Hannover

13 Gemeinden, 9.000 Mitglieder

Der Landesverband Jüdischer Gemeinden von Niedersachsen feiert gleich ein Doppel‐Jubiläum. Am 28. Juni 1950 wurde er gegründet. Fast auf den Tag genau vor 30 Jahren, am 11. Juni 1980, wählte man den Rechtsanwalt Michael Fürst zum Vorsitzenden. Heute gehören 13 Gemeinden mit insgesamt 9.000 Mitgliedern zum Landesverband, die größte davon mit rund 4.500 Mitgliedern ist Hannover. Gefeiert wurde in der hannoverschen Synagoge in Anwesenheit der Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch und Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister sowie rund 300 prominenten Gästen aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens.

Nachwuchs 30 Jahre Vorsitzender, kein anderer Landesverband kann auf so eine kontinuierliche Führung zurückblicken, betont Fürsts Stellvertreterin Sara‐Ruth Schumann. Und kaum ein Politiker auf eine so lange Amtszeit, scherzte der Ministerpräsident. Mit dem Nachwuchs scheint es dagegen eher schlecht bestellt zu sein. Er hoffe zwar, sagt Michael Fürst trocken, dass er die nächste Feier allenfalls noch als Ehrenvorsitzender erlebe, bislang sei jedoch kein Nachfolger für ihn in Sicht. »Wir haben keine jungen Leute, die sich ehrenamtlich engagieren wollen.«

Vor drei Jahrzehnten bedeutete die Wahl von Michael Fürst einen Generationswechsel. 1947 geboren, wurde der junge Rechtsanwalt Repräsentant seiner Gemeinde und saß als einer der jüngsten Delegierten für die jüdische Gemeinde Hannover im Zentralrat der Juden in Deutschland. 1980 wollte entschied man sich das erste Mal für jemanden, der nach dem Krieg geboren war, der eine akademische Ausbildung hatte, der Deutsch sprach und der sogar bei der Bundeswehr war. »Im Zentralrat galt ich deswegen lange als Militarist. Aber die Bundeswehr war für mich ein selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft, und ich nehme für mich in Anspruch, sie der jüdischen Gesellschaft wieder nähergebracht zu haben«, sagt Fürst, der auch an der Spitze des Verbandes jüdischer Bundeswehrsoldaten steht.

Seine Amtszeit wurde durch eine Reihe von Ereignissen geprägt. 1983 schloss er den ersten Vertrag zwischen der Landesregierung und dem Landesverband ab, denn eines seiner Hauptanliegen war und ist eine solide finanzielle Basis. Die wird es wohl auch in Zukunft geben. McAllister versprach, dass die niedersächsische Regierung auch künftig ein enger und vertrauensvoller Partner sein werde.

Abspaltung 1997 erfolgte die Trennung liberal gesinnter Gemeindemitglieder. Dieser Bruch sei nicht nötig gewesen, sagt Michael Fürst. »Das hätte auch ein langsamer Prozess sein können.« Zwar war für ihn die Gründung egalitärer Gemeinden zuerst durchaus gewöhnungsbedürftig, aber heute betont er in Gesprächen nachdrücklich, dass Niedersachsen der erste Landesverband war, der einen weiblichen Rabbiner einsetzte. »Michael Fürst spricht Tacheles und erhebt im entscheidenden Moment die Stimme, um das Richtige zu sagen, auch wenn einige es nicht hören wollen«, sagt Charlotte Knobloch in ihrer Rede beim Festakt. Gegenwind gab es daher in der Vergangenheit reichlich. »Aber die Unterstützung des Landesverbandes habe ich immer gehabt«, so Fürst.

Dieser steht heute vor Problemen, mit denen 1980 noch niemand rechnen konnte. »Als ich den Vorsitz übernahm, lebten in Deutschland noch 28.000 Juden, und unser Verband hatte 500 Mitglieder. Heute sind es in der Bundesrepublik rund 100.000 und in unserem Verband 9.000.« Der Zuzug der sogenannten Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion, der ab 1989 einsetzte, stellte die Gemeinschaft vor große Herausforderungen. Aber bedeutet auch »die Chance für das Judentum, in Deutschland zu überleben«, sagt Michael Fürst. »Wir sind die am größten gewachsene jüdische Gemeinschaft in Europa oder sogar in der Welt. Heute sind wir 13 Gemeinden und haben unsere Mitgliederzahl versechsfacht.« Ein Punkt, den auch Charlotte Knobloch in ihrer Rede betont: »Deutschland ist für uns Juden wieder eine Heimat. Die Arbeit von Michael Fürst und seinem Landesverband ist exemplarisch für diesen Neubeginn«, sagt die Zentralratspräsidentin.

Willkommen Mit offenen Armen habe man die russischen Juden in Niedersachsen aufgenommen, erzählt Michael Fürst. 95 Prozent der Gemeindemitglieder sprechen Russisch. Aber die Sprachbarriere ist nur ein Problem. »Die Gründung der jüdischen Gemeinden nach 1945 war ungleich einfacher als die Integration der russischen Juden. Die Überlebenden der Lager, überwiegend polnische Juden, hatten ihr Judentum mitgebracht, den traditionellen Ritus in die Synagoge eingeführt«, erläutert Fürst. Die neuen Einwanderer verfügten hingegen kaum über ein jüdisches Basiswissen. »Ihnen das erst einmal zu vermitteln, ist enorm schwierig und auch die Aufgabe für die Zukunft. Wir Juden haben Jahrtausende überlebt, weil wir das Judentum nicht nur als Religion verstanden haben, sondern als das Bewahren von Tradition. Wenn sie also begreifen, dass sie die Tradition erhalten müssen, um dadurch vielleicht erst zu einem Juden zu werden, dann haben wir etwas erreicht.«

Eine schwierige Aufgabe, die man in Niedersachsen jedoch gut zu meistern scheint. Als »Wegbereiter und Vorbild für hervorragende Integrationsarbeit« bezeichnet Hannovers Bürgermeisterin Hilde Moennig die jüdischen Gemeinden. Integration ist das Ziel, welches auch die Zukunft prägt. Als Jude wolle man heute ein ganz normaler Bestandteil der Gesellschaft sein, betont Michael Fürst. Nichts Besonderes und bitte auch nicht abgeschottet.

Ein Beispiel dafür ist der neu erbaute Kindergarten, den Hannovers Gemeinde im September eröffnen wird. Der sei offen für alle Kinder, und er persönlich hätte auch keine Bedenken, muslimische oder palästinensische Kinder aufzunehmen, sagt der Landesvorsitzende. Nach einer kleinen Pause fügt er jedoch hinzu: »Aber ich weiß nicht, ob die palästinensische Gemeinde schon so weit ist.«

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