Porträt der Woche

»Berlin hat mich verändert«

»In den vergangenen Jahren habe ich mich viel mit der Verbindung zwischen Kunst und Leben auseinandergesetzt«: Dan Allon Foto: Omer Faragi

Porträt der Woche

»Berlin hat mich verändert«

Dan Allon ist Künstler und beschäftigt sich mit seiner Familiengeschichte

von Jérôme Lombard  05.12.2021 09:28 Uhr

Als ich im Jahr 2007 zum ersten Mal als Tourist für ein paar Tage nach Berlin gekommen bin, war mir sofort klar: Dieser Ort hat eine besondere Energie. Die Straßen, die Lichter, die Gebäude, die Menschen – alles hatte diesen einzigartigen Charakter, der mich bis heute fasziniert. Bis zu meiner Entscheidung gut acht Jahre später, mich dauerhaft in Berlin niederzulassen, war es damals aber noch ein sehr weiter Weg.

Ich bin 1982 in Tel Aviv in Israel geboren. Kunst, vor allem zeitgenössische Ausdrucksformen, beschäftigen mich schon mein ganzes Leben. Daher war es naheliegend für mich, nach der Schule Kunst zu studieren. 2014 habe ich mein Postgraduate-Diplom im Fachbereich Visual Arts am Beit Berl College in Kfar Saba abgeschlossen.

Ein Jahr später bin ich nach Berlin gekommen. In der Zwischenzeit hatte ich alles für meinen Umzug nach Deutschland in die Wege geleitet. Das war gar nicht einfach, viele bürokratische Hürden mussten genommen werden. Denn auch wenn meine Familie mütterlicherseits deutschen Ursprungs ist – mein Opa stammte aus Leipzig –, besitze ich keinen deutschen Pass. Der hätte das Ganze sicherlich einfacher gemacht. Über ein »Artist in Residence«-Programm für junge Künstler bin ich dann aber so nach Berlin gekommen.

Hier zu leben und zu arbeiten, bedeutet auch, mich den Schatten der Vergangenheit zu stellen.

Hier zu leben und zu arbeiten, bedeutet für mich immer auch, mich den Schatten der eigenen Vergangenheit zu stellen – und das sowohl privat als auch beruflich. Mein Großvater mütterlicherseits konnte 1935 aus Deutschland vor den Nazis in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina emigrieren. Sechs seiner insgesamt sieben Geschwister konnten sich ebenfalls durch Flucht aus Deutschland vor der Schoa retten, unter anderem dank der Kindertransporte nach Großbritannien. Meine Urgroßeltern sowie eines der Geschwister meines Großvaters wurden ermordet.

Vor der letzten Wohnadresse der Familie in Leipzig haben wir vor ein paar Jahren Stolpersteine verlegt – ein sehr emotionales Ereignis. Das war, glaube ich, das erste Mal, dass meine Mutter in Deutschland war. Meine Entscheidung, nach Berlin zu gehen, hat sie immer unterstützt. Auch mein Vater, dessen Familie sefardische Wurzeln hat, hatte nichts dagegen.

DIVERSITÄT In Berlin habe ich bereits in den Bezirken Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Wedding gewohnt. Die große Diversität der Menschen hier ist eine tolle Erfahrung für mich, die ich aus Tel Aviv so nicht kannte. Zwar ist Israel auch ein Einwandererland, aber die Atmosphäre ist anders, alles ist viel kleiner, beengter, irgendwie reglementierter. Berlin ist weit, bunt und offen.

Der Kontakt mit anderen israelischen und internationalen Künstlern hat mir die Augen für die große, weite Welt geöffnet. Ich glaube nicht, dass ich in Israel so oft die Möglichkeit gehabt hätte, mich mit Kollegen aus Brasilien, Japan oder Syrien auszutauschen. Auch asiatisches Essen, das ich wirklich liebe, gibt es in Israel nicht so häufig und so gut wie in Berlin.

Als Künstler beschäftige ich mich viel mit Narrativen und damit, wie verschiedene Erzählformen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen und ineinander aufgehen. Wie ein Buchautor nutze ich persönliche Geschichten und mische sie mit vorgefertigten Objekten, ich durchlebe dabei Erinnerungen, erfinde Alter Egos und erschaffe Parallelwelten.

Ich glaube nicht, dass ich in Israel so oft die Möglichkeit gehabt hätte, mich mit Kollegen aus Brasilien, Japan oder Syrien auszutauschen.

Mein Ziel ist es, damit Diskussionen anzustoßen über ansonsten nur schwer zugängliche Themen wie Gesundheit, Menschenrechte, Genderfragen, Krieg, Gewalt und Nationalismus. Mit diesem Ansatz kann ich letztlich von überall arbeiten. Aber der Ort, an dem ich lebe und arbeite, hat jeweils einen Einfluss auf mich – vor allem auf die Performances, in denen ich eigene biografische Fragmente und Erinnerungen verarbeite. Insofern kann ich nach nun schon fünf Jahren hier sagen, dass die Stadt mich nachhaltig geprägt und verändert hat.

Durch Berlin und seine Menschen bin ich in der Kunst noch offener geworden. Ich mache heute unterschiedliche Dinge, darunter Videos, Comics, Klang- und Soundinstallationen, aber ebenso Zeichnungen, Graphic Novels und Malerei. Auch an Büchern habe ich schon mitgewirkt.

Ich bediene mich dieser unterschiedlichen Medien, um die Betrachter zu überraschen, Intimität aufzubauen und ihnen dennoch Unbehagen zu bereiten. Obwohl ich denke, dass mein künstlerisches Portfolio durchaus verbindende und sich wiederholende Themen aufgreift, will ich unvorhersehbar und ein bisschen provokativ sein und bleiben, ich will für mich auf keinen Fall eine Art stilistisches »Branding« als Künstler bekommen.

BIOGRAFIE In den vergangenen Jahren habe ich mich viel mit dem Konzept der Biografie und der Verbindung zwischen Kunst und Leben beschäftigt, indem ich mich und mein eigenes Sein quasi als Fallstudie verwendet habe. Mein Ansatz dabei ist es, mich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.

Ich benutze Humor und Selbsthumor, Ironie und Verlegenheit, um die grundlegendsten Wahrnehmungen des Betrachters über die Begegnung von Kunst und Leben herauszufordern. Zum Beispiel verwende ich meine Familie, meinen Dienst in der israelischen Armee oder meine Krankenakten und mache sie zur Grundlage meiner künstlerischen Ausdrucksform. Das Ganze vermische ich dann mit fiktiven Details und schaffe ein neues, nachgebautes Kunstwerk.

Ein Stück, an dem ich in Berlin gearbeitet habe und an dem ich aktuell auch noch weiterarbeite, ist die Live-Art-Installation »Ghost and Golem«. In der Reihe nutze ich die Figur des Golems, des teils guten, teils furchterregenden mystisch-jüdischen Monsters aus Ton, als Symbol für die Wiederauferstehung zusammen mit der Vorstellung von Geistern, die für die Toten der Vergangenheit stehen.

DIBBUK In dem bereits fertigen Kapitel eins geht es darum, Konzepte von Biografie und Familienethos zu rekonstruieren und sie zu einem fabrizierten Archiv kollektiver Geschichten zu vereinen. Die Installation soll wie ein Archiv funktionieren und besteht aus drei parallelen Geschichten: Meine Großmutter Mazal verliebt sich in den spanischen Diktator Franco. Mein Großvater Max entkommt den Nationalsozialisten mithilfe der deutschen Sportlerin Ilse Thouret.

Der dritte Erzählstrang handelt von einem Dibbuk, einem bösartigen jüdischen Geist, beginnt während der Schoa in Europa und endet schließlich weit entfernt in Australien.

Generell mache ich die Sachen so, wie sie kommen oder sich ergeben. Ich bin da ganz undogmatisch.

Die Corona-Pandemie mit ihren Lockdowns des öffentlichen Lebens war für mich eine schwierige Phase. Nicht in Museen und Galerien gehen zu können, war hart. Ich saß in Berlin in meiner WG praktisch nur zu Hause herum. Das war eine einsame, sehr nachdenkliche Zeit für mich. Im Sommer des vergangenen Jahres bin ich dann kurz entschlossen nach Israel geflogen. Ich wollte in dieser Situation der Unsicherheit näher bei meiner Familie sein.

Neben meinen Eltern, die in Tel Aviv wohnen, leben auch meine beiden Geschwister in Israel. Aktuell bin ich in Tel Aviv. Mit meinen Freunden und Kollegen in Berlin bin ich im Austausch, über die modernen Kommunikationskanäle kann ich auch einige Arbeiten für Auftraggeber in Deutschland erledigen. Ich will auf jeden Fall dorthin zurück. Ohne Corona wäre ich gar nicht weggegangen.

TRADITION Ich fühle mich israelisch und jüdisch, definiere mich aber nicht allzu sehr darüber. In Berlin war ich bisher praktisch noch nie in einer richtigen Synagoge. Früher in Israel bin ich manchmal an den Hohen Feiertagen gegangen, aber mehr aus familiärer Tradition heraus als aus eigenem Antrieb.

In Deutschland fühle ich mich freier in dem Sinne, dass ich diesem sozialen Druck entkommen kann. Jüdische Freunde haben mich zwar schon zu Schabbatfeiern und anderen Events eingeladen, aber das war immer privat. Und wenn ich keine Lust hatte, bin ich nicht hingegangen.

Generell mache ich die Sachen so, wie sie kommen oder sich ergeben. Ich bin da ganz undogmatisch. In Berlin hatte ich schon zwei längere und auch seriöse Beziehungen. Beide Partnerinnen waren nicht jüdisch. Auf der einen Seite würde eine jüdische Freundin manche Dinge vielleicht einfacher machen, auf der anderen Seite ist mir das aber gar nicht besonders wichtig.

Ich habe nichts gegen die Religion, aber ich mache mir einfach nicht allzu viel daraus. Und übrigens auch nicht aus langen Klubnächten mit Techno, für die Berlin ja weltweit bekannt ist wie kein zweiter Ort. Bisher war ich noch nie im Berghain und Co. Mal schauen, ob das nochmal etwas wird in diesem Leben. Man soll ja bekanntlich niemals nie sagen.

Aufgezeichnet von Jérôme Lombard

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