist Filmproduzentin und organisiert einen Kiddush Supper Club

von Philipp Fritz  13.06.2017 12:06 Uhr

Hin und wieder werde ich in Berlin nach meinem Nachnamen gefragt: wo er denn herkommt, warum er so geschrieben wird. Ich stamme aus Israel, habe aber deutsche Vorfahren. Mir ist egal, wie Meir ausgesprochen wird, ob nun so wie in Deutschland üblich oder wie in Israel, also Buchstabe für Buchstabe. Der Name Meyer wurde, als meine Großeltern nach Israel einwanderten, hebraisiert, das heißt, seine Schreibweise wurde geändert. Das war damals nicht unüblich.

Ein Teil meiner Familie kommt sogar aus Berlin, meine Großeltern väterlicherseits sind hier zur Schule gegangen, echte Berliner Kinder aus Tempelhof und Wilmersdorf. Sie flohen in der Nazi‐Zeit nach Chile, wo sie sich kennenlernten, und machten dann Alija. Meine Eltern wurden in Israel geboren, ich auch, in Karmi’el im Norden des Landes.

karriere Ich habe mich immer schon für Filme interessiert, nicht nur dafür, was über die Leinwand flimmert, sondern auch dafür, wie sie produziert werden. Im Jahr 2001 schließlich fing ich in Tel Aviv an, Filmwissenschaft zu studieren, mit einem Schwerpunkt auf Produktion. 2005 habe ich meinen ersten Job angenommen, und zwar in der Filmanimation im zu jener Zeit größten Studio Israels. Ich habe mich sofort in die Arbeit verliebt. Das Unternehmen ist toll. Es war der beste Karrierestart, den ich mir vorstellen konnte.

Als ich 28 Jahre alt war, war ich Produktionschefin und habe mit interessanten Produzenten zusammengearbeitet. Aber ich hatte das Gefühl, Israel sei zu klein für mich. Ich wollte woanders hin, etwas »Größeres« machen. Ich bin also 2009 mit meinem Freund, heute ist er mein Ehemann, nach Berlin gezogen und habe hier gleich mehrere Projekte als Animationsproduzentin realisiert.

Für uns beide war der Umzug vor allem eine Karriereentscheidung. Die Stadt jedoch hat mich schnell in ihren Bann gezogen, ich habe mich mit ihrer Geschichte, speziell ihrer deutsch‐jüdischen Geschichte, auseinandergesetzt und nebenher angefangen, als Stadtführerin zu arbeiten.

blog Hinzu kam mein englischsprachiger Gastro‐Blog »Multikulti«. Die Idee war es, mit Berlinern aus verschiedenen Ländern in Kontakt zu treten, sie zu mir nach Hause einzuladen und mit ihnen ihre Gerichte zu kochen, das zu fotografieren und davon zu erzählen. Berlin, seine Menschen und ihre vielfältige Küche – das wollte ich abbilden. Dabei habe ich auch die Geschichte der vorgestellten Gerichte erzählt.

Aufgehört, den Blog zu betreiben habe ich dann, weil ich einen großen Auftrag in Halle bekam, der viel Zeit erforderte. Ich musste an den Wochentagen dort bleiben. Viele wissen das nicht, aber in Halle befindet sich das größte Animationsstudio in Deutschland, Motion‐Works. 2011 war das Projekt abgeschlossen, und ich wollte zurück nach Berlin, auch weil der Gedanke, Kinder zu bekommen, mich umtrieb. Das unstete, nomadische Leben einer Animationsproduzentin passt nicht gut zu Familienplänen. Mein Mann und ich haben uns übrigens in Israel in einem Studio während eines Jobs kennengelernt, er ist auch in der Animationsbranche tätig. Das macht es nicht einfacher. Trotzdem haben wir es geschafft. Unser Sohn ist heute drei Jahre alt.

Glücklicherweise habe ich mich neben der Filmanimation auch immer für Essen und alles, was damit zu tun hat, begeistert. Ich arbeite heute in erster Linie als Projektmanagerin für Veranstaltungen in der Gastro‐Szene. Darüber hinaus setze ich aber auch meine eigenen Projekte um. Das macht mich sehr glücklich. Ich habe das Gefühl, endlich meinen Weg gefunden zu haben. Ich weiß, das mag überraschen, immerhin bin ich 36 – ich hätte früher sicher auch schon etwas finden können, wovon ich dermaßen überzeugt bin. Aber wie gesagt, Film und Animation sind ebenfalls Leidenschaften von mir.

dinner Als ich mich mit meinem Unternehmen Honeyspring Projects selbstständig gemacht hatte, habe ich zuerst einen Pop‐up‐Store für ein Restaurant aus Israel aufgebaut. Das war eine Zusammenarbeit mit einem populären israelischen Koch, Daniel Zach.

Ein weiteres Projekt, das ich auf die Beine gestellt habe und das bis heute läuft, ist »Kiddush«, ein Supper Club, also ein kulinarisches Beisammensein an Freitagabenden, an denen wir, meine Partner und ich, dazu einladen, die marokkanisch‐jüdische Küche kennenzulernen.

Mein Koch hat marokkanische Wurzeln, er kocht sozusagen die Gerichte seiner Mutter. Er hat ein unglaublich gutes Händchen, ist einer der talentiertesten Köche, die ich kenne. Dass es wegen seiner Herkunft für ihn persönlich ist, ist besonders schön, denn so handelt es sich bei dem Ganzen nicht nur um eine Fine‐Dining‐Veranstaltung – die Gerichte haben auch einen deutlichen Einschlag von Hausmannskost. Wir schaffen eine festliche und ausgelassene Atmosphäre. Einige Gäste denken an Weihnachtsessen, und wir müssen ihnen dann erklären, dass es bei uns jeden Freitag so aussieht.

Die Kiddusch‐Essen finden immer an unterschiedlichen Orten, über die ganze Stadt verteilt, statt, meistens in Restaurants, aber auch an anderen interessanten Plätzen. Letztens zum Beispiel waren wir bei Fine Bagels in Friedrichshain. Der Laden ist Bagelbäckerei und Buchhandlung in einem. Den Gästen gegenüber halten wir den Ort bis zum letzten Augenblick geheim, das gibt den Abenden noch einen zusätzlichen Reiz.

brunchenburg Derzeit plane ich eine weitere regelmäßig stattfindende Dinner‐Veranstaltung: »Brunchenburg«, ein Wortspiel mit Brunch und Brandenburg.

Brandenburg fasziniert mich. Ich finde es interessant, dass in Ortschaften, die gar nicht weit entfernt von Berlin liegen, bereits seit Jahrhunderten Landwirtschaft betrieben wird. Für mich als Israelin hat das etwas Romantisches.

Eigentlich wollte ich unter dem Namen »Brunchenburg« kulinarische Ausflüge nach Brandenburg anbieten, aber nun bringe ich Brandenburg nach Berlin. Es wird zum Brunch geladen – auf den Tisch kommen Zutaten aus Brandenburg. Mein Eindruck ist, dass es vor allem zugezogene Berliner sind, die sich für authentisches Essen aus Brandenburg interessieren und sich fragen, was typisch für die Region ist und wie dort gegessen wird. Es gibt manchmal so eine gläserne Wand zwischen der Stadt und dem Umland. Diese wollen wir mit unserem Projekt durchbrechen.

Klar, ich habe auch Kontakt zu Leuten in Brandenburg. Jedoch ist es so, dass ich mich, spätestens seit ich ein Kind habe, vor allem mit anderen Israelis und Expats umgebe. Da gibt es also auch eine gläserne Wand. Gute alte Freunde von mir leben auch in Berlin, und es ist einfacher, sich mit Menschen zu verständigen, die dich kennen, den gleichen kulturellen Hintergrund haben und die gleiche Sprache sprechen. Mein Deutsch ist nicht perfekt.

Ich denke, dass die Projekte, mit denen ich mich befasse, zeigen, dass mir Tradition wichtig ist. Das hängt auch damit zusammen, dass ich nicht religiös bin. In meiner Familie gibt es sozusagen eine lange Tradition des Atheismus.

Koscheres Identität kann sich in Religion ausdrücken, aber auch in Traditionen, ob diese nun aus Religion erwachsen sind oder nicht. Dass Essen mir wichtig ist, möchte ich vor diesem Hintergrund verstanden wissen. Oder andersherum: Wenn ich etwas Koscheres angeboten bekomme, sage ich gerne scherzhaft, dass das gegen meine Religion ist.

Ich lebe also nicht koscher, mein Judentum ist mir trotzdem wichtig als kultureller Hintergrund. Das haben meine Großeltern schon so aufgefasst und an uns weitergegeben. Ich interessiere mich aber für jüdische Geschichte und versuche, daraus Regeln abzuleiten, die ich meinem Kind in universelle Werte übersetzen kann.

Ich habe es bereits angedeutet: An der Geschichte Berlins begeistert mich vor allem die jüdische Geschichte der Stadt. Gemessen an der Gesamtbevölkerung haben hier nicht viele Juden gelebt, sie haben die Entwicklung Berlins jedoch maßgeblich mitbeeinflusst. Ohne Juden wäre Berlin heute eine andere Stadt. Auch als Stadtführerin versuche ich, diesen Aspekt zu betonen. Das Judentum ist ein wichtiger Teil der europäischen Geschichte. Ich bin stolz darauf, ein Teil davon zu sein.

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