Jewrovision

Auf der Showtreppe

Ihr Lachen schallt durch den Hausflur. Gut gelaunt gehen Sophie und Garry die Treppe zu dem Büro hoch, in dem sie gleich die Reihenfolge der Auftritte bei der Jewrovision auslosen werden. Die Karten mit den Namen der Jugendzentren liegen in der durchsichtigen Box. Aber bevor es losgeht, hat das Moderatoren-Duo Zeit für ein Gespräch.

»Niemand schafft es, meinen Nachnamen richtig zu schreiben«, sagt Sophie. Moment mal, Garry Fischmann sieht ein Flipchart und fängt an, Sophies Nachnamen zu schreiben: »Rtveliashvilli«. »Wow, gar nicht schlecht, aber ein ›l‹ ist zu viel«, ruft die 22-Jährige aus einer Ecke des großen Raumes. Vergeblich versucht Garry, das überflüssige »l« mit seinem Finger wegzuwischen.

APP Vor ein paar Wochen hatte Marat Schlafstein, Mitarbeiter des Zentralrats der Juden in Deutschland, sie angerufen und die beiden gefragt, ob sie die Moderation für die Show am 19. Mai übernehmen würde. »Ohne zu zögern, habe ich zugesagt«, sagt die Studentin. Sie vermutet, dass Marat auf sie aufmerksam wurde, weil sie während der Pandemie in der App des Frankfurter Jugendzentrums Amichai viel moderiert hat. »Wir wollten mit unseren Kindern in Kontakt bleiben und hatten ein eigenes Format entwickelt«, sagt sie.

Bei Garry Fischmann war das etwas anders: »Zweimal wurde ich angefragt und musste absagen, doch nun habe ich Marat mitgeteilt, dass ich gern einmal das Event moderieren würde«, sagt der 31-Jährige. Das hat geklappt. Für den Schauspieler und Comedian wird das eine ganz neue Erfahrung, denn er hat noch nie bei dieser Show auf der Bühne gestanden – gehörte »nur« vergangenes Jahr dem Jurorenteam an.

Jetzt also ein Duo, wie vor Corona, als Ilja Cinciper und Tamar Morali durch den Abend führten. Bei der letzten Jewro, die in Berlin stattfand, moderierte Dan Schwarz aus Gelsenkirchen gekonnt durch die Show. Ilja leitet mittlerweile das Jugendzentrum in Hamburg.

Sophie möchte vor einem Spiegel üben, wie sie am besten performen kann.

»Ich finde es besser, zu zweit das Event zu begleiten, denn da kann jeder viel dynamischer reagieren«, sagt Sophie. Die Texte für die Jewro-Moderation wollen sie gemeinsam schreiben. »Mit möglichst vielen Witzen«, sind sie sich einig. Sophie möchte vor dem Spiegel üben, wie sie am besten performt. »Dafür nehme ich dann eine Haarbürste als Mikro in die Hand«, sagt sie. Garry lächelt und sagt mit einem Augenzwinkern, dass er ihr eher davon abraten würde. »Wenn ich übe, versuche ich, frei zu sein, indem ich aufhöre, mich selbst zu beobachten. Vor dem Spiegel fallen mir eher Pickel als Pointen ein.«

SCHÜLER Er hatte sich – vor seiner Aufnahmeprüfung für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Rostock – etwas anderes überlegt, als vor dem Spiegel zu proben. Da er ein Publikum brauchte, um zu sehen, wie er ankommt, lud er andere Schüler ein, in den Pausen in einen Raum zu kommen. Er wolle ihnen etwas vorspielen. Das klappte so lange, bis eine »strenge Lehrerin« entdeckte, dass die jüngeren Schüler nicht auf dem Schulhof waren.

Aber da er, als sie den Raum betrat, mitten in einem Monolog war, konnte ihn die Lehrerin kaum unterbrechen. »Was sollte sie denn machen? Mich rausschmeißen ging nicht mehr, denn ich hatte mein Abi in der Tasche.« Seine Schwester hatte da schon die Nase voll von seinen Aufführungen, und er brauchte nun einmal eine Bühne. Ursprünglich wollte Garry eigentlich Clown werden, dann aber doch lieber Schauspieler.

Nach längerem Nachdenken wagte er eine Mischung und wurde Comedian. Bei Stand-up-Comedy, womit er auch viel auf Tour ist, müsse man flexibel sein und spontan reagieren. Die große Bühne ist auf jeden Fall sein Wohlfühlort. »Wie viele Zuschauer werden da sein?«, fragt er Sophie. »Mehrere Tausend«, antwortet Sophie. »Wow, vor so vielen Juden habe ich noch nie performt«, meint er. Er erinnert sich nur an eine Barmizwa in Berlin, bei der er durch den Abend begleitete.

MADRICHA Sophie ist damit vertrauter, denn sie hat, solange es von ihrem Alter her ging, für die Jewro auf der Bühne gestanden und getanzt. »Das habe ich geliebt. Fürs Singen war ich nicht geeignet.« Mit neun Jahren war sie zum ersten Mal im Jugendzentrum und ab diesem Zeitpunkt jeden Sonntag im Amichai, wurde Madricha, war oft im Organisationsteam der Jewrovision.

Als der Jugendzentrumsleiter Zvi Bebera in ein Sabbatical ging, arbeitete sie mit der Interimsleiterin Liyel Baron zusammen. »Als Zvi dann zurückkehrte, wurde ich seine rechte Hand.« Während der Pandemie blieb sie hartnäckig dabei, den Kontakt zu den Kids und Jugendlichen zu halten. Und mit ihr und Ilan Baron in den Hauptrollen gewann Amichai den Videowettbewerb zum damaligen Thema »Barmizwa«. Der Clip steht immer noch auf der Homepage des Juze.

Nun studiert sie Modemanagement und absolviert gerade ein Praktikum in Wien in einem großen Modeladen. Zum ersten Mal lebt sie ohne Nähmaschine. »Die passte beim Umzug einfach nicht mehr in mein Auto.« Denn Mode interessiert sie sehr, und sie näht auch gern selbst. Mit dem Studium erfülle sich Sophie einen Traum. »Wien ist zwar wunderschön, aber ich habe dennoch Heimweh nach Frankfurt«, sagt sie.

DISCO »Ich werde bei der Show in ein Kleid schlüpfen und wie eine Discokugel aussehen«, sagt sie. In einem Modegeschäft sei ihr ein wahnsinnig schönes Kleid ins Auge gesprungen – aber leider viel zu teuer für die Studentin. Und Dior habe sich leider nicht als Sponsor angeboten. Da hat sie sich hingesetzt und es nachgenäht. Garry weiß noch nicht, was er anziehen werde, nur dass es elegant sein wird. »Ich kann dir etwas nähen«, sagt Sophie. Er sieht für ein paar Sekunden nachdenklich aus.

»Kennst du eigentlich die Festhalle in Frankfurt?«, will Sophie von ihm wissen. Er verneint. Sie war erst jüngst dort bei einem Konzert. »Eine tolle Location. Wovor ich allerdings ein bisschen Angst habe, ist das Licht«, meint sie. Denn daran, dass man bei seinem Auftritt angestrahlt wird, müsse man sich gewöhnen.

Das Jugendzentrum aus Köln wird als Erstes auftreten.

Damit wird sich Garry aber auskennen. Nach seinem Schauspielstudium in Rostock war er mehrere Jahre am Theater in Münster engagiert. Er ist bekannt als Kriminaloberkommissar Max Nordmann in der Serie SOKO Hamburg. Ebenso ist Garry bei Kleo, einer deutschen Actionthriller-Serie, zu sehen. Bisher kannten sich die beiden nicht. »Kannst du mal spoilern, wie es in der Serie weitergeht?«, fragt Sophie. Aber Garry schweigt natürlich. Geboren wurde er in Dortmund, kam aber als Kind nach Berlin. Er war mehrmals auf Machane und besuchte das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn. Vor vier Monaten wurde er Vater eines Sohnes.

Worauf Sophie bei der Jewro gespannt ist, sind die Auftritte der kleineren Jugendzentren. »Manche schließen sich ja auch zusammen, und das heißt dann für die Sänger und Tänzer, dass sie stundenlang unterwegs sein müssen, um überhaupt gemeinsam proben zu können.« Das beeindrucke sie immer wieder.

AUSLOSUNG Nun heißt es aber: ab zur Auslosung. Die Technik für die Live-Übertragung der Startplatzierung steht. Es kann losgehen. Garry beißt noch kurz in sein Sandwich. »Schluck erst einmal runter«, empfiehlt ihm seine Moderatoren-Partnerin. Dann legt er los: »Zu meiner rechten, meine Co-Partnerin Sophie Rtveliashvili«, meint er hustend. Sie schaut ihn grinsend an. »Ich weiß, mein Nachname ist einfach kompliziert.« Dann reicht sie ihm die Karten. »Mischst du durch?« Er nimmt sie. »Mission impossible – aber das Mischen ist doch möglich.«

Die Show eröffnen wird das Jugendzentrum Jachad aus Köln. »Alaaf«, ruft Garry. Trommelwirbel mit den Fingern gibt es dann für die anderen Jugendzentren. Vorjahresgewinner Amichai wird am Schluss im Rampenlicht stehen. »Wir freuen uns schon sehr, sehr auf die Show«, rufen die Moderatoren vergnügt, bevor sie das Studio verlassen. Es kann also losgehen.

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