Am dritten Tag des Pessachfestes wird traditionell das 13. Kapitel aus dem 2. Buch Mose (1–16), gelesen. Auf den ersten Blick ist dieser Abschnitt kurz, enthält jedoch eine Reihe tiefgründiger Gebote. Ich möchte mich hierbei auf ein Gebot aus der Lesung konzentrieren: das der Auslösung des erstgeborenen Esels.
Die Tora sagt: »Und jeden Erstling des Esels sollst du mit einem Lamm auslösen« (2. Buch Mose 13,13). Um diesen Vers zu verstehen, muss man wissen, dass er im Zusammenhang mit der Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei steht. Nach der biblischen Erzählung war die letzte der zehn Plagen der Tod der ägyptischen Erstgeborenen, während die israelitischen Erstgeborenen verschont blieben. Als bleibende Erinnerung daran erklärt die Tora, dass alles Erstgeborene in besonderer Weise Gʼtt »gehört«.
Diese Heiligkeit betrifft sowohl Menschen als auch Tiere, jedoch auf unterschiedliche Weise. Ein erstgeborener Sohn wird durch eine symbolische Geldzahlung an den Kohen, den Priester, ausgelöst; dieses Ritual wird Pidjon HaBen genannt. Erstgeborene männliche Tiere von koscheren Arten, also Rinder, Schafe oder Ziegen, werden hingegen nicht ausgelöst, sondern – zur Zeit des Tempels in Jerusalem – als Opfer dargebracht.
Die Tora verlangt für den erstgeborenen männlichen Nachwuchs des Esels eine Auslösung
Nichtkoschere Tiere unterliegen normalerweise keiner besonderen Regel. Genau hier bildet der Esel eine Ausnahme. Obwohl er nach den jüdischen Speisegesetzen nicht koscher ist, verlangt die Tora für seinen erstgeborenen männlichen Nachwuchs eine Auslösung. Der Besitzer muss ein Lamm oder ein Schaf einem Priester geben. Durch diese Übergabe wird der Esel »freigekauft« und kann danach als Arbeitstier verwendet werden.
Wieso hat der Esel unter allen unkoscheren Tieren eine besondere Stellung? Die Rolle des Esels ist so bedeutend, dass der Abschnitt über die »Befreiung« des Esels einer der vier Abschnitte ist, die auf dem Pergament der Tefillin stehen. Gemeinsam mit der Heiligung des Erstgeborenen, dem Schma Israel und dem Abschnitt über das Gebot der Gʼttesliebe gehört der Freikauf des Esels zu den Texten, die Juden täglich am Arm und am Kopf tragen.
Zusätzlich zur ersten Frage »Wieso gerade der Esel?« kann man also noch eine weitere Frage stellen: »Wieso ist diese Stelle so zentral, dass sie in den Text der Tefillin aufgenommen wurde?«
Ein weiteres unkoscheres Tier wird von der Tora im Zusammenhang mit dem Exodus ausdrücklich erwähnt: »Aber gegen keinen von den Söhnen Israel wird auch nur ein Hund seine Zunge spitzen, vom Menschen bis zum Vieh …« (2. Buch Mose 11,7). Laut unseren Weisen geschah in der Nacht des Auszugs ein besonderes Wunder, bei dem Gʼtt die Hunde daran hinderte, die Israeliten anzubellen.
Wieso ist dieser Teil der Geschichte so wichtig? Wieso war es nötig, dass die Hunde sich in dieser Nacht zurückhielten?
Im Talmud diskutieren die Weisen, wie man die Nacht in drei Abschnitte einteilt
Im Talmud (Berachot 3a) diskutieren die Weisen, wie man die Nacht in drei Abschnitte einteilt und woran man erkennt, in welchem Drittel der Nacht man sich befindet. Rabbi Elieser sagt, die Nacht bestehe aus drei »Wachen«: »In der ersten Wache schreit der Esel, in der zweiten bellen die Hunde, in der dritten spricht eine Frau mit ihrem Mann.«
Die Weisen beschreiben typische Geräusche oder Aktivitäten, die in der antiken Lebenswelt charakteristisch für bestimmte Nachtabschnitte waren. Dieser Abschnitt ist Teil einer Diskussion über die richtige Uhrzeit für das Schma Israel am Abend und darüber, wie man ohne Uhr erkennen kann, welche Uhrzeit gerade ist.
In kabbalistischen und chassidischen Kommentaren zum Talmud wird diese Diskussion über das einfache Verständnis hinaus auf eine metaphorische, mystische Ebene gehoben. Die Nacht wird als Metapher für das Exil des jüdischen Volkes verstanden.
Das hebräische Wort für Esel ist »Chamor«, während »Chomer« Materie bedeutet. Der Esel symbolisiert die Kraft, die uns an unsere niederen körperlichen Bedürfnisse bindet. Deshalb ist das Satteln des Esels die erste Handlung Awrahams, als er den Befehl erhielt, Jizchak zu opfern: »›Nimm deinen Sohn (…) und bring ihn dort auf einem der Berge (…) als Brandopfer dar!‹ Früh am Morgen stand Awraham auf und sattelte seinen Esel« (1. Buch Mose 22, 2–3). Ebenso wird der Messias auf einem Esel reitend beschrieben. Awraham bekämpfte seine Angst, die ihn hinderte, Gʼttes Willen zu tun – und auch der Messias »reitet« auf dem Esel. Man beherrscht seinen inneren Esel und sattelt ihn, nicht umgekehrt.
Der Hund symbolisiert die Regungen des Herzens, die den Verstand besiegen
Das hebräische Wort für Hund ist »Kelew«, eine Zusammensetzung aus »Kol« (vollkommen) und »Lew« (Herz). Der Hund gilt als das herzlichste Tier, ist jedoch unkoscher. Er symbolisiert die Regungen des Herzens, die den Verstand besiegen und uns zu alten Wegen zurückziehen, obwohl wir es besser wissen. So erzählen unsere Weisen, dass in Ägypten keine Wachen nötig waren; jeder konnte in die Freiheit gehen, wenn er wollte. Doch beim Verlassen Ägyptens begann ein lautes Bellen, das immer schlimmer wurde, sodass manche nicht aus eigener Kraft der Sklaverei entkamen. Diese Metapher eignet sich gut, um den Kampf gegen Abhängigkeiten zu beschreiben.
Die Nacht, also das Exil, hat drei Teile: den Esel, den Hund und schließlich die menschliche Gemeinschaft, in der Mann und Frau wieder zueinanderfinden – eine Metapher für die Beziehung zwischen Gʼtt und der Seele, wie sie auch im Hohelied verwendet wird.
Raschi (1040–1105) erklärt, dass der Esel als einziges unkoscheres Tier mit einer Auslösung belohnt wurde, weil die Esel dem Volk Israel beim Auszug halfen, ihr Hab und Gut zu transportieren. Im Gegensatz zum Hund kämpfte unser innerer »Esel« nicht gegen uns, sondern wurde unser Verbündeter.
Unsere Weisen erklären, dass der Mensch einen egoistischen, bösen Trieb und einen altruistischen, guten Trieb hat. Das Ziel ist jedoch nicht, den egoistischen oder sinnlichen Trieb zum Schweigen zu bringen, sondern einen Punkt zu erreichen, an dem sowohl der böse als auch der gute Trieb gemeinsam Gʼtt dienen. Auch die Triebe, die zur Sünde verführen, können somit genutzt werden, um Gʼtt zu dienen.
Der Autor ist Religionslehrer und Sozialarbeiter der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.