Schabbaton

Aktiv leben

Juri und Julia Lembrikov aus Halle sind mit ihren beiden Töchtern nach Radebeul gekommen. Foto: Ayala Goldmann

Das Tagungshotel liegt an einer ruhigen Straße. Vom Garten aus sind die Terrassen der Weinberge zu sehen. Gäste tummeln sich in der Lobby. Der junge Eli Konnik aus Antwerpen trägt einen schwarzen Anzug und Hut. Er ist einer von 300 Teilnehmern des Grand Schabbaton des Bundes traditioneller Juden (BtJ) unter dem Motto: »Judentum (Inter) Aktion«. Für die vielen Kinder und Jugendlichen unter ihnen gibt es ein eigenes Programm. Doch der 15‐Jährige gehört eher zur großen Gruppe Männer, die vor allem eines wollen: gemeinsam Schabbat feiern und Tora lernen. Eli ist mit seinem Vater nach Radebeul gekommen, Rabbiner Ruven Konnik. Für Eli steht schon fest, er möchte Rabbiner werden. Darauf bereite er sich vor, dieser Schabbaton sei eine gute Gelegenheit.

Radebeul vor den Toren Dresdens ist schon zum vierten Mal Gastgeberin des Grand Schabbaton. Vor allem für Familien sei die Situation ideal, sagt Eventmanagerin Daniela Kalmar‐Schönberger. Das Hotelteam ermögliche die Einrichtung einer koscheren Küche. Lebensmittel liefere das junge Catering‐Unternehmen, »La Kosher« aus Leipzig. Die geborene Wienerin hat schon sechs Schabbatons organisiert. Und was am wichtigsten ist: »Dieses Hotel hat einen natürlichen Eruv. Gebäude und Park sind mit einem Zaun umgeben. Und so ist es den Familien möglich, am Schabbat ihre kleinen Kinder zu tragen oder mit dem Kinderwagen spazieren zu fahren.«

Die Bambergers aus Frankfurt haben einen weiten Weg hinter sich. Sie wolle Freunde wiedertreffen, sagt Gabriela Bamberger, die ihre beiden Töchter dabei hat. Sie lobt das umfangreiche Familienprogramm mit Kinderbetreuung. »Wir leben Judentum jeden Tag auch zu Hause. Als religiöse Minderheit sind wir für ein paar Tage in der Mehrheit. So erleben wir, wie schön unsere Religion ist.«

Schabbatfeiern Familie Juri und Julia Lembrikov kommt aus Halle an der Saale. Sie gehörten zwar zu einer sehr traditionellen Gemeinde, den Schabbat könnten sie jedoch nicht immer so ausgiebig feiern. Oft müssten sie am Wochenende arbeiten. Tochter Nadiya geht noch zur Schule. Für sie ist es schön, so viele jüdische Jugendliche zu treffen. Der Schabbat wird hier nicht nur strikt eingehalten, sondern auch ausgiebig gefeiert – mit allen Gottesdiensten, Schiurim und Seudot. Schon beim ersten Mincha dringt kräftiger Gesang aus dem improvisierten Synagogenraum. Am Rande des Kiddusch‐Saales sitzen Frauen im Kreis. Sie diskutieren über die »Inspiration zum Kerzenzünden«, bevor eine von ihnen den Segen über die brennenden Lichter spricht.

Zu Kabbalat Schabbat und Maariv tanzen rund 100 Männer durch die Synagoge. Die Frauen sind durch eine Mechiza vom Männerteil getrennt. In seiner Drascha spricht Rabbiner Julian Chaim Soussan aus Frankfurt über die Friedensbotschaft, die von der Tora ausgeht, besonders vom Priestersegen: »Der Ewige wende Sein Angesicht dir zu und gebe dir Frieden.« Er geht auch auf den Sinn dieses Treffens gleich nach Schawuot ein. Alle hätten viel Tora gelernt, mehr und länger als sonst. Und nun schon wieder? Soussan vergleicht das mit einer durchzechten Nacht. Da helfe am besten ein sogenanntes Konterbier. Übersetzt heiße das, noch mehr Tora zu lernen.

Oberrabbiner Stargast ist Paul Chaim Eisenberg. Der Oberrabbiner von Österreich ist ein begnadeter Witzeerzähler. Der Schabbaton sei für ihn ein halber Urlaub, sagt er mit unverkennbar wienerischem Akzent und lobt das Programm, besonders das für junge Paare und Kinder. »Ich erwarte nicht, dass das Judentum aufblüht, hoffe aber, Menschen dafür zu interessieren«, meint er lächelnd. Die Gruppe hier sei schon sehr traditionell. Schon durch seine Alltagskleidung hebt sich Rabbi Eisenberg von den meisten der anderen Kollegen ab. Das passt zu seinem Motto: »Rabbiner müssen die Regeln kennen und Oberrabbiner auch die Ausnahmen.«

Viele Themen werden in den drei Tagen angerissen, auch politische. So spricht Rabbi Steven Weil darüber, wie der Sechstagekrieg vor 50 Jahren die jüdische Gesellschaft verändert hat. Eine Exkursion führt die Jugendlichen nach Dresden. Es gibt eine Bar‐Nacht im Club »Standesamt« am Dresdner Palaisplatz. Ziel sei, Kontakte zu knüpfen, sagt Rabbiner Elias Dray vom Organisatorenteam. So ein Schabbaton sei ja auch eine Art Partnerbörse. Beim ersten Mal hätten sich Singles kennengelernt, beim zweiten Mal waren sie verheiratet, und nun hätten sie ihr erstes Kind dabei. Was könnte es Besseres geben? Letztendlich gehe es um Identität, um jüdische Identität, meint der Gemeinderabbiner aus Amberg in Bayern.

Dresden Leider gebe es auch dieses Mal wieder kaum Kontakt zur Jüdischen Gemeinde Dresden, bedauert deren Vorsitzende Nora Goldenbogen. Und sie beklagt auch die spärlichen Informationen im Programmheft. »Dem BtJ sind wir wahrscheinlich zu liberal, sodass nicht erwogen wird, uns zu besuchen.«

Für solch einen Fall hat Oberrabbiner Eisenberg einen Witz parat und erzählt die Geschichte eines Schiffbrüchigen. »Bevor ihn die Retter wieder mit nach Hause nehmen, will er ihnen noch zeigen, was er auf der Insel alles gebaut hat. Haus, Garten, zwei Synagogen. Was brauchst du alleine zwei Synagogen? In die eine gehe ich nicht!« Ein Witz, aber doch Realität, sagt Rabbi Eisenberg. Und alle Zuhörer lachen.

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