Neuss

Auf gute Zusammenarbeit

Bürgermeister Reiner Breuer (SPD) setzt sich für das jüdische Gemeindezentrum Neuss ein. Foto: Zlatan Alihodczic

Das jüdische Neuss kann optimistisch in die Zukunft schauen. Beim Kiddusch nach dem Schabbatgottesdienst gab es im Alexander-Bederov-Zentrum Grund zum Feiern. Am 29. Juni hatte der Rat der Stadt mit absoluter Mehrheit beschlossen, die jüdische Gemeinde künftig finanziell kräftig zu unterstützen.

Bürgermeister Reiner Breuer (SPD) betont: »Mit dem vom Stadtrat mit großer Mehrheit beschlossenem Vertrag setzt dieser ein deutliches Zeichen für den Ausbau der guten Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde in Neuss und zugleich gegen Antisemitismus.«

Der Freude über die finanziellen Zuschüsse aus dem Stadtsäckel tat es – weder bei der Stadtverwaltung noch bei der jüdischen Gemeinde – auch keinen Abbruch, dass drei Stadtratsmitglieder ihre Zustimmung zu dem Vertrag verweigerten.

Der parteilose Abgeordnete türkischer Herkunft Deniz Davarci votierte dagegen, weil dies eine »einseitige Unterstützung« sei. Die islamische Gemeinde von Neuss werde im Gegensatz zur jüdischen eben nicht von der Stadt finanziell gefördert. Er würde generell Geldzuwendungen aus dem Stadtetat begrüßen, sagt er der Jüdischen Allgemeinen, allerdings unter der Bedingung, dass alle Religionsgemeinschaften von der Stadt bezuschusst werden.

Auch die beiden Abgeordneten der Alternative für Deutschland (AfD) wollen für das jüdische Gemeindezentrum keinen städtischen Euro ausgeben, weil – so ihre Begründung – damit gegen das »Neutralitätsgebot des Staates und den Gleichbehandlungsgrundsatz« verstoßen werde. Schriftlich teilte der AfD-Politiker Dirk Kranefuß der Jüdischen Allgemeinen mit: »Wir halten den Vertrag (…) für eine einseitige Bevorzugung der jüdischen Kirche. Mit demselben Recht könnten die Zeugen Jehovas Unterstützung fordern. Auch sie wurden im Dritten Reich verfolgt und umgebracht. Und was ist mit den 23.000 Muslimen in Neuss?«

Kulturerbe
Noch in diesem Monat soll der in allen Details ausgearbeitete Vertrag zur »Förderung des jüdisch-kulturellen Lebens der jüdischen Gemeinde« sowie der »Weiterentwicklung des deutsch-jüdischen Kulturerbes« zwischen der Stadt Neuss und der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf unterzeichnet werden. Das linksrheinisch gelegene Neusser Gemeindezentrum und ihre Mitglieder gehören zur jüdischen Gemeinde in der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens mit insgesamt mehr als 6000 Mitgliedern. Neben Neuss hat sie noch Dependancen in Leverkusen und Ratingen, wo je etwa 180 Personen vor Ort ein kleines Gemeindezentrum, das in einer ehemaligen Wohnung errichtet wurde, nutzen können.

»Der Vertrag ist ein Meilenstein und die Basis, die bestehenden guten Beziehungen auszubauen und auf die Zukunft auszurichten«, sagte der Bürgermeister von Neuss der Jüdischen Allgemeinen. Damit werde die bereits von seinem Vorgänger Herbert Napp (CDU) angeschobene »Stadtreparatur der besonderen Art« weiter vollendet. Mittelfristig werde man sich auch um einen neuen jüdischen Friedhof kümmern, da die alten bereits stark belegt seien.

Sanierung Zufrieden äußert sich auch Michael Szentei-Heise. »Die städtische Unterstützung hilft uns, das Angebot des Gemeindezentrums weiter ausbauen zu können«, unterstreicht der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Über zwei Haushaltsjahre hinweg wird Düsseldorf jeweils 750.000 Euro erhalten. Mithilfe der finanziellen Unterstützung soll das in der Leostraße im Stadtteil Neusserfurth gelegene gemeindeeigene Alexander-Bederov-Zentrum saniert und weiter ausgebaut werden.

Zusätzlich erhält die Gemeinde aus dem Stadtetat jährlich einen Festbetragszuschuss für die Verbesserung der Sicherheit und die Deckung der laufenden Betriebskosten in Höhe von 95.000 Euro. Ebenso hat die Stadt zugesagt, in absehbarer Zukunft eine Städtepartnerschaft mit einer israelischen Stadt einzugehen.
»Wir können das Angebot für unsere Gemeindemitglieder in Neuss und Umgebung ausweiten«, erläutert der Gemeindegeschäftsführer. In einem Teil der Räume im ehemaligen katholischen Kindergarten, der seit knapp 15 Jahren von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf als regionales Gemeindezentrum genutzt wird, soll auch eine Synagoge eingerichtet werden.

Benannt ist das jüdische Zentrum in Neuss nach dem verstorbenen Zuwanderer der ersten Stunde Alexander Bederov. Der 1935 in Charkow geborene Flugzeugingenieur kam als jüdischer Kontingentflüchtling in den frühen 90er-Jahren an den Rhein und widmete sein weiteres Leben in Neuss der Integration der zumeist russischsprachigen neuen Gemeindemitglieder, erzählt Bert Römgens. Der Leiter des Elternhauses der jüdischen Gemeinde, des Nelly-Sachs-Hauses, hat eine besondere Beziehung zu Neuss: Er ist hier aufgewachsen. Zwei Jahre nach dem Tod Bederovs 2012 wurde das Neusser Gemeindezentrum nach ihm benannt.

Schoa Vor der Schoa lebten einige Hundert Juden in Neuss, von 204 jüdischen Neussern, die während der Zeit des Nationalsozialismus verschleppt und ermordet wurden, sind die Namen bekannt. Heute wohnen in der kreisfreien Stadt und in der näheren Umgebung rund 570 Gemeindemitglieder. »Für sie sind die Räumlichkeiten religiöses, soziales und kulturelles Zentrum«, berichtet Szentei-Heise. Mehrmals in der Woche werden die Kinder der Gemeinde im eigenen Kindergarten von Freiwilligen betreut.

In Zukunft wird sich dies noch verbessern, betont Szentei-Heise. Nach Jahren der Stagnation beim Zuzug verzeichnet die Düsseldorfer Gemeinde wieder wachsende Mitgliederzahlen. Mehrere Dutzend Zuwanderer sind vor allem aus den Kriegsgebieten der Ost-Ukraine an den Rhein gekommen. »Die Mehrheit wurde Mitglied in der Gemeinde, weil wir sie intensiv sozial betreuen und ein breites kulturelles und religiöses Angebot im Alexander-Bederov-Zentrum bieten.«

»Damit wird Neuss als Wohnort weiter attraktiv«, sagt der Verwaltungschef. Hinzu könne eine Entwicklung kommen, die bereits in anderen Städten beobachtet wurde: »Vom Bau einer Synagoge geht eine Magnetwirkung aus.« Sie habe den Zuzug weiterer jüdischer Gemeindemitglieder zur Folge.

Michael Szentei-Heise hat bereits Zukunftsvisionen für die Neusser Glaubensgemeinschaft. Nicht nur würde sich der Neubau einer Synagoge im Stadtzentrum lohnen, wo vor der Schoa ein großes jüdisches Bethaus stand. Die Gemeinde, heute Dependance von Düsseldorf, könnte dann auch »in die Selbständigkeit entlassen werden«, sagte Szentei-Heise.

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