Dialog

Begegnungen in Sarajevo

Miteinander reden war das wichtigste bei der muslimisch-jüdischen Konferenz. Foto: Andreas Danzer

Sarajevo ist auch heute noch eine geschundene Stadt. Prachtvolle Fassaden wechseln sich ab mit angefressenen Wänden voller Einschusslöcher aus dem Bosnienkrieg Anfang der 90er-Jahre. Drei junge Deutsche durchstreifen die Stadt. Sie nahmen an der Muslim Jewish Conference (MJC) teil, zu der sich Anfang August rund 120 junge Leute aus 40 Ländern trafen.

Seit acht Jahren macht sich die Konferenz zur Aufgabe, gegenseitige Ängste und Unsicherheiten von Juden und Muslimen im Umgang miteinander aufzuspüren, zu erkennen und ihnen zu begegnen. »Diese Gefühle haben ihre Daseinsberechtigung und sind legitim«, sagen die deutschen Vertreter Laura Cazés, Daniela Oberstein und Arthur Poliakow. Laura Cazés leitet den Deutsch-Israelischen Freiwilligendienst der ZWST und ist in der European Union of Jewish Students aktiv. Daniela Oberstein engagierte sich lange in der Jugendarbeit der ZWST und arbeitet im Brüsseler EU-Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung. Arthur Poliakow ist Vorstandsmitglied der Jüdischen Studierendenunion Deutschland.

Idee Die Grundidee der Konferenz sei simpel, erklären sie: Die Organisation wählt eine Gruppe jüdischer und muslimischer Menschen (von säkular bis religiös, die sich in ihren lokalen Umfeldern engagieren) aus 40 verschiedenen Ländern aus, die sich einmal im Jahr treffen.

Die Konferenz lebt von der Begegnung. Es gebe Juden, die vielleicht schon einmal einen Muslim getroffen haben, »aber noch nie wirklich mit einem gemeinsam gelacht haben«. Und es gibt Muslime, die vielleicht schon einmal mit Juden gechattet, ihnen aber noch nie die Hand gegeben haben, sagen Laura, Daniela und Arthur. »Wir alle haben diesen Austausch gesucht und erwischen uns gleichzeitig dabei, wie die Schubladen in unseren Köpfen wieder offen stehen«, sagen sie.

Man müsse »die eigene Komfortzone verlassen und sich immer wieder darüber klar werden, wie sehr jegliche sachliche Diskussion durch die eigene emotionale Befangenheit beeinflusst ist, und ja – auch durch die eigene Ignoranz«. Und dennoch sei die Konferenz »ein Angelpunkt junger Aktivisten, die mutig, naiv und offen genug sind, sich für eine Woche an einen Tisch zu setzen, sich gegenseitig zuzuhören, aber auch Ängste zu teilen und sich darauf zu einigen, nicht in jeder Sache auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.«

Fragen Und dabei kommen Themen wie der Nahostkonflikt, Antisemitismus und Islamophobie zur Sprache, Internes und Privates. »Wo stehen Israelis, wenn wir über Juden sprechen, und wie erklären wir, wo wir die Grenze zwischen Diasporajudentum und dem Staat Israel ziehen? Wie viel wissen wir über die Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten, wie viel wissen sie selbst?«, fragen die Teilnehmer.

Je mehr die jungen Leute von der Diversität der anderen sehen dürfen, desto klarer wird ihnen: »Die unerwartete Nähe und das Verständnis verbinden uns, die erfahrenen Unterschiede bereichern uns. Gleichzeitig erfahren wir eine völlig neue Verbundenheit zu unseren eigenen Traditionen, während wir wertschätzen, das Andere so nah an unserer Seite zu haben.«

Ein junger ägyptischer Aktivist schrieb nach der Konferenz auf seiner Facebook-Seite: »Du kannst eine nicht-weiße, Hijab (Kopftuch) tragende Frau sein und eine Podiumsdiskussion vor Menschen aus der ganzen Welt leiten. Du kannst jüdisch sein und dich wie ein kleines Kind auf dein erstes Freitagsgebet in der Moschee freuen.

Israelis und Palästinenser können miteinander sprechen. Homosexuelle haben auch im Westen kein rosiges Leben. Sie werden erniedrigt, verlieren ihre Jobs, werden mit Gewalt konfrontiert. Man kann aus Saudi-Arabien, Pakistan und aus Syrien kommen und den größten Spaß daran haben, spontan jüdische Volkstänze auf den Straßen Sarajevos zu tanzen.«

Fazit So wie die jüdischen Teilnehmer feststellten: »Die Möglichkeit, hinter ein Kopftuch zu sehen, löste eben nicht die typische Pro-Kontra-Diskussion aus. Sie führte uns die Konfrontationen unseres eigenen Alltags vor Augen: Die Willkür des Antisemitismus entscheidet sich nicht daran, ob wir etwas auf unserem Kopf oder um unseren Hals tragen. Und sie verschwindet auch nicht, wenn wir uns unsichtbar machen.« Ihr Fazit: Auch die jüdischen und muslimischen Teilnehmer aus Deutschland mussten erst nach Sarajevo fahren, um sich zu begegnen. Es bleibt noch viel Arbeit.

Politisch sorgte die Muslimisch-Jüdische Konferenz offenbar für Aufsehen. Denn sie wurden von Bosnien-Herzegowinas Präsident Bakir Izetbegovic, dem Großmufti Husein Kavazovic sowie dem Präsidenten der Jüdischen Gemeinde, Jakob Finci, feierlich eröffnet. ja

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