Zeitzeuge

Auf der Flucht vor den Nazis

Franz Michalski (r.) bei der Lesung aus seinem Buch Foto: Maria Ugoljew

Das Ehepaar Michalski ist in Berlin fast schon eine Zeitzeugen-Institution. Seit vielen Jahren berichten sie über Franz Michalskis Leben – und Überleben – während der Schoa. Sie besuchen Schulklassen, sind bei Gedenkveranstaltungen dabei und lesen aus Michalskis Buch Als die Gestapo an der Haustür klingelte.

So auch bei einer Veranstaltung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Berlin Ende 2018. Sehr lebendig erzählte das Paar über die Kriegsjahre. Seit Franz Michalskis Schlaganfall übernimmt vor allem seine Frau den aktiven Part, denn er könne selbst nicht mehr so gut reden, sagte der 84-Jährige.

Franz Michalskis Geschichte ist eine bewegte. Seine Mutter Lilli Brann war die Tochter eines jüdischen Textilhändlers, sein Vater, Herbert Michalski, der Sohn eines katholischen Schuhmachers. Als sie 1933 in Breslau heiraten, ahnen sie nicht, dass sie als Familie in »Mischehe« einmal um ihr Leben würden fürchten müssen.

Ein befreundeter Polizist gab Lilli den Tipp zur geplanten Gestapo-Razzia in Görlitz.

Doch eine Vorahnung haben sie bereits, denn Lilli konvertiert zum Katholizismus, als Vorsichtsmaßnahme. Als Franz 1934 auf die Welt kommt, wird er getauft. Einige Jahre führt die Familie ein privilegiertes Leben: Vater Herbert baut in Görlitz eine Handelsvertretung für Medikamente und Kosmetika auf. Das Geschäft läuft gut, auch Lilli arbeitet mit. Deshalb holen die Michalskis ein Kindermädchen ins Haus: die 18-jährige Erna Scharf. Ihr Vater ist überzeugter Kommunist.

Mit der Zeit nehmen die Diskriminierungen zu: 1938 wird Herbert die Vertretung des Kosmetikkonzerns Schwarzkopf in Görlitz entzogen, sein Nachfolger wird ein SS-Mann. Herbert wechselt in die Firmenzentrale nach Berlin und lernt dort Gerda Mez kennen, die sich als Nazigegnerin zu erkennen gibt. Als Franz’ Bruder Peter im November 1940 zur Welt kommt, ist Herbert Wehrmachtssoldat in Paris.

KINDERMÄDCHEN Als er sich weigert, sich von seiner »nichtarischen« Frau scheiden zu lassen, wird er unehrenhaft entlassen – Glück im Unglück, denn kurz darauf wird seine Einheit nach Stalingrad versetzt. Es folgen Jahre relativer Sicherheit, in denen Lilli allerdings zusehen muss, wie ihre Angehörigen nach und nach deportiert werden.

1944 spitzte sich die Lage auch für die Michalskis zu: Vater Herbert taucht unter, um der Zwangsarbeit zu entkommen, Lilli reist mit ihren Söhnen nach Berlin, um sich vor der Gestapo zu verstecken. Zu diesem Zeitpunkt tauchen in Franz Michalskis Leben die Helfer in Erscheinung, Nichtjuden, die die Familie mehrfach vor dem Tod bewahrten.

Ein befreundeter Polizist gibt Lilli den Tipp zur geplanten Gestapo-Razzia in Görlitz; Gerda Mez organisiert die Zugreise von Görlitz nach Berlin und weiter in die Steiermark; die Familie des Kindermädchens Erna Scharf nimmt zeitweise die Brüder Peter und Franz auf, mit Lillis Bitte, sie wie ihre eigenen Söhne zu erziehen.

Franz hielt seine Mutter vom Selbstmord ab.

Es scheint wie ein Abschied für immer, doch glücklicherweise kommt es nicht so weit. Nachdem Lilli und Herbert zwei Monate in Slowenien in bitterster Not verbringen, nehmen sie Gerda Mez’ Angebot an und gehen mit den Kindern nach Tetschen-Bodenbach im heutigen Tschechien, unterwegs überleben sie die Bombardierung Dresdens in einem Bahnhofsbunker.

In Tetschen-Bodenbach kommt die Familie in Gerdas Hotelzimmer unter, das die Firma Schwarzkopf für ihre Angestellten gemietet hat. Auch hier kämpfen die Michalskis um ihr Leben, das für Lilli fast mit einem tragischen Selbstmord geendet hätte. Doch Franz hält seine Mutter davon ab.

KRIEGSENDE Noch heute habe er das Bild seiner Mutter vor Augen, wie sie sich und Peter in der Elbe ertränken wollte – aus Angst, ihr Mann Herbert sei tot, sagt Petra Mi­chalski. Das Kriegsende erlebt die Familie im Hotel in Tetschen-Bodenbach. Ihr Antrag, in der Tschechoslowakei bleiben zu dürfen, wird abgelehnt, mit der Begründung: »Wir wollen keine Deutschen.« So fliehen sie erst nach Görlitz, dann weiter nach Berlin, wo sie schlussendlich bleiben.

Über viele Jahre erzählte Franz Michalski seine Überlebensgeschichte auch gemeinsam mit seinem Bruder Peter. Dessen Tochter war es, die die Brüder dazu angeregt hatte, über ihre Zeit während der Schoa ein Buch zu schreiben. »Mein Bruder ist im Januar 2018 aber leider verstorben«, sagte Franz Michalski. So bleiben nur noch er und seine Frau, um über das Erlebte zu sprechen.

Franz Michalski: »Als die Gestapo an der Haustür klingelte ...: Eine Familie in ›Mischehe‹ und ihre Helfer«. Gedenkstätte Stille Helden 2013

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