Stuttgart

Auszeichnung mit einem guten Namen

Preis der IRGW und des Landes: Vorstandsmitglieder Michael Kashi und Barbara Traub (v.l.) überreichen gemeinsam mit Landtagspräsident Wilfried Klenk (r.) den Preis an die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane. Foto: IRGW/Werner Meier

Sein Name steht für einen schändlichen Justizmord im 18. Jahrhundert: Joseph Ben Issachar Süßkind Oppenheimer, der als Hoffaktor dem württembergischen Herzog Carl Alexander diente und nach dessen Tod am 4. Februar 1738 in Stuttgart gehenkt wurde – ein Opfer antisemitischen Wütens im pietistischen Württemberg. 252 Jahre später war es rechtsradikaler Fremdenhass, der das Leben von Amadeu Antonio auslöschte: Jugendliche prügelten ihn 1990 in Eberswalde wegen seiner schwarzen Hautfarbe zu Tode.

Diese beiden Namen und eine Première bestimmten den Neujahrsempfang der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) im Alten Schauspielhaus von Stuttgart: Erstmals wurde am 21. September die Joseph‐Ben‐Issachar‐Süßkind‐Oppenheimer‐Auszeichnung verliehen. Die Amadeu Antonio Stiftung, die 1998 gegründet wurde und sich seither als »beherzte Kämpferin gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus entschieden für Minderheiten einsetzt«, wie Landtagspräsident Wilfried Klenk erklärte, erhielt sie.

engagement Der Landtag von Baden‐Württemberg und die IRGW haben diesen Preis ins Leben gerufen, um herausragendes Engagement gegen Minderheitenfeindlichkeit und Vorurteile in Wissenschaft und Publizistik zu würdigen. Die Verleihung, so Klenk, sei auch Ansporn und Aufbruch, sich der moralischen und ethischen Verantwortung zu besinnen. Denn längst sei rechtsradikale Fremdenfeindlichkeit nicht mehr allein im Osten der Republik zu finden, auch in Württemberg brennen Flüchtlingsunterkünfte. Zum Glück gebe es daneben beeindruckende Zeugnisse der Menschlichkeit. Aber alle seien gefordert, für Rechtsstaatlichkeit und Toleranz einzutreten.

»Wir brauchen den Aufschrei der Aufrechten, der in der NS‐Zeit gefehlt hat«, appellierte die IRGW‐Vorstandssprecherin Barbara Traub und verkündete gleichzeitig, dass die IRGW die Flüchtlingsarbeit ausweiten und sich in der Betreuung einer Einrichtung engagieren werde. »Als jüdische Minderheit tragen wir Verantwortung«, betonte Traub.

»Sie müssen sich oft unbeliebt machen: Politiker mögen sie manchmal nicht, weil sie Versäumnisse offen benennen. Bürger mögen sie manchmal nicht, weil sie lieber die Augen verschließen und ihre Ruhe haben wollen. Neo‐Nazis und Rechtsextremisten hassen Initiativen wie die Amadeu Antonio Stiftung«, würdigte der Vize‐Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, das Wirken der Amadeu Antonio Stiftung.

Zivilgesellschaft »Deshalb brauchen Sie den Rückhalt der Zivilgesellschaft, der Demokraten in diesem Land. Damit Sie weiterhin den Finger in die Wunde legen können und Opfern rechter Gewalt helfen können. Damit Sie darauf pfeifen können, ob Sie nun gerade beliebt sind oder nicht«, ergänzte Lehrer und nahm zu der Flüchtlingsproblematik Stellung.

Die zunehmende Zahl von Flüchtlingen aus dem muslimischen Raum habe für die jüdischen Gemeinden in Deutschland auch eine bedrohliche Seite. »Die Sicherheitslage wird fragiler«, sagte Lehrer. Jüdische Gemeinden würden durch zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen finanziell belastet, und für die Polizei werde der Schutz jüdischer Einrichtungen angesichts ihrer zunehmenden Aufgaben bei der Flüchtlingsaufnahme schwieriger.

Lehrer wies darauf hin, dass viele Asylbewerber aus Regionen stammten, in denen Kinder zum »Hass gegen Israel« erzogen würden. Außerdem müsse man Befürchtungen ernst nehmen, dass die Terrororganisation »Islamischer Staat« derzeit als Flüchtlinge getarnte Kämpfer ins Land schleuse.

Flüchtlinge Trotz ihrer Bedenken wünschten sich die Juden in Deutschland keineswegs die Schließung von Grenzen, betonte der Zentralrats‐Vizepräsident. »Zur Aufnahme von Flüchtlingen gibt es keine Alternative.« Die eigentliche Aufgabe der Zukunft werde es sein, Zugewanderte in die westliche Wertegemeinschaft zu integrieren.

Laudator Salomon Korn, Architekt, Soziologe und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, ging bei der Würdigung der Preisträgerin nochmals auf den Justizmord an Süßkind Oppenheimer ein, den die »Nazis mit dem Film Jud Süß ein zweites Mal schändeten«, wie Klenk sagte. Bis heute markiere er eine offene Wunde. »Die Weigerung und Ignoranz späterer Juristen, dem Opfer Gerechtigkeit zukommen zu lassen, ist ein Skandal«, sagte Korn. Nun erhalte Süßkind Oppenheimer seinen guten Namen wieder. Doch auch dieses Jahr 5776 nach jüdischer Zeitrechnung wird uns vor weitere schwere Herausforderungen stellen.«

Korn dankte Anetta Kahane, der Stiftungsvorsitzenden und ehemaligen Ausländerbeauftragten von Berlin, für ihre »unverzichtbare Arbeit«. »Diese Arbeit wird nicht enden«, prophezeite Kahane und mahnte, dass »eine liberale und demokratische Gesellschaft immer Arbeit erfordert«. Der Preis ist nicht dotiert und soll alle zwei Jahre an Einzelpersonen oder Gruppen verliehen werden.

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