Miqua

Bauen in der Ewigkeit

Die Eröffnung der archäologischen Zone mit Jüdischem Museum ist nicht vor 2024 möglich. Foto: Jörn Neumann

»Entdecken Sie die Stadt unter der Stadt« – so lädt ein Schriftzug in großen Lettern auf dem Baustellenzaun die Passanten dazu ein, sich mit dem dahinter liegenden Areal im Herzen von Köln vertraut zu machen. »Braucht man Internet, um ein Influencer zu sein?«, fragt an einer anderen Stelle des Zauns der jüdische Gelehrte Ascher ben Jechiel.

»Unsere Zukunft baut auf die Vergangenheit«, heißt es einige Meter weiter über das kulturhistorisch wie städtebaulich ambitionierte Projekt, das einen breiten historischen Kontext beansprucht: »Von wegen neu hier. Wir sind schon seit 2000 Jahren da.«

Die Architekturfunde und Relikte aus römischer Zeit machen den Bereich rund um den Rathausplatz so einzigartig.

Mit der »Stadt unter der Stadt« ist jener Bereich auf und unter dem Kölner Rathausplatz gemeint. Hier lebten seit zwei Jahrtausenden Menschen, die miteinander gehandelt, gearbeitet, aber auch gegeneinander gekämpft und einander ausgegrenzt haben.

Neben den Architekturfunden und Relikten aus römischer Zeit – insbesondere das Praetorium, der Sitz des römischen Statthalters – sind es die Bauten und Funde aus dem im Mittelalter hier beheimateten jüdischen Viertel, die das Quartier zu einem der bedeutendsten archäologischen Orte in Köln und im Rheinland machen.

PRAETORIUM Das erkannte die Rheinmetropole bereits in den 50er-Jahren. »Seit den damaligen Ausgrabungen wissen wir um die sensationellen Befunde des Praetoriums, des mittelalterlichen jüdischen Viertels und des christlichen Handwerkerviertels«, erzählt Christiane Twiehaus, Abteilungsleiterin für Jüdische Geschichte beim Landschaftsverband Rheinland (LVR). Der möchte das »MiQua – LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln« betreiben.

Wie dieses Haus aus oberirdischem Neubau und unterirdisch begehbarer archäologischer Fundebene mit Resten der Mikwe und der mittelalterlichen Synagoge ab Mitte nächsten Jahres aussehen soll, zeigen Animationen auf dem umgebenden Bauzaun. Eigentlich. Zwar steht neben der computeranimierten Ansicht des hallenartigen, lichtdurchfluteten Gebäudes »Bauzeit und Inbetriebnahme: 2015 bis Juni 2021«. Doch die Planungen haben einen herben Dämpfer erhalten.

Schon vor den Einschränkungen durch die Pandemie war klar, dass das Museum nicht vor 2024 fertiggestellt sein wird.

Noch vor den coronabedingten Einschränkungen teilte die Stadt Köln als Bauherrin durch ihren Baudezernenten mit, dass das Museum frühestens im Jahr 2024 baulich fertiggestellt sein wird. Damit nicht genug: Die veranschlagten Kosten von 77 Millionen Euro klettern auf 95 Millionen Euro.

Zur Erinnerung: Die im Jahr 2008 mit einem Architektenwettbewerb aufgenommene Planung sowie die im Jahr 2010 vom Stadtrat beschlossene Realisierung eines Jüdischen Museums gingen von einer Inbetriebnahme im Jahr 2015 und einem Kostenrahmen von 45 Millionen Euro aus.

MEHRKOSTEN Für die neuerliche Kostensteigerung sowie Verschiebung des Eröffnungstermins führt die Stadt mehrere Gründe an: Blindgänger im Baugrund, die Sicherung von archäologischen Funden, Schäden am Fundament des benachbarten Rathauses. Diese Verzögerungen führten dazu, dass sich Baufirmen nicht mehr an ihre Verträge gebunden sahen; ein Unternehmen ging insolvent.

Gewerke müssen neu ausgeschrieben und die Ergebnisse der Submission abgewartet werden, das kostet Zeit.

Sieben Gewerke müssen nun neu ausgeschrieben werden, und bis die Ergebnisse der Submission vorliegen, vergeht wiederum viel Zeit. Hoffnung macht, dass sich die Stadt mit der Stahlbaufirma einigen konnte und die Montage ab Mitte des Jahres fortgesetzt werden kann. Das Gewerk Stahlbau sei eines der Schlüsselhandwerke, heißt es aus dem Bauamt.

GEWERKE »Wir verfolgen natürlich die Prozesse auf der Baustelle und wussten, dass es massive Probleme mit einzelnen Gewerken gibt«, sagt Peter Otten. Im Gespräch macht der leitende Direktor von »MiQua – LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln« deutlich: »In diesem Umfang hat uns die Zeitverzögerung sehr überrascht.« Der aktuell prognostizierte Zeitverzug von vier Jahren, womöglich länger, stellt Otten und sein Team vor eine riesige Herausforderung. »Nun kommt es darauf an, den Spannungsbogen zu erhalten und die Motivation nicht zu verlieren.«

Neben der fortlaufenden Arbeit an der Konzeption der Dauerausstellung für das Museum sowie den Forschungsarbeiten müssten die Jahre bis zur Eröffnung des Hauses inhaltlich geplant und in der Öffentlichkeit sichtbar werden. »Wir müssen uns mit dieser Situation arrangieren«, sagt Peter Otten. »Schließlich ist das Projekt als solches ja nicht infrage gestellt.«

JUBILÄUM Im kommenden Jahr wird nicht nur in Köln, sondern landesweit 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gewürdigt. Aufgrund einer Urkunde des römischen Kaisers Konstantin gilt die Kölner jüdische Gemeinde als die älteste nördlich der Alpen. »In dieses Jubiläumsjahr werden wir uns mit einzelnen Veranstaltungen an verschiedenen Orten im Stadtgebiet sowie im Praetorium einbringen, das uns die Stadt zur Verfügung stellt«, sagt der Archäologe.

Für 2022 ist eine Kooperation mit dem Römisch-Germanischen Museum vorgesehen.

Auch für das Jahr 2022 laufen die Planungen bereits auf Hochtouren. Dann soll es in Kooperation mit dem Römisch-Germanischen Museum im »Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt« eine große archäologische Landesausstellung geben. Darüber hinaus plant der Museumsdirektor auch für die Jahre 2023 und 2024 jeweils ein zentrales Ausstellungsprojekt.

ERÖFFNUNG Danach kann dann, so die Hoffnung aller Beteiligten, das »MiQua – LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln« der Öffentlichkeit übergeben werden als »ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Kulturprojekt«. So bezeichnen Peter Otten und seine Kollegin Christiane Twiehaus in ihrem 2018 aktualisierten Museumskonzept unter der Überschrift »Eine Begegnung mit zwei Jahrtausenden« ihre Arbeit.

Im vergangenen Jahr konnte die interessierte Öffentlichkeit im nahe gelegenen Wallraf-Richartz-Museum bereits einen Blick auf eines der herausragenden Exponate der Dauerausstellung werfen: den aus der Kölner Gemeinde stammenden Amsterdam Machsor, ein liturgisches Buch aus dem 13. Jahrhundert, zugleich die früheste illuminierte Handschrift des Mittelalters.

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