Zoo Berlin

Auf Druck von außen

Schau im Antilopenhaus zur Zoo-Geschichte Foto: Jerome Lombard

Die Zwergantilopen schauen zu: Seit Ende 2016 widmet sich der Berliner Zoo seiner 172 Jahre umfassenden Geschichte mit einer Dauerausstellung. Die Schau mit dem Titel Berliner Zoogeschichten – In Zeiten von Monarchie, Diktatur und Demokratie ist im Foyer des 1872 im siamesischen Stil erbauten Antilopenhauses zu sehen und behandelt die lange und komplexe Geschichte des neuntältesten Zoos der Welt von seiner Eröffnung 1844 bis zur Gegenwart.

Beleuchtete Tafeln informieren die Besucher anhand von Originaldokumenten über die Vorgeschichte der Zoogründung und Veränderungen im Lauf der Jahre. Auch häufig gestellte Fragen werden beantwortet. Ein Klassiker unter den Besucherfragen lautet: Wie kommen eigentlich die Tiere in den Zoo? Das ist der nette Teil der Ausstellung.

aufarbeitung Der Schwerpunkt der Schau liegt jedoch auf dem dunkelsten Kapitel der langen Zoogeschichte: der willfährigen Kollaboration des Direktoriums mit den Nationalsozialisten. »Es ist Anlass der Ausstellung, zu zeigen, dass Zooaufsichtsrat und Vorstand sich ab 1933 willentlich und energisch und über das vom NS‐Régime geforderte Maß hinaus diesem angedient haben«, sagt Clemens Maier‐Wolthausen. Der Historiker hat sich im Auftrag von Direktor Andreas Knieriem durch das umfangreiche Zooarchiv gewühlt und die Ausstellung kuratiert. Sein Auftrag lautete kurz und knapp: Aufarbeitung der Geschichte der Institution Zoo Berlin.

Denn genau das war lange Zeit nicht der Fall. Der öffentliche Druck, sich doch endlich umfangreich mit der eigenen braunen Vergangenheit auseinanderzusetzen, hatte in den vergangenen Jahren zugenommen. Insbesondere die Frage nach der Verantwortung für Ankäufe von Wertpapieren ehemaliger jüdischer Zoo‐Aktionäre unter Marktwert, die sich der Zoo selbst in der Nachkriegszeit nie gestellt hatte, wurde von den Nachkommen früherer jüdischer Aktionäre, Kampagnen wie »Make Zoo Pay« und Medienberichten immer wieder aufgegriffen.

Die Zoo‐Leitung wollte jetzt reagieren. Deswegen stehe das Kapitel »Zoo im Nationalsozialismus« auch im Zentrum – freilich ohne das alleinige Thema der Ausstellung zu sein, erläutert Maier‐Wolthausen. »Von Anfang an habe ich mich dafür ausgesprochen, in der Ausstellung die gesamte Zoogeschichte zu thematisieren und die Perspektive nicht auf die Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft zu verengen«, sagt der Historiker.

zoodirektor Eine Institutionengeschichte könne man nur über einen längeren Zeitraum hinweg erzählen. Zudem müsse man bedenken, dass die Besucher nicht wegen einer Geschichtsausstellung in den Zoo kämen, sondern »weil sie Tiere sehen wollen«. Mit dem gewählten Konzept einer historischen Gesamtschau bestehe die »Hoffnung, dass sich mehr Besucher für einen Abstecher in den Ausstellungsraum im Antilopenhaus entscheiden und die wichtigen Informationen mitnehmen«, so der Kurator.

Dazu zählt etwa die glühende NS‐Anhängerschaft des von 1932 bis 1945 amtierenden Zoodirektors Lutz Heck, eines engen Vertrauten Hermann Görings. Er versuchte, die rassistische Nazi‐Ideologie auf die Tierwelt zu übertragen und verwirklichte 1935 auf einem eigens dafür abgetrennten Erweiterungsgrundstück den »Deutschen Zoo« mit ausschließlich »einheimischen« Tieren.

Die Ausstellung thematisiert auch, wie der Zoo die Zwangslage jüdischer Aktionäre ausnutzte. So erfährt der Besucher, dass das Direktorium unter Heck den seit 1933 im Deutschen Reich in Gang befindlichen Verdrängungsprozess von Juden aus der Gesellschaft bewusst beschleunigen wollte. Die von Juden gehaltenen Aktien sollten an nichtjüdische Käufer überführt werden. Sie wurden häufig weit unter Marktwert verscherbelt. Nach dem Zusammenbruch des NS‐Regimes waren Zooaktien Teil von Restitutionsverfahren. Beklagte waren in diesen Prozessen die nichtjüdischen Käufer, nicht der Zoo als Aktiengesellschaft. Rund ein Drittel der gut 400 Zooaktien waren im Besitz jüdischer Aktionäre.

studie »Wie praktisch überall kam der Impuls zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte im Zoo von außen. Das ist schade, und es geschah spät, aber es ist gut, dass es jetzt passiert«, meint Maier‐Wolthausen.

Die Ausstellung versteht sich als Glied einer Kette von Maßnahmen. Seit 2011 erinnert eine Gedenkplakette am Antilopenhaus an die jüdischen Aktionäre. 2016 ist eine Studie über den Umgang der Zooleitung mit ihren jüdischen Aktionären und Aufsichtsratsmitgliedern erschienen.

Im Zusammenhang mit der Ausstellungseröffnung hat der Berliner Zoo zudem das Ludwig‐Armbruster‐Studienprogramm für Doktoranden der Fachbereiche Veterinärmedizin und Geschichte an der FU Berlin und der Hebrew University Jerusalem ins Leben gerufen. 2019 soll ein Jubiläumsband erscheinen – auch er thematisiert die NS‐Vergangenheit des Zoos.

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