Kaschrut

Weibliche Kontrolle

Kaschrut ist auch Frauensache. Foto: Thinkstock

Das israelische Oberrabbinat will erstmals in seiner Geschichte Frauen als Kaschrut-Kontrolleurinnen (Maschgichot) einsetzen. Neun Frauen haben Anfang Mai an einer entsprechenden Abschlussprüfung des Oberrabbinats teilgenommen. Sollten die Kandidatinnen bestehen, wären sie die ersten Maschgichot ihres Landes und dürften in jeder Einrichtung, die das orthodoxe Oberrabbinat als koscher zertifiziert hat, die Einhaltung der jüdischen Speisevorschriften kontrollieren.

Rabbiner Tuvia Hod-Hochwald, Kaschrut-Experte der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, sagte der Jüdischen Allgemeinen, er bewerte die neue Entwicklung positiv: »Ich sehe kein Problem darin, dass eine Frau Maschgicha sein soll.«

Kaschrut-Kontrolle sei oft herausfordernd – etwa, wenn es darum gehe, morgens um drei Uhr in einer Bäckerei einen Ofen anzuzünden oder die Herstellung von Milch zu überwachen. Doch Frauen könnten diese Aufgaben genauso gut übernehmen wie Männer, ist der Rabbiner überzeugt. In Deutschland gibt es laut Hod-Hochwald derzeit weniger als 20 Maschgichim, die allerdings nicht in einem Kurs, sondern von einzelnen Rabbinern ausgebildet wurden. Doch auch eine Maschgicha habe es in Deutschland schon gegeben: In der Kölner Gemeinde habe jahrelang eine Frau die Kaschrut überwacht.

Zugeständnis
Das Zugeständnis des orthodoxen Oberrabbinats, das bisher ausschließlich Männer zu Kaschrut-Überwachern (Maschgichim) ausbildete, geht auf eine Petition der orthodoxen jüdischen Frauenorganisation Emunah im Jahr 2012 an das Oberste Gericht Israels zurück. 2013 hatte Emunah auf eigene Initiative einen sechsmonatigen Kurs in Kaschrut-Kontrolle für Frauen gestartet, der auf dem Lehr- und Prüfungsplan des Oberrabbinats beruhte.

Unterrichtet und geprüft wurden unter anderem die Überwachung nichtjüdischer Köche und die koschere Schlachtung (Schechita). Im vergangenen Jahr votierte der Oberste Rabbinerrat Israels schließlich dafür, weibliche Kaschrut-Kontrolleure zuzulassen.

»Wir werden für alles kämpfen, das es Frauen möglich macht, an religiösen Zeremonien teilzunehmen, solange halachische Prinzipien nicht verletzt werden«, sagte Liora Minka, Geschäftsführerin von Emunah. »Solange es bei religiösen Zionisten Konsens ist, sollen diese Bereiche auch Frauen offenstehen – dafür setzen wir uns ein.«

autoritäten Falls die neun Kandidatinnen das Kaschrut-Examen bestehen, werden sie Teil einer wachsenden Gruppe von Frauen sein, die in Israel auf bestimmten Gebieten des jüdischen Religionsgesetzes als Autoritäten anerkannt sind. Dazu gehören auch Rechtsanwältinnen, die vor Israels religiösen Gerichten (Batei Din) auftreten – und informelle Beraterinnen für Gesundheit und Sexualität. In ihren Bereich fallen auch die jüdischen Regeln der »Familienreinheit« (taharat hamischpacha).

Manche Frauen sehen diese Entwicklung als Meilenstein zur Anerkennung von Frauen als Rabbinerinnen auch in der Orthodoxie. Doch den Teilnehmerinnen, die den Kaschrut-Kurs des Oberrabbinats besucht haben, geht es nicht zwingend um Gleichberechtigung. »Wir müssen keine Maschgichim wie die Männer werden«, sagt die 23-jährige Talja Libi. Die junge orthodoxe Mutter nahm an dem Kurs teil, weil sie es für die traditionelle Aufgabe einer jüdischen Frau hält, in ihrer eigenen Küche die Kaschrut zu überwachen.

Der Sprecher des Oberrabbinats, Ziv Maor, sagte der Jewish Telegraphic Agency, rabbinische Autoritäten seien gespalten in der Frage, ob Frauen als Maschgichot tätig sein sollten. Das Oberrabbinat war in der Vergangenheit dagegen gewesen, doch der neue Oberrabbiner David Lau habe sich dafür ausgesprochen.

Inoffiziell Rabbiner Shlomo Ben-Eliahu, der Frauen in dem neuen Kurs unterrichtet, hat schon seit 15 Jahren in seiner Gemeinde im Norden Israels inoffiziell weibliche Koscher-Kontrolleure beschäftigt. Er bestreitet aber, dass die Ausbildung von Frauen ein revolutionärer Schritt für die Orthodoxie sei. Koscher-Kontrolleure setzten lediglich halachische Entscheidungen durch, die von männlichen Rabbinern stammten. »Jeder Maschgiach, der mit mir zusammenarbeitet, steht in täglichem Kontakt mit mir«, sagt er. »Man muss mit dem Rabbi reden, man muss den Rabbi fragen.«

Doch Hemda Shalom, eine 54 Jahre alte Mutter von fünf Kindern, die in der vergangenen Woche das Maschgichim-Examen ablegte, meint, sie sehe den Tag vor Augen, an dem Frauen selbst halachische Entscheidungen fällen könnten. »Wenn eine Frau die Anforderungen dafür erfüllt, warum denn nicht?«, sagt sie. (mit jta)

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  06.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert

Israel

Feiern zu Lag BaOmer am Berg Meron eingeschränkt

An Lag BaOmer gedenken Juden des Aufstands gegen Rom. Zehntausende pilgern traditionell zum Berg Meron in Nordisrael. Kriegsbedingt dürfen dieses Jahr nur 600 kommen – doch Tausende umgehen die Sperren

 05.05.2026

Lag BaOmer

Feuer und Flamme

Zu dem Feiertag werden in Israel viele Lagerfeuer entzündet. Was symbolisieren sie?

von Chajm Guski  05.05.2026

Berlin

Merz: Jüdisches Leben so bedroht wie lange nicht mehr

Das Präsidium der CDU tagte am Montag in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin und verabschiedete einen Beschluss gegen Antisemitismus. Kanzler Merz machte zuvor deutlich, warum das wichtig ist

von Detlef David Kauschke  04.05.2026 Aktualisiert

Wale

Leviathan in der Ostsee

Die Aufregung um »Timmy« zeigt: Riesige Meerestiere faszinieren die Menschen bis heute. Schon die Gelehrten im Talmud hatten ihre Theorien über die Bewohner der Tiefe

von Vyacheslav Dobrovych  03.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  03.05.2026

Talmudisches

Richtig beten

Kawana: Eine bestimmte geistige Haltung ist Vorbedingung für das innere Gespräch mit G’tt

von Yizhak Ahren  01.05.2026

Feiertage

Besondere Zeiten

Die Tora möchte, dass wir uns immer wieder aus unserer Routine lösen, um uns mit unseren Mitmenschen zu verbinden

von Miksa Gáspár  01.05.2026