Porträt der Woche

»Alles spielt ineinander«

Michal Or-Guil ist Physikerin und engagiert sich für Hochschulpolitik

von Philipp Fritz  08.05.2017 16:53 Uhr

»Ich möchte meine Religion verstehen und möglichst viel über sie lernen«: Michal Or-Guil lebt in Berlin. Foto: Gregor Zielke

Michal Or-Guil ist Physikerin und engagiert sich für Hochschulpolitik

von Philipp Fritz  08.05.2017 16:53 Uhr

Vor mittlerweile 15 Jahren bin ich von Dresden nach Berlin gezogen. Auch wenn mich die Stadt schon sehr beeindruckt, waren die Gründe dafür vor allem berufliche: Ich bin Wissenschaftlerin und habe damals in Dresden am Max‐Planck‐Institut für Physik komplexer Systeme gearbeitet. Ich wollte meine Forschungsrichtung ändern und mich stärker auf Medizin und Immunologie konzentrieren, jedoch weiter mit den Methoden der Physik arbeiten. Es gab und gibt nach wie vor wenige solcher Jobs.

In Berlin konnte ich aber mithilfe der Volkswagenstiftung selbst etwas Entsprechendes auf die Beine stellen: Ich musste Forschungsgelder einwerben und konnte dann meine eigene Forschungsgruppe gründen. Sie existiert bis heute. Ich arbeite immer noch am selben Institut, inzwischen allerdings mit einer Mitgliedschaft an der Universitätsklinik der Charité am Forschungszentrum für Immunwissenschaften.

gleichstellung Als ich 2002 nach Berlin kam, war die Stadt eine andere. Das kann man sich kaum noch vorstellen. Viele Nachbarschaften waren deutlicher als heute von der Teilung in Ost und West geprägt. Die Zeit vor dem Fall der Mauer hatte Spuren hinterlassen. Die Ost‐Berliner Humboldt‐Universität, an der ich gearbeitet habe, war anders – wobei sicher auch die Freie Universität anders war. Immerhin war die Bachelor‐Master‐Reform noch nicht durchgeführt worden, Forschung und Lehre waren weniger international ausgerichtet und Frauen seltener in Führungspositionen anzutreffen.

Neben meiner Forschungsarbeit beschäftigen mich Themen wie Fragen der Gleichstellungspolitik und Qualitätssicherung in der Wissenschaft. Neben meiner wissenschaftlichen Tätigkeit engagiere ich mich daher auch in der Universitätspolitik. Ich habe mich lange ausschließlich mit fachlichen Inhalten befasst und mich in Arbeitsgruppen mit anderen Studenten und Uni‐Mitarbeitern ausgetauscht.

Aber ich habe begriffen, dass ich, wenn ich wirklich akademisch vorankommen möchte, die institutionelle Struktur der Hochschule nicht einfach ignorieren kann. Mich treiben also zwei komplexe Systeme um: das Immunsystem und die Universität.

spieleabende In Dresden, wo ich vor meinem Umzug nach Berlin wohnte, habe ich mich sehr wohlgefühlt. Dass sich eine Ausländerin – ich wurde in Israel geboren und habe dann bis zu meinem 14. Lebensjahr in São Paulo in Brasilien gelebt – oder ein halbwegs offener Mensch in Dresden wohlfühlt, mag heute für viele unverständlich sein. Der Ruf der Stadt hat wegen der Pegida‐Proteste und Fremdenfeindlichkeit im Allgemeinen ordentlich gelitten.

Ich kann sagen: Auch Ende der 90er‐Jahre war in der Stadt schon eine Ablehnung gegenüber vermeintlich Fremden zu spüren. Für mich war sichtbar, dass es Probleme gibt. Fremdenfeindlichkeit generell ist sichtbarer in Dresden, wo es eine präsente rechte Szene gibt. Genauso ist aber auch die offene und tolerante Stadt sichtbarer als andernorts. Es gibt eine aktive, große Bewegung gegen Rechts und für Offenheit – das war mein Umfeld.

Ich wurde am Institut, wo Menschen aus aller Herren Länder gearbeitet haben, wie auch in meiner Nachbarschaft mit offenen Armen willkommen geheißen und habe Freunde gefunden. Meine Nachbarn haben zum Beispiel ein Willkommensfest organisiert, es gab auch mal Spieleabende. Dresden kann etwas wunderbar Familiäres haben. Dass sich Intoleranz und Hass derart Bahn gebrochen haben, wie die Pegida‐Märsche zeigen, tut mir sehr leid. Ich weiß, dass die Stadt anders sein kann.

studium Um in der Vergangenheit noch weiter zurückzugehen: Vor meiner Dresdner Zeit, also vor 1997, habe ich in Münster Physik studiert und promoviert. Zur Schule gegangen bin ich im Ruhrgebiet, in Mülheim und in Duisburg.

Anfangs fiel es mir als 14‐jährige Jugendliche schwer, mich in der Schule in Deutschland einzugewöhnen, meine ersten Schuljahre habe ich in São Paulo verbracht, meine Muttersprache ist Portugiesisch. Aber Kinder lernen Sprachen bekanntermaßen schnell. Es hat nicht lange gedauert, und ich konnte recht gut Deutsch sprechen. In Israel habe ich nie längere Zeit gelebt, trotzdem spreche ich etwas Hebräisch, aber als Fremdsprache.

Einen zusätzlichen Sprachkurs habe ich damals nicht angeboten bekommen, heute werden Neuankömmlinge anders integriert. Das ist gut. Die Schulleitungen in Deutschland haben dazugelernt, und viele Kinder sind nicht mehr dermaßen auf sich alleine gestellt.

militärdiktatur Von der südamerikanischen Metropole ins kleine, beschauliche Mülheim: Das war schon ein Kulturschock. Das Leben im Ruhrgebiet ist einfach ein anderes.

Brasilien wurde damals von einer Wirtschaftskrise geplagt, und meine Eltern haben in Deutschland Arbeit gefunden und die Gelegenheit genutzt, mit mir und meinen Geschwistern nach Deutschland zu ziehen. Mein Vater ist Betriebswirt, meine Mutter hat als Lehrerin gearbeitet. Im Rentenalter sind beide dann nach Jerusalem gezogen, im vergangenen Jahr aber sind sie zurück nach Deutschland gekommen, der Kinder und der Enkelkinder wegen. Ich habe Nichten und Neffen.

Meine frühen Jahre in São Paulo waren prägend für mich. Bis in die Mitte der 80er‐ Jahre hinein herrschte in Brasilien eine Militärdiktatur. Als Kind war mir vieles sicherlich nicht bewusst, aber ich habe doch eine Atmosphäre der Beklemmung wahrgenommen, in der Schule und auch in der Familie. Ich hatte den Eindruck, dass mir bestimmte Rechte vorenthalten werden. Ich hatte oft das Gefühl, aufpassen zu müssen, nicht das Falsche zu sagen oder zu tun.

formeln Ich glaube, diese Erfahrungen haben dazu beigetragen, dass ich mich mit vielen Menschen in Dresden so gut verstanden habe. Es gibt Parallelen zwischen der Stasi‐Herrschaft in der DDR und dem Régime der Generäle in Brasilien.

In Gesprächen in Dresden konnte ich Vergleiche zwischen den Systemen ziehen. Oft verstand ich mich mit den Dresdnern auch wortlos. So negativ das eben Gesagte klingen mag: In der Diktatur spielt dafür Kultur eine zentrale, positive Rolle. Das ist mein Erbe und das der Dresdner.

Wir hatten bestimmte Formeln für bestimmte Botschaften. Kritik am herrschenden System kann sich eben gut in Kunst und Kultur ausdrücken. Das ist etwas Großartiges, das sich seinen Weg trotz einer gegenwärtigen Bedrohung bahnt.

Dass ich mich für Religion interessiere, ist hingegen etwas, dass ich nicht mit so vielen Dresdnern teile. Ich würde nicht sagen, dass ich religiös bin, aber dass ich jüdisch bin, ist mir wichtig. Ich trage es nicht nach außen, aber ich habe Freude an Traditionen und Ritualen, am Schabbat und an Gottesdiensten. Für mich steht nicht nur der spirituelle Aspekt der Religion im Vordergrund – ich möchte meine Religion verstehen, möglichst viel über sie lernen. Übrigens interessiere ich mich auch für andere Religionen, ihre Geschichte und ihre Traditionen.

synagoge Das klingt nun so, als wäre Religion das Einzige in meinem Leben, so ist es nicht, ich bin nicht orthodox, Pluralität wird für mich großgeschrieben, also die verschiedenen Formen und Spielarten des Judentums. Meine Großeltern waren nicht religiös, aber sehr traditionell. Gerade im Judentum gehen Tradition und Religion oft Hand in Hand. Meine Eltern sind religiös, dabei jedoch sehr liberal.

In Berlin gehe ich regelmäßig und gerne in die Synagoge Rykestraße. Ich mag das alte Backsteinhaus und die Stimmung während der Gottesdienste. Übrigens findet dort einmal im Monat ein von Studenten organisierter Gottesdienst statt. Mir gefällt das natürlich besonders gut, denn ich engagiere mich für ELES, das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk. Ich bin dort Vertrauensdozentin und sitze im Beirat.

Hier kommen Wissenschaft und Lehre zusammen, und ich kann dazu noch mit meiner Gemeinde und Studenten in einen Dialog treten. Dass ELES staatlich gefördert wird, ist wichtig. Denn Wissenschaft, Staat und Religionsgemeinschaften sollten sich füreinander interessieren und so positiv aufeinander einwirken.

Ich glaube, dass ich mir meine Interessen gut zurechtgelegt habe: Wissenschaft, Studienpolitik und meine Gemeinde – alles spielt ineinander.

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