Chanukka

Was sich Jüdinnen und Juden wünschen. Eine Umfrage

Viktoria Dohmen (36), Emmendingen
Auf die Chanukkafeier unserer Gemeinde freue ich mich sehr. Vor ein paar Jahren bin ich als Jugendzentrumsleiterin in Rente gegangen und habe so Platz für eine neue Leitung gemacht. Seitdem herrscht dort ein frischer Wind. Vor langer Zeit hatte ich es mit aufgebaut, heute bin ich Jugendreferentin für JuJuBa (Jüdische Jugend Baden). Besonders gespannt bin ich auf das Theaterstück. Natürlich auch, weil meine sechsjährige Tochter mitspielt. Die Chanichim haben es selbst geschrieben, die Kostüme entworfen und es mit den Kindern einstudiert. Ich habe es noch nicht gesehen. Thema wird natürlich die Chanukka-Geschichte sein. Nach der Vorführung werden sie durch die Reihen der 180 Besucher gehen, um Chanukkagelt einzusammeln. Auch zu Hause werden wir Kerzen anzünden. Ich hoffe, dass ich irgendwann einmal aufwache und der Krieg gegen Israel nur ein schlechter Traum war. Aber dieses Wunder wird es nicht geben.

Katja Kulakova (54), Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Dresden
Die Kerzen werden wir an verschiedenen Orten unserer Gemeinde anzünden. Dieses Jahr haben wir uns überlegt, einmal mit den Teilnehmern des Seniorenklubs, des Computerkurses, des Frauenklubs und des Malkurses sowie mit dem Synagogenchor die Kerzen zu entzünden. Unser Chanukkafest feiern wir im Saal An der Kreuzkirche. An der Kleinen Synagoge in der Fiedlerstraße und in unseren Interims-Büroräumen werden wir mehrere Male die Kerzen anzünden. Zu Chanukka werden wir also sehr aktiv sein. Worauf ich gespannt bin, ist, dass wir so an verschiedenen Orten verschiedene Leute treffen werden – und ich freue mich auf die Gespräche. Parallel dazu fangen die Vorbereitungen für unseren Umzug an. Denn seit dem Frühjahr wird unsere Synagoge saniert, und wir haben ein Übergangsdomizil. Aber es stand von vornherein fest, dass wir es Ende des Jahres wieder räumen müssen. Es war schwer, überhaupt etwas Passendes zu finden. Zehn Tage haben wir nun fürs Einräumen Zeit. Wir sind nicht so eine große Gemeinde, ich würde sagen, dass wir eher eine Familie sind, so eng sind wir miteinander verbunden und befreundet. Deshalb kommen wir fast jeden Tag in die Gemeinde. Und gerade jetzt stehen wir zusammen und können über unsere Sorgen und Ängste sprechen. Aber nun widmen wir uns erst einmal dem Licht – und planen viele Kulturveranstaltungen für Januar.

Igor Wolodarski (66), Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Kiel und Region
Im ehemaligen, jetzt umgebauten Volksbad finden seit 25 Jahren unsere Gottesdienste und Veranstaltungen statt. Doch da der Platz nicht mehr ausreicht, möchten wir auf der Fläche hinter dem Gebäude eine Synagoge bauen. Etwa 325.000 Euro fehlen uns noch – und natürlich hoffen wir auf ein Wunder, dass die Finanzlücke rasch geschlossen werden kann. Sicherheitshalber werben wir schon um Spenden. Insgesamt 3,2 Millionen Euro soll der lichte Kubus inklusive Sanierung des angrenzenden Altbaus kosten. Die Planung steht. Sobald die noch fehlende Summe aufgetrieben ist, kann es losgehen. Wir haben uns entschieden, die neue Synagoge nach dem letzten amtierenden Rabbi in Kiel in der Schoa zu benennen: Arthur Posner. Das Bild von dem Chanukkaleuchter, das um die Welt ging und das seine Frau Rahel aufgenommen hatte, wird in unserem Gemeindesaal auf einer Stelltafel seit 15 Jahren ausgestellt. Durch die Aktion »Licht zeigen« wurde es berühmt. Im Rahmen dieses Projekts kamen auch die Nachfahren des Rabbis, die in Israel leben, nach Kiel – obwohl sie sich geschworen hatten, nie einen Fuß in das Land des Holocaust zu setzen. Wir haben uns um sie gekümmert, sie mit koscherem Essen versorgt, zum Schabbatgottesdienst eingeladen, und sie waren glücklich. Die Idee, die neue Kieler Synagoge nach ihrem Großvater zu benennen, freut sie. Auch eine Dauerausstellung zum jüdischen Leben in Kiel vor der Schoa wollen wir auf die Beine stellen – und zwar gut sichtbar. Anfang 2025 könnte die Posner-Synagoge fertig sein. Da die Stimmung wegen der Kriege bei unseren Mitgliedern eher bedrückt ist, verzichten wir in diesem Jahr bei unserer Feier auf Tanz und Musik. Aber ich freue mich auf unser Zusammensein und das gemeinsame Kerzenzünden.

Inna Shames (65), Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kiel
In diesen Tagen muss ich immer an meinen Großvater denken, denn er hatte eine Chanukkia aus einem Holzstück gebaut. Meine Familie war vor Jahrzehnten aus der Ukraine nach Usbekistan geflohen. In Taschkent wurde sie sesshaft, und dort wurde ich geboren. Ich wuchs im muslimischen Stadtbezirk Machalla Dzhar Kutscha auf, wo wir uns sehr wohlfühlten. Mein Opa tränkte die Dochte der selbst gedrehten Kerzen immer in Baumwollsamenöl. Wenn er die Kerzen anzündete, qualmten sie stark. Meine Oma hatte Pflaumen- und Kirschmarmelade eingekocht, die wir in den Sufganiot aßen. Wir bekamen als Kinder auch Chanukkagelt – russische Rubel, da war die Freude immer groß. In Usbekistan durften wir Chanukka nur heimlich feiern. Lange Zeit habe ich nicht gewusst, dass ich Jüdin bin. Erst als ich das »J« im Klassenbuch entdeckte, erfuhr ich es. Vor mehr als 20 Jahren kam ich mit meiner Familie nach Deutschland. Als wir zum ersten Mal die vielen Kerzen, die zu Chanukka und auch zum Weihnachtsfest gehören, gesehen haben, war ich über die Gemeinsamkeiten der Feste überrascht. Meine Kinder leben heute in den USA, wo es ganz selbstverständlich ist, dass eine Chanukkia und ein Weihnachtsbaum nebeneinander stehen. Zum Entzünden der dritten Kerze hat sich unser Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) angekündigt – vor dem Synagogenfenster wird er das Licht anzünden, sodass es von der Straße aus gesehen wird. Damit zeigt er uns seine Unterstützung und gibt uns Zuversicht, die alle Juden derzeit dringend brauchen. Viele Mitglieder haben Angst. Ich denke auch an meine Schwester, die gehbehindert ist und seit dem 7. Oktober Tag und Nacht in Israel in einem Schutzraum sitzt. Zusammen mit dem Baby ihrer Tochter. Beide können im Notfall nicht in den Bunker rennen – deshalb harren sie dort aus. Ich möchte das jüdische Leben weiter sichtbar machen. Und für mich ist es ein Wunder, dass ich das Lichterfest frei feiern kann.

Sergej Kamylin (37), Villingen-Schwenningen
Wunder könnte ich gut gebrauchen. Ehrlich gesagt bin ich nicht so richtig in Feststimmung. Mich bedrückt die ganze Weltlage, natürlich die Kriege in der Ukraine und in Israel besonders. Und ich mache mir große Sorgen um meinen zweiten Sohn, Daniel, der mit der sogenannten Spinalen Muskelatrophie Typ 2, einer angeborenen Muskelschwäche, auf die Welt kam. Seine Muskeln werden sich immer weiter zurückbilden. Nun steht ausgerechnet zu Chanukka eine wichtige und dringende Behandlung an, für die wir nach Göttingen fahren müssen. Meine Frau und ich nehmen es, wie es kommt. Aber das ist nicht leicht. Zum Kerzenzünden am 10. Dezember werden wir mit unseren vier Söhnen – der jüngste ist gerade mal 14 Monate alt – zu unserer Gemeinde nach Rottweil fahren. Dort werden wir zusammen Lieder singen. Früher waren Daniel (10) und sein älterer Bruder David (11) immer bei der Theateraufführung dabei, aber dieses Jahr gibt es keine. Was die beiden im Übrigen nicht bedauern. Sie sind froh, dass sie nur singen müssen. Am Montag darauf werden Daniel und ich uns auf den Weg machen. Meine Frau musste ihre Arbeitsschichten so legen, dass sie David und Aron (5) neben Schule und Kita betreuen kann, der Jüngste besucht noch keine Einrichtung und wird deshalb die Tage bei meinen Schwiegereltern genießen. Daniel geht sehr gern in die Schule – nun wird er ein paar Tage fehlen müssen.

Shanna Schulman (14), Frankfurt
Mit meinen Geschwistern dekoriere ich unsere ganze Wohnung. Anhänger kommen an die Lampen, Sticker an unsere Fenster, und der Tisch wird feierlich mit Leuchtern gedeckt. Abends werden meine Großeltern kommen, wir werden Geschenke austauschen und die Kerzen anzünden. An ein Geschenk erinnere ich mich besonders gern: Vor Jahren erhielt ich einen Gutschein für die Patenschaft eines Kindes. Damit wurde ein Kind, das in einem Heim lebt, unterstützt. Für ein Jahr bekam es ein neues Leben. Erst hatte ich den Gutschein nicht so richtig wertgeschätzt, jetzt aber bedeutet er mir so viel, dass ich ihn aufgehoben habe. Es wird das erste Chanukkafest ohne meine große Schwester sein, denn sie ist wieder in ihr Internat nach Israel zurückgekehrt. Ich freue mich für sie, aber ich bin besorgt. Aus Sicherheitsgründen darf sie die Schule nicht verlassen. Sie fehlt mir in diesen Tagen besonders. Vor der Frankfurter Oper steht eine große Chanukkia, und zum Lichterzünden wird meine Familie dabei sein. Das ist immer richtig schön. Ich wünsche mir, dass der Krieg vorbei ist. Das wäre für mich das wichtigste Wunder.

Tetyana Borodina (46), Berlin
Chanukka ist das Fest der Lichter und der Wunder. Mir geht es gerade gut, denn ich habe den Deutschkurs B2 bestanden und kann nun meine Ausbildung zur Erzieherin machen. An drei Tagen die Woche werde ich in der Kita arbeiten, an zwei Tagen studieren. In der Ukraine war ich Lehrerin. Außerdem bin ich glücklich, dass wir eine eigene Wohnung mieten konnten und meine Tochter und ich nun jeweils ein eigenes Zimmer haben. Nach dem 24. Februar 2022 sind wir aus der Ukraine geflohen und konnten in Berlin zur Untermiete wohnen. Seitdem engagiere ich mich in der Masorti-Kita. Nun haben wir zu dritt eine Sonntagsschule gegründet. Und da werden wir zum Chanukkafest die Kinder und Eltern einladen. Meine Tochter hat bereits eine Chanukkia gebastelt. Chanukka sagt uns, dass wir Zeit haben. Und die wollen wir beim Fest genießen.

Dana Alpar (31), Berlin
Wir brauchen nicht nur ein Wunder, sondern viele. Für Keren Hayesod bemühen andere und ich uns darum, jüngere Leute als Spender zu gewinnen, denn wir brauchen für Israel jeden Euro. Die nächsten Monate werden hart, auch für die freigelassenen Geiseln. Sie werden psychologische Hilfe brauchen – und genau dafür sammeln wir Spenden. Persönlich freue ich mich auf die Feier mit meinen Freunden und meiner Familie. Ich besuche gern privat organisierte Feiern zu Chanukka. Etwa 200 Leute werden zu einem privaten Chanukkafest erwartet – und ich bin eine von ihnen. Zusammen werden wir Kerzen anzünden und Latkes essen. Und auf Wunder hoffen.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

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