Jom Haazmaut

Ahavat Israel

Gemeindemitglieder sprechen über ihr Verhältnis zum jüdischen Staat

 24.04.2012 07:54 Uhr

Gründung des Staates, Familie, Freunde, Party, Identität: Mit Israel verbinden Gemeindemitglieder viel mehr als nur ein Land am Mittelmeer. Foto: Frank Albinus

Gemeindemitglieder sprechen über ihr Verhältnis zum jüdischen Staat

 24.04.2012 07:54 Uhr

Am 14. Mai 1948 verlas David Ben Gurion die Unabhängigkeitserklärung für Israel. Damit war der jüdische Staat geboren. Nach dem hebräischen Kalender war dies der 5. Ijar. Jährlich wird an diesem Tag der Jom Haazmaut als ein fröhlich‐heiteres Fest gefeiert, das viele Israelis zu Ausflügen mit Freunden und Familie nutzen. Mit welchen Gedanken begehen Juden in Deutschland diesen Tag? Durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion hat sich hierzulande das Verhältnis zum jüdischen Staat in den Gemeinden gewandelt. Doch die Mehrheit der deutschen Juden sieht in Israel immer noch die wichtigste Zufluchtsstätte. Lesen Sie, was das Land für jeden Einzelnen bedeutet:

Verbundenheit
Schon als Jugendlicher in der ehemaligen Sowjetunion verspürte Max Privorozki eine enge Bindung an Israel. Gerade die Tatsache, dass Israel bei den Kommunisten als »böser« Staat galt, nahm den antikommunistisch erzogenen jungen Mann für das Land ein. Heute ist Max Privorozki 48 Jahre alt, lebt seit 21 Jahren in Deutschland und ist Vorstandsvorsitzender des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Sachsen‐Anhalt und der Jüdischen Gemeinde Halle.

Seine Beziehung zum jüdischen Staat ist mit den Jahren immer stärker geworden. Sein erster Besuch in Israel bleibt unvergesslich: »Ich habe mich richtig verliebt!« Es begeistert ihn, was das Land innerhalb von nur sechs Jahrzehnten erreicht hat, »und das ohne Öl, ohne unbegrenzte Wasserreserven, ohne andere Schätze. Aber das ist falsch: Der Schatz dort sind die Menschen. Und die sind wesentlich wertvoller als Öl, Gold und Kohle zusammen.« Max Privorozki ist davon überzeugt: »Den Wohlstand, den die Israelis sich aufgebaut haben, wollen sie nicht in vernichtenden Auseinandersetzungen verlieren.«

Privorozki sieht Israel als starken, durchsetzungsfähigen Staat. Manche Leute – obwohl keineswegs antisemitisch eingestellt – hätten damit ein Problem: »Sie sind es historisch gewohnt, die Juden als Opfer zu sehen, mit denen man Mitleid hat. Es ist für sie sehr ungewöhnlich, dass ein jüdischer Staat sich selbst verteidigen kann – und das ernsthaft und erfolgreich.« Trotzdem bereiten ihm die zahlreichen Probleme des Landes Sorgen. »Ich trauere, wenn es dem Land schlecht geht, und freue mich, wenn Israel etwas erreicht hat«, beschreibt Privorozki seine Solidarität mit Israel. Wenn er mehr Zeit hätte, würde er gern häufiger in das Land reisen, in dem er auch Verwandte und Freunde hat. Aber mehr als gelegentliche Besuche sind zurzeit nicht drin. (Karin Vogelsberg)

Ein Stück Heimat
Vor vier Jahren reiste Nora Goldenbogen, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, zum ersten Mal nach Israel – und fühlte sich zu ihrer eigenen Überraschung dort gleich zu Hause. »Wenn man dort ist, spürt man das Besondere. Und ich glaube, das geht nicht nur mir so.« Für die promovierte Historikerin ist vor allem die Geschichte des Landes interessant und die Tatsache, dass dort viele jüdische Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen eine Heimat gefunden haben.

»Man spürt aber auch hautnah die Spannungen der Gegenwart, die nicht nur Israel, sondern die ganze Region betreffen«, schildert Nora Goldenbogen ihre Eindrücke und fügt hinzu: »Für mich ist es normal, dass man sich darüber Sorgen macht, und dass es unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, wie man zu Lösungsschritten kommen kann.« Die gebürtige Dresdnerin ist der Meinung: »Einfache Antworten verbieten sich in dieser Frage.« (Karin Vogelsberg)

Israel ist unsere Stütze
»Israel ist unsere Stütze und Stärke, mit allen Stärken und Schwächen. Meine Frau und ich haben sehr viele nahe Verwandte in Israel, zu denen wir regen Kontakt halten«, sagt Leo Friedman, Heimleiter des Altenzentrums der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Er versucht deshalb, regelmäßig dorthin zu fliegen. Zumindest einmal im Jahr sitzt die Familie garantiert im Flugzeug: Wenn es zur Behandlung von Friedmans Sohn ins Hadassah‐Hospital nach Jerusalem geht.

Die politische Situation in Israel beunruhigt Friedman, weil »der Iran so offen mit seinem Antisemitismus umgeht« und sich auch nicht lange bitten lässt, wenn es darum gehe, antizionistische Aktionen oder Propaganda zu unterstützen. Mit der Vorgehensweise des Irans wird nach Ansicht Friedmans »die Messlatte für Erträgliches immer höher gesetzt«. Dies führe wiederum zu Debatten um Überflüssiges – der Antisemitismus und die Bedrohung des Staates Israel würden dadurch zur Nebensache. Friedmans Hoffnung: »Ich wünsche eine schnelle Lösung mit den Palästinensern. Das wäre ein echter Friedensfortschritt.« (Rivka Kibel)

Reiseziel der Sehnsucht
Israel gehört für Anna Tkacheva zu den Sehnsuchtsländern: »Leider war ich noch nicht dort, aber ich würde gerne hinfahren!« Die Politik des Landes befürwortet die Journalistin: »Ich halte sie für absolut richtig und effektiv.« Israel ist für sie eines der wenigen Länder, »wo die Grenzen zwischen Gut und Böse nicht fließend sind«. Die Gesetze seien zwar streng, dabei würden aber die Menschenrechte kompromisslos beachtet. Für die 32‐Jährige kann dies als »wertvolles Vorbild für viele Nationen angesehen werden«.

Auch dass Israel seine Geschichte bewahrt, aber gleichzeitig mit einem modernen Lebensstil und Innovationen aufwarten kann, beeindruckt Tkacheva: »Die Erfahrung des Landes, in dem sechs Millionen Juden leben – genau so viele, wie von Nazis umgebracht worden sind –, lässt es nicht zu, dass die Geschichte in Vergessenheit gerät. Israel vereinbart einen gewissen Konservatismus aber mit neuesten Entwicklungen und innovativen Technologien«, lobt die Journalistin und hebt dabei die Bedeutung ihrer Landsleute hervor: »Die Emigranten aus der UdSSR, die in vergangenen Jahrzehnten massenhaft nach Israel gekommen sind, bilden eine wichtige Grundlage für die wissenschaftliche und wirtschaftliche Landesentwicklung. Ich finde das sehr positiv, dass die besten Köpfe der russischstämmigen Juden, die in Russland keine Möglichkeit hatten, auf einem entsprechenden Niveau zu studieren, zu arbeiten und zu forschen, jetzt die Wissenschaft Israels in allen Richtungen vorantreiben.« (Rivka Kibel)

Wo die Familie wohnt
»Ich bin zwar im Nordwesten Frankfurts geboren und somit ein ›echter‹ Frankfurter, fühle mich aber wegen des doch immer wieder spürbar hohen latenten Antisemitismus in Deutschland, leider, nicht wirklich zu Hause«, bedauert Alon Meyer, Präsident von Makkabi Frankfurt. Deswegen bedeutet ihm Israel so viel: »Ich spüre bereits beim Anflug auf den Ben‐Gurion‐Flughafen einen Anstieg meines Adrenalinspiegels und somit ein gutes heimisches Gefühl.«

Das liegt sicher auch daran, dass Meyers Bruder schon seit 1995 in Israel lebt. Ebenso seine Mutter und deren vier Geschwister samt Familien sowie Meyers Großmutter – die meisten von ihnen in Tel‐Aviv. Auch viele Jugendfreunde Meyers leben mittlerweile in Israel, »haben sich dort akklimatisiert und fühlen sich pudelwohl«. Der 37‐Jährige reist mindestens ein‐ bis zweimal jährlich nach Israel, 2011 sogar fünfmal.

Ans Auswandern denkt der Makkabi‐Chef trotzdem nicht: »Wegen meines doch stark ausgeprägten jekkischen Verhaltens, vor allem im geschäftlichen Sinne, kommt das für mich zurzeit nicht infrage«, sagt Meyer selbstanalytisch.

In Fragen der Politik äußert sich der dreifache Vater zurückhaltend: »Ich habe weder in der Armee gedient noch lebe ich in Israel. Deshalb möchte ich kein Urteil über die Politik im Lande abgeben.« Grundsätzlich, sagt Meyer, sei er für Kritik. Doch »darf keinesfalls zugelassen werden, dass sich antisemitisches Gedankengut hinter angeblichen antizionistisch gemeinten Äußerungen versteckt.« (Rivka Kibel)

Lebensversicherung
Für Jean Bernstein sind die Geschehnisse in Israel derzeit relevanter als der Wahlkampf in Nordrhein‐Westfalen. »Da ist es mir wichtiger zu wissen, was gerade in Israel passiert«, sagt der 23‐Jährige. Obwohl er in Deutschland geboren wurde, betrachtet Bernstein Israel als seine zweite Heimat. Und mehr noch: »Es ist auch eine Lebensversicherung. Denn dieses Land gibt jedem Juden ein Zuhause.«

Dass dieses Zuhause bedroht sei, davon ist der Maschinenbau‐Student überzeugt. Gerade komme die gespannte Lage wieder in Bewegung, wie man am Konflikt mit Ägypten um die Gasleitungen sehen könne. In seinem jüdischen Freundeskreis würde man auch immer wieder über die politische und gesellschaftliche Entwicklung in Israel sprechen. »Bei meinen nichtjüdischen Freunden ist das aber kaum ein Thema«, sagt Bernstein. Dabei sei es, glaubt der Jugendleiter der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, besonders wichtig, mit der Lage in Israel und dem gesamten Nahen Osten an die Öffentlichkeit zu gehen.

»Das ist auch eine Chance für die Gemeinden, nicht wie ein abgeschlossener Verein zu wirken.« Im Sommer wird Jean Bernstein wieder nach Israel aufbrechen, Verwandte besuchen und zur Kotel gehen. »Ich weiß nicht, wohin mein Leben führt«, sagt er. »Aber in Israel zu leben, wäre eine Überlegung wert.« (Zlatan Alihodzic)

Urbane Veränderungen
Michael Rubinstein war zehn Jahre alt, als er zum ersten Mal nach Israel reiste. »Die ganze Familie machte sich auf: meine Eltern und meine beiden Geschwister und ich – das war ein toller Urlaub. Drei Jahre später war ich zu meiner ersten Machane dort«, erzählt der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Duisburg‐Mülheim‐Oberhausen.

Wenn er jetzt als Erwachsener zurückschaue, stelle er fest, wie viel sich geändert hat, wie pulsierend und auch wie vielfältig das Leben dort geworden ist. »Tel Aviv hat jetzt beispielsweise mehr Wolkenkratzer als Frankfurt/Main, es ist eine lebendige und liberale Stadt«, findet Rubinstein.

»Ich sehe aber natürlich auch, welche Konflikte es gibt, welche sozialen Sprengsätze existieren. Sie zeigen sich ja auch im Stadtbild deutlich, wenn man von einer der schicken Straßen abbiegt und plötzlich feststellt, dass man in einer Gegend ist, in der sich seit 50 Jahren nichts geändert hat.«

Vor Pessach habe er sich den Luxus erlaubt, für 72 Stunden nach Israel zu fliegen, weil ein Freund heiratete. »Diese kurze Zeit hat richtig gutgetan. Als Urlaubsland ist Israel nur zu empfehlen, mir gefällt dieses urbane Leben dort sehr.« Der Rhythmus sei ein anderer, ist Rubinstein überzeugt. »Und auch die Philosophie, die nicht dem hiesigen ›leben, um zu arbeiten‹ entspricht – obwohl sie nicht ganz meine ist, ich bin vielleicht zu deutsch.«

Wenn er in das Land komme, sei es, als käme er nach Hause. »Wünschen würde ich mir eine dauerhafte Friedenslösung, die man auch im Stadtbild sehen kann. Ich habe keine Angst, mich in Israel zu bewegen, aber Normalität wäre nicht zuletzt für die Menschen dort wichtig.« Außerdem solle Israel bei aller wichtigen säkularen Entwicklung nicht vergessen, dass es ein jüdischer Staat ist, mit dem Werte verbunden seien. (Elke Wittich)

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