Mainz

»Besondere Symbolik«

Die Minister vor der Mainzer Synagoge Foto: Rafael Herlich

Der Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz, Avadislav Avadiev, nannte es »ein wunderbares Zeichen der Solidarität mit dem jüdischen Volk«. Für ihre erste Konferenz nach den Attentaten in Paris und den vereitelten Anschlägen in Belgien sowie im hessischen Oberursel entschieden sich die Innenminister von Bund und Ländern für diesen symbolträchtigen Ort.

Am Donnerstag vergangener Woche wählten die Politiker die Veranstaltungsräume der Synagoge in Mainz als Ort für ihre internen Gespräche. Nur einen Tag vor einem erneuten An-schlag mit islamistischem Hintergrund in Frankreich berieten sie über den Kampf gegen den internationalen Terrorismus.

Herausforderungen 70 Jahre nach der Schoa und 50 Jahre nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland konferierten die Minister und Senatoren erstmals unter dem Dach eines jüdischen Gemeindezentrums. »Das hat eine besondere Symbolik«, betonte der Chef der Innenministerkonferenz, Roger Lewentz, auf dessen Initiative die Wahl des Tagungsortes zurückgeht. Der rheinland-pfälzische SPD-Politiker lobte die Beziehungen zu der Mainzer Gemeinde als gut und vertrauensvoll. Gemeinsam, so der Innenminister, werde man die Herausforderungen durch Terror und Antisemitismus bewältigen.

Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Stella Schindler-Siegreich, führte die Mi-nister durch die 2010 eröffnete Synagoge und gab einen Überblick über Historie und Bedeutung der SCHUM-Gemeinden Mainz, Worms und Speyer. Der Besuch der Minister sei »für die Gemeinde ein aufregender Moment«. Es sei ein »Zeichen der Wertschätzung und keineswegs selbstverständlich«, sagte die Vorsitzende der Jüdischen Allgemeinen. »Wir fühlen uns geehrt«, betonte auch Aharon Ran Vernikovsky, Rabbiner der Gemeinden Mainz und Worms.

In einer »Mainzer Erklärung« bekannte sich die Innenministerkonferenz demons-trativ zur hohen Priorität des Kampfes gegen Antisemitismus. »Im Bewusstsein der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands und im Gedenken an über sechs Millionen ermordete Juden sowie in Kenntnis der fortdauernden Bedrohung des Staates Israel und der Angriffe auf Menschen jüdischen Glaubens auch in unserem Land« bleibe die Bekämpfung jeder Form von Antisemitismus ständige Herausforderung und Verpflichtung für Staat und Gesellschaft, hieß es.

Statistik Die steigende Zahl von Straftaten und die offene oder versteckte Agitation mit antisemitischem Hintergrund aus dem rechtsextremistischen und islamistischen Spektrum sehen die Minister mit großer Sorge. Laut der Statistik über politisch motivierte Kriminalität ist die Zahl der Straftaten in Deutschland mit antisemitischem Hintergrund um 25,2 Prozent gestiegen. 2013 wurden 1275 dieser Straftaten registriert, ein Jahr später schon 1596.

Die Ängste der Juden nähmen die Mi-nister »ausgesprochen ernst«. Es sei nicht zu verkennen, »dass antisemitische Einstellungen auch in Teile der Gesellschaft im Sinne eines Verbal-Antisemitismus reichen«, hieß es in der Erklärung.

Original Der entschlossene Kampf gegen Antisemitismus und der Schutz von Juden sei Staatsräson und bleibe »wichtige politische Aufgabe für den deutschen Staat und die gesamte Gesellschaft«. Die Erklärung, gerahmt und im Original mit den Unterschriften aller 17 Innenminister, überreichte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) an die Gemeindevorsitzende.

In der Mainzer Synagoge, so Stella Schindler-Siegreich und Rabbiner Vernikovsky, fänden viele öffentliche Veranstaltungen statt, die Räume seien auch außerhalb der Gemeinde sehr beliebt. »Wir sind in der Öffentlichkeit präsent und müssen uns dem Antisemitismus stellen.« Schindler-Siegreich kam 1959 aus Polen mit ihrer Familie nach Deutschland, ihre Mutter hatte Auschwitz überlebt. »Doch ich hatte nie Angst zu sagen, dass ich jüdisch bin.«

Bei den Menschen ihrer Gemeinde, vorwiegend Juden aus der früheren Sowjetunion, habe sich das geändert: »Heute ist es Realität, dass sie Angst haben, als Juden erkannt zu werden. Wir schreiben sogar auf ihre Bitte hin keinen Absender auf Briefe der Gemeinde, damit die Nachbarn das nicht mitbekommen.« Schindler-Siegreich sieht die Gemeinde in der Pflicht, eine öffentliche Rolle zu übernehmen: »Wir wollen nicht nur Zuschauer sein.« Nicht nur Akteur an Gedenktagen oder in einem bestimmten Kontext: »Wir wollen als jüdische Gemeinde einen aktiven Part spielen.«

Solidarität

Das Leben wieder in den Griff bekommen

Angehörige der bei einem Raketenangriff in Majdal Shams getöteten Kinder besuchten die Kultusgemeinde München und Oberbayern

von Luis Gruhler  06.10.2026

Diskussion

»Wir wurden gehört«

Schüler und Studenten des Projekts »Meet a Jew« treffen CDU/CSU-Fraktionschef Thorsten Frei. Im Mittelpunkt stehen der 7. Oktober, persönliche Sorgen und Erfahrungen

von Christine Schmitt  06.10.2026

Porträt der Woche

»Ich bin einfach ich«

Persia Kantorovych hat eine jüdische Mutter und einen muslimischen Vater

von Annette Kanis  06.10.2026

Lesen

Die geblieben sind

Hanna Veiler beschreibt in »Jung, jüdisch, wütend« die Erfahrungen junger Jüdinnen und Juden mit Einsamkeit, Enttäuschung und Solidarität nach dem 7. Oktober. Ein Auszug

von Hanna Veiler  06.10.2026

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Shelly Meyer

Kommentar

Wer tatsächlich vom »Judenfetisch« profitiert

150 Juden in Berlin haben mit einem Offenen Brief die Linkspartei unterstützt - das sind etwa 0,4 Prozent der Berliner jüdischen Stimmen. Doch sie könnten für die breite Öffentlichkeit kaum wertvoller sein

von Shelly Meyer  04.10.2026

Wuppertal

Am helllichten Tag

Nach dem Brandanschlag auf die Synagoge geht das Gemeindeleben in der nordrhein-westfälischen Stadt weiter. Aber was bedeutet diese Normalität?

von Helmut Kuhn  01.10.2026

Rostock

Zunehmend sprachlos

Die Gemeinde hatte Schlimmeres befürchtet, doch Sorgen bleiben auch nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern

 01.10.2026

Wiedervereinigung

Zeit der Blüte

Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei. Für jüdische Gemeinden in Ost und West war dies ein neuer Anfang, für manche auch die Rettung. Drei Gemeindemitglieder erzählen, wie sie diese Zeit erlebten

von Christine Schmitt  01.10.2026