Chabad Lubawitsch

»Bildung, Kultur und Sport«

Es ist wie mit einer Schwangerschaft. »Normalerweise dauert diese aber nur neun Monate«, skizziert Rabbiner Yehuda Teichtal von Chabad Lubawitsch die Entstehungsgeschichte des »Pears Jüdischer Cam­pus«. »In unserem Fall waren es wohl insgesamt zehn Jahre.« Bereits 2008 gab es erste Überlegungen für eine großzügige und neue Begegnungsstätte für die wachsende jüdische Gemeinschaft in der Hauptstadt. 2013 begannen die Kaufverhandlungen für das Grundstück.

Nun endlich wird es ernst. Am 10. Juni soll der Spatenstich für den Gebäudekomplex erfolgen. »Alles ganz feierlich in Anwesenheit von Bundesaußenminister Heiko Maas sowie dem Bürgermeister und Kultursenator von Berlin, Klaus Lederer, und Raed Saleh, Vorsitzender der SPD‐Fraktion im Senat.« Grund genug, das nunmehr fertige Konzept dahinter einmal zu erklären. Und so präsentieren Rabbiner Teichtal und Architekt Sergei Tchoban wie zwei stolze Väter eigens in einer Pressekonferenz ihr »Baby«, das bald in unmittelbarer Nachbarschaft zum bereits bestehenden Chabad‐Bildungszentrum in Berlin‐Wilmersdorf Gestalt annehmen soll.

geldgeber Ganz offensichtlich wird dabei nicht gekleckert, sondern geklotzt. Der Bau, der dank der großzügigen Unterstützung der Pears Foundation aus Großbritannien, die sich dem Erhalt jüdischer Werte verpflichtet fühlt und nun erstmals in Deutschland aktiv ist, Zuwendungen der Bundesregierung, des Landes Berlin sowie der Stiftung Deutsche Klassenlotterie und weiteren Geldgebern ab nächsten Monat endlich in Angriff genommen werden kann, soll nicht nur eine Kita, eine Grundschule wie auch ein Gymnasium beherbergen, sondern zudem Räumlichkeiten für Feste, Filmvorführungen oder sogar Sportevents. »Technisch werden wir auf dem neuesten Stand sein«, verspricht Teichtal.

Darüber hinaus will man sich als Ort für Seminare und Konferenzen etablieren und neben einem vielfältigen Freizeitangebot unter anderem Fort‐ und Weiterbildungsmaßnahmen für Lehrkräfte anbieten. All das klingt sehr ambitioniert. »Wir sprechen daher von einem Drei‐Säulen‐Prinzip, auf dem der Jüdische Campus Berlin basieren wird«, bringt es Teichtal auf den Punkt: »Bildung, Kultur und Sport«.

Satte 7000 Quadratmeter groß wird die dann zur Verfügung stehende Fläche. Bis zu 600 Menschen können dort zu den verschiedensten Anlässen Platz finden. Allein die Kita ist auf eine Kapazität von 200 Kindern ausgelegt. Ende 2020 rechnet man mit der Fertigstellung des Ganzen.

Zukunftsglaube Und zu guter Letzt werden zwei Küchen – eine für milchige und eine für fleischige Speisen – eingerichtet. Für Teichtal und Tchoban geht es dabei um mehr als ein bloßes Funktionsgebäude, das einfach nur seinen Zweck erfüllen soll. »Für uns ist es zugleich ein Zeichen nach außen«, sagt der Chabad‐Rabbiner. »Denn wer baut, der sitzt nicht auf gepackten Koffern, sondern glaubt an die Zukunft hierzulande.«

Gerade in Zeiten von wachsendem Antisemitismus in Deutschland will man mit dem Campus nicht nur jüdisches Selbstvertrauen demonstrieren. »Dem Negativen wollen wir auf diese Weise ganz konkret etwas Positives entgegensetzen. Wir glauben an dieses Land.«

Der Pears Jüdische Campus ist daher als eine lebendige Begegnungsstätte für Groß und Klein konzipiert, die Juden von der Geburt bis zum Erwachsenenalter so ziemlich alles zu bieten vermag, was das Herz begehrt. Für den Rabbiner ist der Bau zugleich Ausdruck eines Gemeinschaftsgedankens. »Auch nichtorthodox orientierte Menschen sollen sich explizit angesprochen fühlen.« Offenheit sieht Teichtal daher als Markenzeichen des ge­planten Projekts. Zugleich wünscht er sich, dass dieses wie eine Art Leuchtturm über die Grenzen von Berlin hinweg seine Strahlkraft entfalten wird. »Gerade für Juden in Städten, die wenig jüdische Infrastruktur aufweisen, könnten unsere Angebote interessant sein. Der Campus soll mit dazu beitragen, jüdische Identität und jüdisches Bewusstsein zu stärken.«

architekturpreis All das will man ebenfalls in der Architektursprache zum Ausdruck bringen. Verantwortlich dafür ist Sergei Tchoban, der sich mit Projekten wie dem Kino Cubix oder dem CityQuartier DomAquarée nicht nur in Berlin einen Namen gemacht hat. Mit Chabad ist er eng verbunden. So hatte Tchoban bereits die Synagoge des Bildungszentrums entworfen, wofür es 2006 eine Nominierung für den Deutschen Architekturpreis gab.

»Ich habe absichtlich sehr weiche und runde Formen für das neue Gebäude gewählt«, betont er. »Schließlich sind bereits alle anderen Häuser im Umfeld des Areals rechteckig und sehr pragmatisch gestaltet.« Ein unterirdisches Geschoss sowie sechs oberirdische werden entstehen – so sieht es der Plan vor. Tchoban will mit seinem Konzept einen deutlichen Kontrapunkt zur Umgebung setzen. »Dies soll auch ganz bewusst über die Farbgebung der Außenflächen zum Ausdruck kommen.« Denn die Verschalung besteht aus einer glasierten Keramikoberfläche, deren Blau je nach dem Winkel des einfallenden Sonnenlichts changiert. Das ergibt einen ganz besonderen Effekt. »Das Blau soll nicht nur die Farbe der Flagge Israels zitieren«, erklärt der Architekt. »Der Tallit ist genauso mit blauen Streifen versehen.«

Als Rabbiner hat natürlich auch Teichtal seine Assoziationen. »Es erinnert ein wenig an die mythische Farbe Techelet, also genau den Blauton, der die Verbindung zum Himmel symbolisiert.« Jüdische Themen werden gleichfalls in die künstlerische Gestaltung der Innenräume mit einfließen – besonders im gläsernen Atrium, das sich über zwei Stockwerke erstreckt und mit viel Holz und Keramik aufwendig gestaltet wird. Für Tchoban, der seine Mitarbeit an dem Projekt eine »Herzensangelegenheit« nennt, ist das Gebäude ein »Diamant in seiner Umgebung«. Und Diamanten sind ja bekanntlich sehr langlebig.

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