Besuchsprogramm

35.000 Ehemaligen die Stadt gezeigt

Auftrag erfüllt: Rüdiger Nemitz empfängt dieser Tage seine letzten Besucher. Foto: Stephan Pramme

»Wir haben unser Ziel erreicht«, sagt Rüdiger Nemitz, Leiter des Senats-Besuchsprogramms für ehemalige Berliner. In diesen Tagen wird der 64-Jährige der letzten Gästegruppe die Hauptstadt zeigen. Um die 35.000 Besucher haben an dem Programm teilgenommen. Nun sei die Warteliste abgearbeitet. Nemitz rechnet nur noch mit einzelnen Interessenten. Dass eine weitere Gruppe von 80 Teilnehmern zusammenkommt, kann er sich nicht vorstellen. »Wir haben Besucher, die sind 1921 geboren.« Nemitz organisiert seit mehr als 40 Jahren ein Besuchsprogramm, er kümmerte sich um die Unterbringung in Hotels, die Besichtigungen von Sehenswürdigkeiten, Kulturveranstaltungen und um die Teilnahme an Empfängen.

Angst Als der Berliner Senat 1969 ein Besuchsprogramm für Menschen, die in der Nazi-Zeit emigriert waren, beschloss, seien Waschkörbe voll Anmeldungen gekommen, so Nemitz. Er war von Anfang an dabei, damals noch als Jurastudent. So viele Menschen wollten ihre ehemalige Heimatstadt wiedersehen. Bis zu drei Millionen Mark wurden anfangs zur Verfügung gestellt. Zehn Mitarbeiter waren im Einsatz. »Viele Gäste hatten Angst, diese Stadt wieder zu betreten«, hat Nemitz erfahren. Die Menschen kehren schließlich an einen Ort zurück, mit dem sie schwere Erinnerungen verbinden. »Sie brauchen Mut für diese Reise.« Das Emigrantenprogramm sei länger angeboten worden als ursprünglich gedacht, so Nemitz. Viele hätte jahrelang warten müssen, bis sie kommen konnten.

Glückwunsch Nachdem die Teilnehmer wieder abgereist waren, erzählten sie zu Hause von ihren Erlebnissen in Berlin. Meistens meldeten sich daraufhin bei der Senatsverwaltung weitere Interessierte. »Sie waren die besten Botschafter für unsere Stadt«, sagt Nemitz. Noch heute habe er mit etlichen Besuchern Kontakt und bekomme auch zu den Feiertagen Glückwunschkarten. 560.000 Euro umfasst mittlerweile der jährliche Etat. Auch für 2011 ist das Geld bereits vom Berliner Senat bewilligt. »Falls doch noch mehrere Gäste kommen wollen.« In den letzten Jahren stand Rüdiger Nemitz eine Mitarbeiterin zur Seite. Nun sitzt er allein in seinem Büro im Roten Rathaus, denn die Sekretärin ist vor wenigen Tagen in den Ruhestand verabschiedet worden.

»Nun gibt es nur noch in Hamburg ein Emigrantenprogramm, die anderen Städte haben es bereits abgeschlossen«, sagt Nemitz. Der 64-Jährige wird ebenfalls demnächst in Ruhestand gehen. Der genaue Zeitpunkt hänge allerdings davon ab, ob es doch noch Anfragen geben wird, sagt er. Erst wenn keine mehr kommt, kann er seinen Schreibtisch ausräumen. Und dann will Rüdiger Nemitz seine früheren Gäste in ihrer jetzigen Heimat besuchen. Einladungen hat er zuhauf.

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